Atmende Insekten und das CO2-Geschäft: Die FPÖ und der Klimawandel

Analyse19. August 2015, 08:00
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FPÖ-Politiker bezweifeln regelmäßig den Anteil der Menschen an Klimaveränderungen

ARGUMENT: Klimaveränderungen gibt es, seit es die Erde gibt

Im Bereich des Klimaschutzes zeigte sich Heinz-Christian Strache im ORF-"Sommergespräch" am Montag auf Linie mit seiner Umweltsprecherin Susanne Winter: Es gebe keinen wissenschaftlichen Beweis für einen vom Menschen verursachten Klimawandel. Das Klima wandle sich, "seit der Planet Erde existiert", begründet der FPÖ-Chef.

Fakt ist, im CO2-Kreislauf gibt es dramatische Veränderungen. Zur Veranschaulichung: Der Übergang von der Eiszeit zur Warmzeit war die größte Klimaänderung, die in der Geologie bisher bekannt ist.

In der Eiszeit gab es 200 parts per million (ppm) an CO2 – damit wird der Masseanteil pro Volumen angegeben – in der Atmosphäre. In der Warmzeit waren es 300 ppm. "Das hat 6.000 Jahre gedauert. Jetzt haben wir menschengemacht weitere 100 ppm an CO2 in die Atmosphäre eingebracht. Und das hat keine 150 Jahre gedauert", sagt Gerald Haug. Der deutsche Paläoklimatologe forscht an der ETH Zürich.

ARGUMENT: Mit CO2-Zertifikaten werden Geschäfte gemacht, daher wird dramatisiert

Die von den "Mainstream-Medien" veröffentlichten Wissenschafter würden laut Strache einen Zusammenhang zwischen CO2-Ausstoß und Klimawandel nur deshalb konstruieren, weil mit den Zertifikaten "heute auch ein Geschäft gemacht wird". Das ist gerade vor der UN-Klimakonferenz Anfang Dezember in Paris ein Punkt, den es zu beleuchten lohnt.

Fakt ist, die Treibhausgaskonzentrationen sind auf Höchststand. "Der natürliche Kreislauf würde knapp eine Million Jahre brauchen, um das wieder wegzulagern. Der Mensch verändert damit komplett die Zeitskala", sagt Haug.

Der Kohlendioxidgehalt der Luft beträgt derzeit bereits 400 ppm. Darüber informierte im März die amerikanische Wetterbehörde National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA). "Vor 2,7 Millionen Jahren hatten wir das letzte Mal 400 ppm in der Atmosphäre. Und damals gab es eine eisfreie Nordhemisphäre, also keine Gletscher", so Haug.

Der Emissionsrechtehandel soll diese durch Menschen verursachten Emissionen reduzieren und dabei die volkswirtschaftlichen Kosten im Auge behalten. Laut einigen Studien zeigt dieses umweltpolitische Instrument bessere Resultate als eine ordnungsrechtliche Festlegung von Schadstoffobergrenzen. Dennoch gibt es auch Kritik von Politikwissenschaftern und Ökologen, da durch den Emissionsrechtehandel eine Verschmutzung der Atmosphäre sozusagen zu einem Recht erhoben werde.

ARGUMENT: Die Folgen wären größer, wenn das stimmen würde

Wieso ist die Erwärmung nicht viel größer, wenn das alles stimmt?

Fakt ist, wenn all das, was der Mensch verbrennt, direkt in die Atmosphäre ginge, wären heute schon 500 ppm CO2 in der Atmosphäre. Doch die Hälfte wird von Ozeanen und der Landbiosphäre aufgenommen. "Der natürliche Kohlenstoffkreislauf hilft uns noch, indem er die Hälfte jener Emissionen aufnimmt, die der Mensch produziert hat", sagt Haug.

Das führt zu anderen enormen Umweltproblemen. Nur ein Beispiel: Die Ozeane versauern.

Das Jahr 2014 war übrigens weltweit das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880. Das zeigen Messungen der Weltraumbehörde Nasa und von NOAA. Von den zehn wärmsten Jahren seit 1880 entfielen laut Nasa neun auf dieses Jahrtausend, das zehnte war 1998.

ARGUMENT: Die Verbindung zwischen CO2-Gehalt und Klimaveränderungen ist nicht belegt

FPÖ-Umweltsprecherin Susanne Winter sagte im Nationalrat Anfang Juli: "Fakt ist, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis für einen kausalen Zusammenhang zwischen CO2-Konzentration in der Luft und der Veränderung des Klimas gibt."

Fakt ist, dass der CO2-Gehalt in der Atmosphäre und Klimaveränderungen heute erforscht werden können. "Es gibt zum Beispiel hervorragende Ergebnisse der Eiskernforschung", meint Haug. Am gleichen Eiskern wird die Temperatur gemessen und in den Gasbläschen der CO2-Gehalt der Atmosphäre für die vergangenen 800.000 Jahre. "Darin sind wunderschön die Eiszeiten und die Warmzeiten widergespiegelt", sagt der Forscher.

Das ist nur ein Beispiel. Man bekommt auch gute Rekonstruktionen im Meer, wo in Tiefseekernen die Temperatur gemessen werden kann. Dadurch kann man zudem die Prozesse rekonstruieren, die CO2-Schwankungen bewirkt haben.

ARGUMENT: Auch Insekten erzeugen viel CO2

"Biologen haben geschätzt", so Susanne Winter Anfang Juli bei einer Rede im Nationalrat, "dass alle Insekten des Globus mehr CO2 durch ihre Atmung erzeugen als die globale Industrie."

Fakt ist, dass zehn Gigatonnen CO2 pro Jahr durch Verbrennungen in der globalen Industrie ausgestoßen werden. "Dabei handelt es sich um geologisch weggespeicherten Kohlenstoff, wofür die Erdgeschichte etwa 500 Millionen Jahre gebraucht hat. Das ist eine komplette Veränderung des natürlichen Kohlenstoffkreislaufes", betont Haug. Zuvor hielten sich natürliche CO2-Quellen und -Senken die Waage.

ARGUMENT: Der Weltklimarat ist politisch beeinflusst

Ist der Weltklimarat (IPCC) ein politisches Gremium? Wie funktioniert der Klimarat: Wie viele Wissenschafter arbeiten mit, und wie unabhängig sind sie?

Fakt ist, dass der IPCC nicht selbst forscht, sondern den aktuellen Stand der Wissenschaft bündelt. Der zwischenstaatliche Ausschuss über Klimaveränderungen, wie er auf Deutsch genannt wird, wurde Ende 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gegründet. Wie unterschiedlich die Forschungsergebnisse von hunderten beteiligten Wissenschaftern sind, zeigt sich darin, dass dem IPCC sowohl Verharmlosung als auch Übertreibung vorgeworfen wurde. (july, 19.8.2015)

Gerald Haug studierte Geologie an der Universität Karlsruhe, promovierte an der Universität Kiel und habilitierte an der ETH Zürich. Er arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für marine Geowissenschaften in Kiel, an den Universitäten Vancouver und Südkalifornien und am Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam. Er ist Professor für Klimageologie an der ETH Zürich und hat sich auf die Untersuchung von Sedimentkernen aus Ozeanen und Seen spezialisiert.

www.climategeology.ethz.ch

Nachlese

Ökonom Nicholas Stern im Interview zum Klimawandel: "Je länger wir warten, umso teurer wird es"

Reportage: Die weißen Flecken des Klimawandels am Dachstein

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