Normen-Tsunami: Suche nach dem richtigen Maß

19. August 2015, 05:38
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Zu viele, zu teuer: Die richtige Strategie für die Normung sorgt in Österreich derzeit für einen heftigen Disput

Önorm A 1080 brachte im Vorjahr das Blut der Österreicher in Wallung. Der Vorschlag für eine Neufassung der trockenen Materie geschäftlicher Schriftverkehr enthielt mit dem Abraten vom Binnen-I gesellschaftspolitischen Sprengstoff.

Auch die bodenständigere Baubranche und mit ihr die Wohnbauträger bescherten dem Normungsinstitut Austrian Standards (ASI) heiße Dispute. "Bei der Normenentstehung fehlt die Prüfung. Das macht Bauen um bis zu 15 Prozent teurer", kritisiert der Vorarlberger WKO-Direktor Helmut Steurer, dass niemand prüft, ob jede Norm gebraucht wird.

Die geschlechterspezifische Regelung von Sprache – Stichwort Binnen-I – wurde für nicht normierungsfähig befunden; beim Bau sondiert nun ein "Dialogforum", ob es nicht eine Vereinfachung bei den Bauregeln geben kann.

Außerdem ist derzeit eine Novellierung des Normengesetzes im Gange, die allerdings auf viel Kritik stößt. Kaum ein gutes Haar lassen Industrie, Fachverbände, Sozialpartner, Unis und das ASI selbst an dem vom Wirtschaftsministerium vorgelegten Entwurf.

Altbewährter Prozess

Worum geht es? Normierung ist doch ein altbewährter Prozess. Das Deutsche Institut für Normung gibt es seit immerhin 1917, in Österreich entstand die erste Norm – für Gewinde – 1921. "Dass es technische Normen braucht, ist keine Frage", sagt Steurer, vieles gehe aber zu weit. Im neuen Entwurf liegen die Schwerpunkte auf Kontrolle und verschärftem Aufsichtsrecht durch das Wirtschaftsministerium, was diesem den Vorwurf der "Verstaatlichung" einbringt. Das ASI stößt sich daran, dass bestimmte Normen gratis zur Verfügung gestellt werden sollen. Dies zu Zeiten, in denen – nachdem das Wirtschaftsministerium seinen Beitrag gestrichen hat – ohnedies Einnahmen fehlen.

Der deutsche Partner DIN sieht damit seine Geschäftsgrundlage bedroht, weil er befürchtet, viele Normen nicht mehr verkaufen zu können. Sollte es so weit kommen, will DIN englischsprachige Normen nicht mehr ins Deutsche übersetzen.

Unentgeltliche Vereinsarbeit

Dass das ASI seit 2014 von den bis dahin gratis arbeitenden Experten einen Jahresbeitrag von 450 Euro einhebt, erboste viele – obwohl die Deutschen ebenfalls einen solchen Obolus einheben. Mit dem neuen Gesetz soll dieser Beitrag fallen. Andere klagen, dass künftig, wer eine Norm beantragt, im Voraus deren Entstehungskosten bezahlen soll. Industriekonzerne haben mehr Ressourcen, um ihre Interessen durchzusetzen – sowohl personell als auch finanziell, lautet ein Einwand.

Um den Konflikt zu verstehen, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Zahl und Inhalte der Normen spielen dabei eine Rolle. 40 bis 60 erschienen jährlich in den 1930er- Jahren. Gut 5000 werden heute begutachtet, 3000 umgesetzt, rund zwei Drittel davon überarbeitet. Der Zuwachs hat mit Globalisierung, technischen Entwicklungen und damit zu tun, dass Normung schon lange über Schrauben und Gewinde hinausgeht. Konzerne, die ihre Normen durchsetzen, haben außerdem einen Wettbewerbsvorteil. Es geht heute um die Qualität von Prozessen oder Fragen der Ökologisierung. Besonders betroffen ist mit fast der Hälfte der rund 25.000 geltenden Normen das Bauwesen. Der Kunststoffbelag für Sportanlagen ist ebenso geregelt wie das Vertrags- und Gewährleistungswesen. Die Komplexität der Materie wächst dabei den Beteiligten zuweilen über den Kopf.

Missverständnisse

Unverständliche Normen führen zu Missverständnissen, widersprüchliche zu rechtlichen Auseinandersetzungen, sagt Ziviltechniker Erich Kern: "Die Klagebereitschaft bei Normverstößen nimmt zu, auch um den Kaufpreis zu drücken." Auf die Freiwilligkeit gibt er wenig: "Sie wirken aus Gründen der Haftungsfeststellung wie Gesetze."

Normung ist technische Diplomatie, an der fein austarierte Gremien und Komitees, in denen betroffene Marktteilnehmer vertreten sind, mitwirken. Deren Aufgabe sollte auch die Abwägung von Kosten und Nutzen sein. (Regina Bruckner, 19.8.2015)

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