Salzburger Festspiele in den "Seitenblicken": Gründliches Drehauge

17. August 2015, 17:27
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Viel Zeit für Kultur – Nach so einem Abend braucht man Stunden um auf den Boden zu kommen

Ein jegliches habe seine Zeit, sprach Salomon, der etwas von Timing verstand. Allein – die Ergänzung des Weisen sei gestattet – dies "jegliche" braucht auch genug Zeit, um sich auszuleben. Es ist ja erbaulich, mit den Seitenblicken schnell das halbe Kulturleben zu durchreisen. Zu welch Tiefe dies Format fähig wäre, bleibt jedoch hinter der Kürze verborgen.

Am Sonntag allerdings gelang Magisches. Ganze sieben Minuten verweilte das ORF-2-Drehauge bei den Salzburger Festspielen, wirkte wie eine Wagner-Oper, Zeit schien keine Rolle zu spielen. Und es begann also Geigerin Anne-Sophie Mutter plötzlich, über die Folgen der Zeitverschiebung zu philosophieren. "Was ist morgens, was ist abends? Oft weiß man das gar nicht", so viel wie man herumfliegt. "Sie können mich mitten in der Nacht wecken und sagen ,So: Du spielst jetzt Tschaikowski!‘. Und ich würde mich wohlfühlen, wenn Riccardo Muti dirigierte."

Maestro Muti entschwand zwar kommentarlos in einer Karosse. In Daniel Barenboim ward jedoch Ersatz gefunden, die Atmosphäre kippte ins Musikologische, bis Rolando Villazón Jonas Kaufmann traf. Heiter wurde es – und hörte nicht mehr auf. Die Kessler-Zwillinge kamen wegen Max Raabe. Cornelius Obonya und Brigitte Hobmeier ließen sich befragen, bezüglich ihrer Jedermann-Zukunft blieben sie aber stumm.

Und wie es ein Dutzend Künstler später dann doch aufhörte, wird es zwar nicht allen wie Tenor Piotr Beczała ergangen sein ("Nach so einem Abend braucht man Stunden, um auf den Boden zu kommen"). Aber mancher wird – fast wie Salomon – für sich gedacht haben, diese Seitenblicke zu verarbeiten würde seine Zeit brauchen. (Ljubiša Tošić, 17.8.2015)

  • Ob morgens oder abends – unter Anleitung von Muti fühlt sich Mutter wohl
    foto: apa/epa/miguel angel molina

    Ob morgens oder abends – unter Anleitung von Muti fühlt sich Mutter wohl

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