Riccardo Muti und HK Gruber: Organisches Qualitätswachstum

17. August 2015, 17:43
posten

Wiener Philharmonikern und Ensemble Modern bei den Festspielen

Salzburg – Gibt es Musik, die man stinken hören kann? Das fragte, sinngemäß, der Musikkritiker Eduard Hanslick anlässlich der Uraufführung von Peter I. Tschaikowskis Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35 durch die Wiener Philharmoniker 1877 in Wien. Manchmal ein wenig schroff, Kollege Hanslick, und vieles liegt ja auch an der Interpretation eines Werkes. Das Publikum beim Konzert der Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Riccardo Muti im Großen Festspielhaus in Salzburg war jedenfalls begeistert: Die Solistin, Anne-Sophie Mutter, hat es allen so geschmeidig wie möglich machen wollen und auf erkennbare Phrasierung und Artikulation oder fokussierte Tonbildung verzichtet.

Vieles, was als piano gemeint gewesen sein mag, ist freilich – wenn überhaupt – als kraftloses Säuseln angekommen. Den dritten Satz nahmen Solistin und Dirigent im Rhythmus wohl markig tanzbodenhaft, dennoch ohne Verve und Präsenz im Klang. Das Publikum streute Duftrosen, es gab sogar Zwischenapplaus nach dem ersten Satz. Die Festspielstunde schlug dann mit der Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73 von Johannes Brahms: auch das eines jener Werke, die von den Wiener Philharmonikern seinerzeit uraufgeführt wurden und nun bei den Salzburger Festspielen einen roten Programmfaden bilden. Da wurden die Bläserchoräle, wie überhaupt alle Soli von "Holz" und "Blech", zelebriert nach allen Regeln der höchsten Wiener Bläserkunst. Da hob so manches machtvolle Dröhnen Herz und Sinn. Da entführte so manche Klarinettenmelodie in ätherischste Einsamkeiten.

Skizziert hat Brahms seine "Zweite" in der Sommerfrische 1877 in Pörtschach am Wörthersee: "Da fliegen die Melodien, dass man sich hüten muss, keine zu treten", hat Brahms geschrieben. Im Oktober war das Werk vollendet und am 30. Dezember auch schon uraufgeführt: von den Wiener Philharmonikern, die "ihren" Brahms seither so verinnerlicht haben, wie wohl kein zweites Orchester im ganzen Musikbusiness. Muti gab große geruhsame Gesten vor, ließ aber, etwa im dritten Satz, auch vieles mit geisterhafter Unruhe vorüberhuschen. Geradezu bockig eingesprungen war, nach dem einleitenden zarten Flötensolo, der vierte Satz mit einigen fast schon jazzig anmutenden Aufschwüngen der Klarinette. Die unzähligen Melodien, manche durchaus melancholisch überschattet, bekommen von den "Wienern" in jedem Augenblick die richtige Tönung. Alles wirkt organisch, mehr gewachsen, als gemacht.

Energie ohne Ende

Ähnliches begab sich in der Felsenreitschule: In konzertanter Form wurde Brecht/Weills Dreigroschenoper präsentiert, wobei Dirigent HK Gruber abseits der akribischen Umsetzung der Musik auch noch als Performer effektvoll in Erscheinung trat. Er gab den Bettlerkönig Peachum – giftig-dynamisch – und animierte ein versiertes Ensemble zur kurzweiligen Darstellung der Charaktere.

Für jeden Geschmack etwas dabei: Hanna Schwarz gab eine herbe Frau Peachum, Sona MacDonald sang eine emphatisch ausholende Spelunkenjenny. Fulminant wirkte Ute Gfrerer (als Polly), und mit poetischen Sekunden glänzte Max Raabe (als Mackie). Unaufgeregte Präsenz kam schließlich von Sven-Erich Bechtolf als Sprecher, und das Ensemble Modern, das dies Werk mit HK Gruber schon eingespielt hat, präsentierte sich als kundige Combo – ob es nun um zerzauste Idylle ging oder herzhaftes Akzentuieren. Heftiger Applaus. (klaba, tos, 17.8.2015)

  • HK Gruber half, Kurt Weill pointiert umzusetzen.
    foto: apa/epa/urs flueeler

    HK Gruber half, Kurt Weill pointiert umzusetzen.

Share if you care.