America's Golden Girl: Modemacherin Tory Burch

20. August 2015, 16:12
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In zehn Jahren baute Tory Burch ein Milliardenbusiness auf: Begegnung mit einer Frau, deren Mode so unangestrengt wirkt wie sie selbst

Manchmal muss es etwas kosten. Scharenweise steigen hübsche junge Leute aus schwarzen Limousinen, die im Schritttempo an der Place des Vosges vorgefahren werden. Die Frauen in Cocktailkleidern, die Männer vorzugsweise in Jeans und Brokat-Slippern. Es ist die Zeit der Haute-Couture-Schauen in Paris, und ein Event jagt das andere. Die Gartenparty, die an diesem lauen Sommerabend in der weitläufigen Gartenanlage inmitten des Marais steigt, übertrumpft die meisten anderen. Drüben in der Börse geben sich anlässlich einer Jubiläumsfeier der Kosmetikmarke Lancôme Julia Roberts und Kate Winslet die Klinke in die Hand, hier in einem Hinterhof der Place des Vosges feiert das junge, hippe Paris. Wer die Gastgeberin ist, scheinen dabei nicht alle zu wissen.

Eröffnungsparty mit Lauryn Hill & Anna Wintour

Tory wer? Erst als sich die Sängerin Lauryn Hill zwischen zwei Hits überschwänglich bei jener Frau bedankt, die das hier alles bezahlt, scheint bei vielen der Groschen zu fallen. Selbst tritt Tory Burch nicht vor das Publikum. Stunden vorher eröffnete die amerikanische Modemacherin auf der Rue Saint-Honoré ihren ersten Flagshipstore, danach lud Anna Wintour, die Chefin der amerikanischen "Vogue", zu Ehren von Burch zum Dinner. Am darauffolgenden Tag werden alle Society-Spalten der Pariser Zeitungen mit Bildern von Burch voll sein. Burch und Jessica Alba. Burch und Lauryn Hill. Burch und Anna Wintour.

"America's Golden Girl" wird Tory Burch des Öfteren genannt. Die auf ihren Namen lautende Modemarke, die sie vor rund zehn Jahren mit einem Startkapital von zwei Millionen Dollar gründete (u. a. aus der Tasche ihres damaligen Mannes), wird heute auf über drei Milliarden Dollar bewertet. Aus dem All-American Society-Girl ist eine der erfolgreichsten Geschäftsfrauen in der Modewelt geworden. Und aus einer (gelangweilten) Ehefrau und Mutter eine Unternehmerin, die die herkömmlichen Luxushersteller das Fürchten lehrte. Nachdem sie in den USA selbst in Provinzstädten mit eigenen Geschäften präsent ist, streckt Burch seit einigen Jahren die Fühler nach Europa aus – und lässt sich den Markteintritt etwas kosten.

Ladies who lunch

Im Unterschied zum amerikanischen Markt kann sie dabei hier nicht auf den Klang ihres Namens vertrauen. Tory Burch, das ist die Upper East Side, wie sie im Bilderbuch steht. Der Vater Erbe eines Papptassenimperiums und Bonvivant, die Mutter eine ehemalige Schauspielerin, die mit Steve McQueen ausging. Das ergibt Wohltätigkeitscocktails im Winter und Gartenpartys in den Hamptons im Sommer. Selbst in der Zeit, in der sie sich einen Rosenkrieg mit ihrem Exmann lieferte (unter anderem wegen des Einstiegskapitals), wurde sie kaum ohne ein Lächeln auf den Lippen fotografiert: ohne dieses typische amerikanische Zahnpastalächeln, wie (vorzugsweise europäische) Kritiker gerne unken.

Auch am Tag nach der großen Sause trägt sie es im Gesicht. Dazu hat sie ein leichtes Sommerkleid und flache Schuhe an. Normalerweise schlendern so amerikanische Touristinnen durch die Stadt. Unangestrengt ist ein Wort, das in Bezug auf Burchs Mode häufig fällt: unangestrengt, unaufgeregt, easy. "Meine Mode ist lebensbejahend, optimistisch, farbenfroh, man muss über sie nicht allzu viel nachdenken," wird sie irgendwann im Laufe des halbstündigen Gesprächs im Hotel Bristol sagen.

foto: tory burch
Marrakesch meets Chelsea: Tory Burch verknüpft in ihren Designs Ethno und Vintage.

Faltenfrei

Es gibt wahrscheinlich niemanden, der Burchs Mode besser verkörpern könnte als sie selbst. Selbst mit 49 schaut sie aus wie in ihren Zwanzigern – allerdings ohne das eine oder andere Fältchen, das Menschen in diesem Alter normalerweise haben. Entschuldigen Sie, meine Kinder, sagt sie, als das Telefon klingelt. Einer ihrer drei Buben hat ein Problem.

Es ist eine Welt wie aus einem Hochglanzmagazin, für die der Name Tory Burch steht, allerdings eine, in der man kein Vermögen ausgeben muss, um eine Eintrittskarte zu lösen. 2004, als die erste Staffel der Fernsehserie "Desperate Housewives" ausgestrahlt wurde, entwarf Burch am Küchentisch ihrer Wohnung (die sich im New Yorker Luxushotel Pierre befand) ihre erste Kollektion. "Es ging darum, eine Lücke zu füllen, die mir persönlich aufgefallen ist", erklärt sie elf Jahre später: "Designerkleidung, die aber nicht so viel wie herkömmliche Designermode kostet. Ich wollte schöne Dinge entwerfen, ohne dabei auf teure Materialien zurückgreifen zu müssen", ein Konzept, das aus heutiger Sicht nicht unbedingt revolutionär klingt, es aber durchaus war.

Viertelpreis, volles Design

Kaum ein Unternehmen beackerte damals das weite Feld zwischen Designermode und Massenmarktlabels, zwischen Prada und Mango, wenn man so will. Gleichzeitig waren alle bass erstaunt, als sich eine Kollektion wie jene von Karl Lagerfeld für H&M wie warme Semmeln verkaufte. Die Kunden sonnen sich gerne im Glanz von Designernamen, haben aber nicht das Kleingeld, um sich Luxusmode zu kaufen. Statt 2000 Dollar für eine Handtasche verlangt Burch 500, statt 1500 für eine Tunika 300.

Dafür bietet die Modemacherin, die zuvor zwar für diverse amerikanische Modefirmen in der PR, aber nie im Design gearbeitet hat (und auch keine Modeausbildung besitzt) das volle Programm: Shops, die genauso luxuriös, aber wesentlich freundlicher anmuten als jene von Gucci & Co, Designs, die Ethno mit Vintage, High End und Streetwear vermählen, und natürlich ein Logo (ein doppeltes T), das sofort wiedererkennbar ist. Als Oprah Winfrey 2005 in ihrer Talkshow eine Burch-Tunika trug, bedeutete das den Durchbruch für das gerade einmal ein Jahr alte Label.

foto: ap/tory burch
Reva Ballerina mit dem typischen Logo.

159 Geschäfte weltweit

"Als ich anfing, war ich ziemlich naiv – aber in einer guten Art," erzählt Burch. "Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommen würde – unglaublich viel Arbeit, all die Probleme. Ich würde es wieder tun, aber vielleicht zuvor eine Spur länger darüber nachdenken." Zeit zum Nachdenken hatte Burch in den vergangenen Jahren kaum. Bis vor kurzem fungierte sie sowohl als Designerin als auch als CEO ihres Unternehmens, früh setzte man auf den Online-Verkauf, erweiterte das Sortiment um Accessoires, Uhren, Düfte. Die (öffentlich geführte) Scheidungsschlacht mit ihrem Mann zog sich über Jahre hin.

159 Geschäfte hat Burch mittlerweile weltweit, die Zeit des schnellen Wachstums ist aber vorbei. Die Konkurrenz im oberen Mittelpreissegment ist größer geworden. Es war nicht zuletzt Burch, die gezeigt hat, wie man auch in dieser Preiskategorie erfolgreich sein kann. "Ich wäre nicht glücklich, jeden Tag Tennis zu spielen und im Club zu Mittag zu essen," sagt sie und setzt dann wieder ihr perfektes Lächeln auf: "Ich habe viele Freunde, die genau das machen, und sie sind zufrieden damit. Ich wäre es nicht." (Stephan Hilpold, Rondo, 21.8.2015)

tory burch
Video von der Fashion Week New York mit der Kollektion für Herbst-/Winter 2015.
  • Die US-amerikanische Modedesignerin Tory Burch ist selbst das beste Testimonial für ihre Mode.
    foto: noa griffel

    Die US-amerikanische Modedesignerin Tory Burch ist selbst das beste Testimonial für ihre Mode.

  • Hier ihre aktuelle Herbst-/Winter-Kollektion.
    foto: tory burch

    Hier ihre aktuelle Herbst-/Winter-Kollektion.

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