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Reportage24. August 2015, 13:00

Im Zweiten Weltkrieg ist Krakau als Einzige der polnischen Metropolen der physischen Devastierung entgangen. Wandert man von der zu Recht gerühmten, herrlichen Altstadt ein paar Minuten in westlicher Richtung durch das Viertel Nowy Świat (Neue Welt), tut sich unversehens eine unübersehbare grasbewachsene Freifläche auf.

foto: michael robausch
Blick auf die Błonia vom Kościuszko-Hügel: im Hintergrund Krakaus Altstadt, links die Umrisse von Wisłas Henryk-Reyman-Stadion.

Die Błonia, zu Deutsch der Anger, erstreckt sich in Dreiecksform über nicht weniger als 48 Hektar und ist seit dem Mittelalter in Gemeinbesitz, nutzbar für alle Bewohner. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein diente das Areal als Kuhweide – und auch heute noch hätte man das Recht auf seiner Seite, wollte man seinen Paarhufer dort ausführen.

Verwickelte Besitzverhältnisse und uralte Rechte schützten die Wiesen vor etwaigen Verwertungsinteressen aller Art. Und auch regelmäßige Überflutungen durch das Flüsschen Rudawa, die die Błonia in eine ungesund-sumpfige Seenplatte verwandelten, trugen nicht zu übermäßiger Attraktivität bei. Kurz: Das urbane Kuriosum ist immer noch da und genießt mittlerweile Schutz als nationales Naturerbe. Johannes Paul II., der polnische Papst, hatte so Gelegenheit, wiederholt zu Felde zu ziehen und auf der Błonia seine Anziehungskraft zu beweisen. Gleich mehrfach füllte er die gigantische Brache bei Messfeiern locker.

Ein Blick auf die Karte.

1:0 Cracovia

Noch viel wichtiger aber: Die Błonia trennt Krakaus ballesterische Widersacher. Nur einen Steinwurf oder zwei voneinander entfernt stehen hier die Heimstätten von Cracovia und Wisła, würde man – Gott behüte! – die herrlichen alten Bäume des Jordan-Parks fällen, bestünde gar Sichtkontakt. Wie Liverpools Stanley Park zwischen Goodison Park und Anfield schiebt sie sich zwischen das Józef-Piłsudski-Stadion Cracovias und Wisłas deutlich mächtigerer Henryk-Reyman-Arena. Beide wecken von außen Assoziationen mit Parkhäusern oder Möbellagern, allein die Dachkonstruktionen für die Flutlichtbatterien machen den hauptsächlichen Verwendungszweck der Gebäude erahnbar.

foto: michael robausch
Die Cracovia-Anhänger nutzen jüdische Symbolik zur Schärfung ihrer Identität. Die Hooligan-Gruppe Jude Gang trägt ihre Matches mit den Wisła-Sharks aus.

Das Wetteifern begann gleich zu Beginn. Beide Vereine wurden 1906 gegründet, Cracovia aber doch etwas früher, und somit können die Pasy (die Gestreiften) die Ehre für sich in Anspruch nehmen, Polens ältester noch existierender Fußballklub zu sein. Überhaupt waren die Krakauer gemeinsam mit den Lembergern die Pioniere in Polens Fußball. Hier, im damals österreichischen Galizien, erlangte das Spiel erste Popularität zu einer Zeit, als davon etwa in Warschau noch keine Rede sein konnte. Dessen Verspätung in (nicht nur) dieser Hinsicht gilt als einer von vielen Trümpfen im ewigen Wettstreit des stolzen Krakau mit der Hauptstadt.

Eine Schlüsselfigur der ersten Jahre war Henryk Jordan. Als Mediziner Advokat körperlicher Ertüchtigung, war es seiner Initiative zu verdanken, dass Leibesübungen als Pflichtfach an polnischen Schulen institutionalisiert wurden. Er war in England mit dem Fußball in Kontakt gekommen und machte nun die Menschen seiner Heimatstadt damit bekannt. Zu diesem Zweck richtete Jordan ein parkähnliches Gelände mit mehreren Spielfeldern, Laufbahnen und einem Schwimmbecken ein. Heute befindet sich dort eine lauschige grüne Oase, eher Ort gemächlicher Erquickung als schweißtreibender Exerzitien. Die Spazierwege werden gesäumt von unzähligen Büsten polnischer Kirchenmänner und Generäle.

Österreichbezug

1910 trat Cracovia dem Österreichischen Fußball-Verband bei und absolvierte eifrig Vergleichskämpfe mit Vereinen aus Wien und Budapest. Dass die Polen dabei durchaus gute Figur machten, mag dazu beigetragen haben, dass die Ungarn 1921 die polnische Nationalmannschaft zu deren erstem internationalem Match luden. Nicht weniger als sieben Mann der Startformation stellten die Pasy. Während des Ersten Weltkriegs trug mit Willy Halpern eine Größe von Hakoah Wien zeitweise die Farben Cracovias. Der Keeper Halpern war der erste Spieler des berühmten jüdischen Sportklubs, der in Österreichs Team berufen wurde. In der Saison 1921/22 stand Halpern, mittlerweile zum Kapitän aufgestiegen, im Goal jener Hakoah-Mannschaft, die bis zur letzten Runde mit dem Sport-Club um die Meisterschaft ritterte – letztlich erfolglos.

foto: michael robausch
Das Józef-Piłsudski-Stadion. Hier spielt heute Cracovia Krakau, 1921 Polens erster Fußballmeister.

Die Krakauer dominierten in der jungen polnischen Republik die Szene. Mit einer Ausnahme stellten Wisła und Cracovia in den ersten elf Jahren des organisierten Spielbetriebs zwischen 1921 und 1932 abwechselnd mit Pogoń Lwów den Meister. Es waren die erfolgreichsten Jahre der Pasy, deren letzter Titel (von insgesamt fünf) aus dem Jahr 1948 datiert. Errungen wurde er unter dramatischen Umständen in einem Entscheidungsspiel gegen Wisła, nachdem die Kontrahenten nach 26 Spieltagen punktegleich an der Tabellenspitze gelegen waren. In den Folgezeiten verloren die Rot-Weißen ihre Vormachtstellung, der lange Niedergang mündete in den 1980er-Jahren in der Drittklassigkeit. Besserung setzte erst ab 2002 ein, als mit dem IT-Unternehmen Comarch endlich ein potenter Geldgeber aufgetrieben werden konnte. Seither arbeitet man an einer gesicherten Existenz in der Ekstraklasa, ganz vollendet ist dieses Projekt bis dato aber noch nicht.

Für Wisła lief es zwar besser, doch auch der Biała Gwiazda (der Weiße Stern) konnte erst nach der politischen Wende 1989 wieder an frühere Erfolge anschließen, nachdem in den Jahrzehnten davor die Vereine aus dem oberschlesischen Industrierevier den Pulsschlag des polnischen Fußballs bestimmt hatten. An der Schwelle zum Millennium begann eine Erfolgsära ohnegleichen: In 13 Saisonen zwischen 1999 und 2011 konnte Wisła gleich acht seiner insgesamt 13 Meistertitel anhäufen. War man dem verarmten Nachbarn lange finanziell deutlich voraus, haben sich die Dimensionen mittlerweile ziemlich angeglichen. Der Gesamtmarktwert des Wisła-Kaders wird aktuell mit 7,85 Millionen Euro taxiert, jener von Cracovia mit 6,80 Millionen. Überschaubare Zahlen, die im Feld der Ekstraklasa aber immer noch für einen Mittelfeldplatz reichen. Mit Abstand an der Spitze liegt hier Vizemeister Legia Warschau mit einer Summe von 23,65 Millionen (alle Zahlen transfermarkt.de).

foto: michael robausch

Cracovias Stadion am südlichen Rand der Błonia liegt schräg gegenüber dem Nationalmuseum, was ganz gut zu dem einem studentischen Umfeld entstammenden Klub und seinem in dieser Gründungszeit wurzelnden Intellektuellen-Image passt. Ein halbes Jahrhundert später sollte diese Einordnung in einer mittlerweile vollkommen veränderten Welt eine Wiederaufladung erfahren: In der sozialistischen Volksrepublik war Wisła dem Ministerium für Inneres zugeordnet worden und daher einigermaßen in Verruf geraten. In einer Stadt, die mit dem Kommunismus nie viel am Hut hatte, ließ sich die kritische Intelligenz folglich lieber bei der Cracovia sehen. Wisła ging damals gar zweitweise seines Namens verlustig und wurde in Gwardia (Garde) umbenannt. In der Periode des politischen Tauwetters in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre wurde diese Maßnahmen dann wieder zurückgenommen. Geblieben ist eine wenig vorteilhafte Titulierung für Wisła-Anhänger: "Hunde" hieß der Volksmund auch die in der Diktatur besonders verabscheuten Vertreter des Staatssicherheitsdienstes.

Keine gute Nachrede

Der Antagonismus zwischen den beiden Vereinen ist ausgeprägt, die Krakauer lieben ihr traditionsreiches Derby (Bilanz nach bisher 190 Duellen: 85 Siege für Wisła, 61 für Cracovia). Doch es kursieren auch viele Geschichten über Gewalt bis hin zum Mord, mafiösen Netzwerken sinistrer Verbrecherbanden und über eine Stadtgeografie, die geprägt ist durch die Aufteilung der Vierteln und Wohnsiedlungen unter rivalisierenden Hooligan-Gruppen. Einiges davon mag stimmen, vieles dürfte aber einer überbordenden Fantasie geschuldet sein, die sich nur allzu willig an der sensationsheischenden Schauermär delektiert. Unterstellungen von Primitivität oder einem Mangel an Zivilisation dürften latent mitschwingen; beim westlichen Blick auf osteuropäische Gesellschaften sind solche ja immer wieder rasch bei der Hand.

Auch die Debatte, wie viel Antisemitismus tatsächlich in scheinbar einschlägigen Graffiti und Ultra-Gesängen steckt, gehört hierher. Beides richtet sich in der Regel gegen Cracovia, wo in der Gründungszeit vereinzelt Juden eine Rolle gespielt hatten. Während für die einen kein Zweifel an der Validität des verabscheuungswürdigen Geschehens besteht – Antisemitismus kommt ja bekanntlich bestens ohne Juden aus –, meinen andere, dass das Wort "Jude" eine völlige Bedeutungsentkernung erfahren habe. Es bezeichnet mithin keinen konkreten semitischen Menschen mehr, der da etwa beleidigt oder herabgewürdigt würde, sondern steht ganz allgemein für die Grausbirnen, die in einem Leben so aufsteigen.

Den Juden hatte dann natürlich Wisła. Und er wurde fast geliebt. Pudelwohl fühlte sich der israelische Mittelfeldspieler Maor Melikson, der von 2011 bis 2013 für den Weißen Stern antrat, nach eigenen Worten. Dabei war er vor seinem Transfer von Hapoel Be'er Sheva eindringlich vor unliebsamen Krakauer Überraschungen gewarnt worden. Kurios auch, dass die recht martialische Bezeichnung "Heiliger Krieg" für die Begegnungen zwischen Wisła und Cracovia ursprünglich dafür verwandt wurde, um das angespannte Verhältnis zweier jüdischer Sportklubs zu charakterisieren: des sozialistisch-bundistisch orientierten Jutrzenka Krakau und dessen zionistischen Antipoden Makkabi. Der Übertrag geht angeblich auf den zu Cracovia gewechselten Jutrzenka-Verteidiger Ludwik Gintel zurück, der, sich vor einem Derby in der Kabine an die Kameraden wendend, gesagt haben soll: "Nun, meine Herren, gehen wir also in diesen heiligen Krieg."

foto: michael robausch
Der Schlüssel zum polnischen Fußball: die Karta Kibica.

Freundschaft!

Am fünften Spieltag der Ekstraklasa, an dem sich der STANDARD die Begegnung Wisłas mit Lechia Gdańsk gab, war all das weit weg. Ganz weit weg. Doch der Reihe nach, schließlich hat der Gesetzgeber vor den Matchbesuch die Karta Kibica gesetzt. Nur wer im Besitz dieses Fan-Ausweises ist, kann im Anschluss auch eine personalisierte Eintrittskarte erwerben – allerdings ausschließlich für die Heimspiele des ausgebenden Vereins. Wer etwa den Anspruch hegt, ligaweit mit dabei sein zu wollen, bräuchte 16 dieser Ausweise im Scheckkartenformat zum Preis von etwas mehr als zwei Euro das Stück. Im Henryk-Reyman-Stadion wurden sie von jungen Damen an die Herren gebracht. Die Prozedur inklusive Fotoshooting in den klimatisierten Räumlichkeiten war in wenigen Minuten erledigt und wurde angesichts der niederdrückenden Hitze draußen geradezu als ein Segen empfunden. Dass ein Sitzplatz in bester Lage zum Preis von 38 Złoty äußerst wohlfeil daherkam, löste dann auch keine atmosphärische Störung aus. Spitzenfußball in bestem infrastrukturellem Umfeld für weniger als zehn Euro – wo gibt es das sonst noch?

foto: michael robausch
So sah das Wisła-Stadion noch bis in die 1980er-Jahre hinein aus. Dann wurde ein Neubau der Haupttribüne beschlossen. Dass das Geld dafür fehlte, realisierte man dummerweise erst nach den Abrissarbeiten. Zehn Jahre sollte es dauern, bis 1996 schließlich doch noch etwas weiterging.

Wisła und Lechia verbindet ein sehr spezielles Institut: die Fanfreundschaft à la polonaise. So sehr man sich anderwärts hassen kann, so sehr liebt man sich auch: aufs Ganze gehend. Die Ultras beider Seiten versammelten sich gemeinsam auf einer Tribüne, ihre Transparente in trauter Eintracht nebeneinander am Zaun davor. Danziger aber waren nur wenige darunter.

Nach dem Abgang eines etwas melancholischen grünen Drachenmaskottchens schmetterte das mit 11.115 Menschen gerade zu einem Drittel ausgelastete Stadion zunächst die Nationalhymne und wollte damit auch gar nicht mehr aufhören. Danach folgte mit dem Wisła-Lied noch ein ausführlicher Nachschlag – die schon bereitstehenden Mannschaften mussten mit dem Anstoß zunächst noch zuwarten. Nach der mit Inbrunst absolvierten nationalen Pflicht setzte Wisła zunächst zur Kür an. Die arme Gdańsk-Verteidigung kassierte in zehn Minuten zwei Goals, so einen Gast lobt man sich. Die rot-weiß-blau-grüne Fan-Union ließ unterdessen abwechselnd beide Mannschaften hochleben, ein ununterbrochenes Hintergrundrauschen, in etwa so kurzweilig wie ein auf Dauergedudel gestelltes Radio. Die Danziger werden angesichts des Trauerspiels wohl nur mit halbem Herzen dabei gewesen sein.

Recht flott erodierte im weiteren Verlauf der Partie dann die fast ausschließlich auf Schein, den Unzulänglichkeiten des Gegners nämlich, beruhende Superiorität des Weißen Sterns. Lechia kombinierte nun phasenweise recht fesch, bei den Krakauer Nadelstichen brach die Ahle spätestens beim zweiten (Fehl-)Pass. Die Defensivreihen beider Seiten verhielten sich weiterhin einladend; die Danziger drehten sich, angelaufen, ähnlich flink wie die rostenden Kräne in ihrer berühmten Werft. Und auch die Wisłaner interpretierten Deckungsarbeit eher als Möglichkeitsform.

foto: michael robausch
Tribüne C. Hier vollzog sich Wunderliches: Ultras gegnerischer Teams in Brüderlichkeit vereint.

Als Lechia ausglich, rollte langsam doch das ein oder andere lange unterdrückte Kurwa (vulgär für: Prostituierte) von den Zungen der Väter auf der Familientribüne – eine für hiesige Verhältnisse geradezu unglaubliche Zurückhaltung. Währenddessen bei den Wisła-Ultras: disziplinierte Freude. Man ließ nicht locker in der Entschlossenheit, Gemeinsamkeit zu zelebrieren. Ein bizarres Schauspiel. Noch einmal ging Krakau in Führung, noch einmal glich Danzig aus. 3:3 – das perfekte Resultat eines nicht untypischen Kicks Marke Ekstraklasa: technisch ansprechend, körperlos, eher gemächlich.

Hätte Lechia in der letzten Minuten noch einmal gescort, statt den Ball an die Stange zu setzen, wäre die allgemeine Nettigkeit schon noch einer ordentlichen Zerreißprobe unterworfen worden. So aber zog an diesem höchst gesitteten vergangenen Sonntagabend allein der Unparteiische Missfallenskundgebungen auf sich. (Michael Robausch, 24.8.2015)