"Geh in der Reihe. Arbeite leise. Mach nichts falsch"

18. August 2015, 07:00
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Bestsellerautor Ta-Nehisi Coates erklärt seinem heranwachsenden Sohn, was es heißt, als Schwarzer in Amerika zu leben

"Sohn", schreibt Ta-Nehisi Coates, "letzten Sonntag fragte mich die Moderatorin einer Nachrichtensendung, was es für mich bedeutet, meinen Körper zu verlieren." So merkwürdig sich die Frage für Außenstehende anhören mochte, sie brachte ihn dazu, Samori, seinem bald fünfzehnjährigen Sohn, zu erklären, was es heißt, als Schwarzer in Amerika zu leben. Beschützen könne er ihn nicht, doch er sei verpflichtet, ihm die Wahrheit zu sagen.

Coates (39) ist Reporter des Monatsmagazins "Atlantic", einer der auflagenstärksten Zeitschriften der USA. Er hat darüber nachgedacht, warum sich die Fälle exzessiver Polizeigewalt gegen Afroamerikaner häuften, seit Michael Brown vor zwölf Monaten in Ferguson gestorben war. In New York erstickte Eric Garner, der illegal Zigaretten verkaufte, im Schwitzkasten eines Uniformierten. In Cleveland wurde Tamir Rice, gerade einmal zwölf, von einem Beamten getötet, der sofort schoss, ohne eine einzige Frage zu stellen. Coates hat das alles in einem Buch verarbeitet, einem Bestseller mit dem Titel "Between the World and Me". Verfasst in Form eines Briefes an seinen Sohn, ist es ein illusionsloser, fast schon resignierender Blick auf die Lebenswirklichkeit schwarzer Amerikaner.

Uneins mit Barack Obama

Da spricht nicht Barack Obama, der sich, Sohn einer weißen Mutter aus Kansas und eines schwarzen Vaters aus Kenia, als umsichtiger Mittler versteht. Mit dem Präsidenten, der junge schwarze Väter bisweilen mit pädagogischer Strenge auf ihre Pflichten hinweist, ist Coates bei einer Diskussion im Weißen Haus einmal hart aneinandergeraten. Über Martin Luther King, den Prediger der Bürgerrechtsbewegung, sagt er, dessen gewaltloser Widerstand passe nicht zu dem Land, das er selbst kenne. "Ich maß ihn an der Geschichte von Landraub und Sklaverei, an der Gewalt, die ich Tag für Tag auf den Straßen meiner Heimatstadt erlebte. Wie konnten unsere Schulen Männer und Frauen zu Helden erklären, deren Werte die Gesellschaft verhöhnt?"

Aufgewachsen ist Coates nicht etwa in Armut, sondern in einer Mittelschichtfamilie in Baltimore. Studiert hat er an der Howard University in Washington, heute lebt er in New York, gut entlohnt, begehrter Talkshowgast, einer, der es geschafft zu haben scheint.

Und doch, vertraut er sich Samori an, der Traum von perfekten Häusern und Garagenauffahrten sei kein afroamerikanischer Traum. Lange habe er selbst in diesen Traum zu entfliehen versucht. Aber der Traum ruhe auf schwarzen Rücken, die Decke sei aus schwarzen Körpern gemacht.

Ein Fehler im Kino

"Vergiss nie, dass wir in diesem Land länger versklavt waren, als wir in Freiheit lebten", schreibt er und schildert Szenen, die ihn spüren ließen, auf welch dünnem Eis Menschen mit dunkler Haut sich noch immer bewegen. Vielleicht erinnere sich der Sohn noch an einen Kinobesuch in der Upper Westside – liberalstes New York. Als sie auf einer Rolltreppe nach unten fuhren, habe Samori getrödelt, wie das ein Kind manchmal tut. Eine weiße Frau habe ihn geschubst, worauf er, der Vater, ihr ein paar Takte sagte. Schnell waren sie umringt von weißen Männern. "Ich hatte die Regeln vergessen – ein Fehler, der an der Upper Westside so gefährlich ist wie an der Westside von Baltimore. Man darf sich keinen Irrtum erlauben. Geh in der Reihe. Arbeite leise. Pack einen Extrableistift ein. Mach bloß nichts falsch."

Sein eigener Vater, ein Hochschuldozent, verprügelte ihn mit einem Ledergürtel, aus Angst, der Spross könnte sonst von der Polizei verprügelt werden. Ein Studienfreund wurde von einem Undercover-Beamten erschossen. Es handelte sich um eine Verwechslung, der gesuchte Verdächtige war einen Kopf größer. "Aber beide waren schwarz, das zählte."

"Du bist ein schwarzer Junge, für deinen Körper verantwortlich auf eine Weise, wie es andere Jungen niemals erahnen werden", ermahnt Coates den Heranwachsenden. Obendrein sei er verantwortlich für die schlimmsten Dinge, die andere schwarze Körper getan hätten, weil es irgendwie immer auch ihm zugeschrieben werde. Der Polizist, der ihn irgendwann vielleicht mit dem Schlagstock traktiere, werde seine Ausflüchte schnell in Samoris verstohlenen Bewegungen finden. "Sohn, du wirst deinen Frieden mit diesem Chaos machen müssen." (Frank Herrmann aus Washington, 18.8.2015)

  • In Ferguson ereignete sich das derzeit bekannteste Beispiel von Polizeigewalt gegen Schwarze. Dort kommt es nun regelmäßig zu Protesten.
    foto: reuters / lucas jackson

    In Ferguson ereignete sich das derzeit bekannteste Beispiel von Polizeigewalt gegen Schwarze. Dort kommt es nun regelmäßig zu Protesten.

  • Ta-Nehisi Coates hat mit "Between the World and Me" einen Bestseller geschrieben.
    foto: eduardo montes-bradley

    Ta-Nehisi Coates hat mit "Between the World and Me" einen Bestseller geschrieben.

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