Weil der "kleine Pauli" noch Träume hat

Gespräch17. August 2015, 17:16
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Paul Gludovatz kehrt zurück, soll Ried in die Spur bringen. Er fühlt sich der Aufgabe gewachsen, freut sich auf den Stress

Wien/Ried – Paul Gludovatz sagt, "dass mich der Fußball immer beherrscht hat". Dagegen helfen keine Tabletten, keine Salben, die Medizin hat diesbezüglich ihre Grenzen. Wobei sich der 69-jährige Burgenländer nie als Süchtiger gefühlt hat. "Ich habe den Fußball freiwillig zugelassen." Am Sonntag um die Mittagszeit, Gludovatz war gerade aus einem Kurzurlaub beim Enkerl in Norddeutschland nach Eberau zurückgekehrt, läutete das Handy. Stefan Reiter, der Manager der SV Ried war dran.

Der erzählte von einer Notsituation, davon, dass Trainer Helgi Kolvidsson gerade beurlaubt wurde. Ist man nach fünf Runden mit nur einem Zähler Stockletzter, greifen auch im Innviertel die üblichen Mechanismen. Rein ins Auto, auf halber Strecke trafen sich Reiter und Gludovatz. Man war sich rasch einig. "Ried ist eine absolute Herzensangelegenheit", sagt Gludovatz dem Standard. Die Bürokratie wurde beiseitegelassen, auf Anwälte verzichtet, nicht einmal die Vertragsdauer wurde besprochen. "Wir kennen uns, wir vertrauen einander."

Pension unterbrochen

Herr Gludovatz hat also auf halber Strecke spontan seine Pension unterbrochen. "Meine Frau war einverstanden." Am Dienstagvormittag lernt er die mehr oder minder desolate Mannschaft kennen, wobei das relativ überraschungsfrei sein wird. "Ich kenne ja einige." Gludovatz, 27 Jahre beim ÖFB im Nachwuchsbereich tätig, war von 2008 bis 2012 Cheftrainer in Ried gewesen, 2011 gewann er sogar den Cup. Das reichte allemal, um eine Legende zu sein. Was er an dem Verein schätzt? "Klein, aber mein. Es wird sehr vernünftig gearbeitet, nicht mehr ausgegeben, als man hat. Hier lehnt sich keiner zu weit aus dem Fenster." Ried sei vermutlich der erste Dorfklub im Oberhaus gewesen.

"Es gab mittlerweile einige Nachahmer, Ried ist das Original. Die Spieler verdienen hier weniger als anderswo, aber sie schätzen das Ambiente. Und einige schaffen den Sprung in den großen Fußball."

Assistent Schweitzer

Gerhard Schweitzer ist wieder der Assistent. Für Gludovatz war das eine wesentliche Bedingung. "Wir ergänzen uns, sind detailverliebte Teamplayer. Er ist Spezialist für die Passqualität, ich für die Taktik." Im Sommer hat Gludovatz in Steinbrunn das fast schon traditionelle Trainingslager für arbeitslose Kicker veranstaltet, einige wurden tatsächlich verpflichtet, was das AMS freut.

"Dass ich einen Job bekomme, war eine Laune des Fußballs – und ist dem AMS ziemlich egal." Von den Arbeitssuchenden habe er übrigens einiges gelernt. "Menschen bleiben immer Menschen."

Gludovatz sieht sich nicht als Vaterfigur. "Wenn man das Alter anspricht, wäre ich eine Großvaterfigur." Er hält wenig vom Jugendwahn. "Ich bin körperlich und geistig fit, es gibt kein Anzeichen von Demenz. Warum sollte ich keinen Draht zu 18-Jährigen haben, ich kann mich in ihre Welt reinversetzen." Er wird mit den Spielern Gespräche führen, ihnen zuhören, sich ein Bild machen, Lösungen finden. "Ich gebe hundert Prozent und freue mich auf den Druck, den Stress, das Adrenalin." Am Samstag kommt Sturm Graz in die Keine-Sorgen-Arena. "Bin sehr gespannt, was der Kollege Franco Foda alles reinschreit."

Ried, sagt Gludovatz, "soll kein Pater-Noster-Klub werden, sondern bester Dorfklub bleiben". Der Klassenerhalt sei das oberste und einzige Ziel. "Auch der kleine Pauli hat noch Träume.

Vor dem 70. Geburtstag möchte er etwas Großes schaffen." Der wird am 10. Juni 2016 gefeiert. "Was danach kommt, weiß ich jetzt nicht. Der Fußball wird mich jedenfalls weiterhin beherrschen." (Christian Hackl, 17.8.2015)

  • Geht eine Herzensangelegenheit an: Paul Gludovatz.
    foto: apa/hochmuth

    Geht eine Herzensangelegenheit an: Paul Gludovatz.

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