Salafistenkarriere im Schatten des syrischen Kriegs

Analyse18. August 2015, 07:00
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Der libanesische Salafistenführer Ahmed al-Assir wurde verhaftet. Sein Aufstieg ist ohne den Krieg in Syrien nicht zu erklären

Beirut/Wien – Seit Ausbruch des Syrien-Krieges sind im Libanon die schiitische Hisbollah und der Salafismus kommunizierende Gefäße: Nichts passiert in dem einen, was nicht im anderen Auswirkungen hat. Dazu gehört auch der Aufstieg von Ahmed al-Assir, der am Samstag nach mehr als zweijähriger Flucht am Flughafen in Beirut verhaftet wurde. Er wäre ohne syrischen Bürgerkrieg – und ohne Eingreifen der Hisbollah aufseiten des Assad-Regimes – wahrscheinlich heute noch ein kleiner Prediger der sunnitischen Bilal-bin-Rabah-Moschee in Abra, einem Vorort von Sidon.

Ab 2012 wurde seine Gruppe, die er später "Freie Widerstandsbrigaden" nannte, zum Sammelbecken des sunnitischen Protests nicht nur gegen die Hisbollah, sondern auch die libanesische Ausgleichspolitik. Die "Zukunftspartei" des Sunniten Saad Hariri war genauso Objekt seines Zorns wie die nationale libanesische Armee: Ein Angriff auf einen Armeeposten bei Sidon durch seine Anhänger und die anschließende zweitägige Schlacht im Juni 2013, bei der 18 Soldaten und 40 Militante umkamen, führten dazu, dass er untertauchen musste.

Konfrontation mit Hisbollah

Vorangegangen war im Mai die Verkündigung des militärischen Engagements der Hisbollah in Syrien durch deren Chef Hassan Nasrallah. Assir konfrontierte daraufhin die Hisbollah in Abrar – und die Armee griff ein.

Bei der Verhaftung am Samstag war Assir nicht mehr der medienwirksame, laute, bärtige Salafist: Seine Transformation in einen schnurrbärtigen Spießertypen mit über den Schädel gekämmten Haaren rief in libanesischen Online-Foren Spott und Hohn hervor. Die Informationen der Behörden lauten dahingehend, dass Assir, für den ein Militärrichter die Todesstrafe verlangt hat, kooperiert.

Palästinensische Hilfe

Bei seiner Verhaftung hatte Assir einen palästinensischen Pass und wollte über Kairo nach Nigeria reisen. Dass er die vergangenen zwei Jahre im riesigen palästinensischen Flüchtlingslager Ayn al-Hilweh verbrachte – das für die libanesischen Sicherheitskräfte "off limits" ist -, war vermutet worden.

Der sunnitische Radikalismus findet bei den Palästinensern im Libanon besonders fruchtbaren Boden, und das nicht erst seit dem Konflikt in Syrien: 2007 etwa schlug die libanesische Armee im Palästinenserlager Nahr al-Bared die Al-Kaida-nahe Gruppe Fatah al-Islam nieder. Heute findet der "Islamische Staat" (IS) seine Anhänger; verschiedentlich wurde behauptet, dass Assir der Emir des IS im Libanon sei.

Bis zum Krieg in Syrien hielt der Hass auf Israel die sunnitischen Radikalen und die Hisbollah zusammen, die den libanesischen "Widerstand" gegen Israel für sich in Anspruch nimmt – formell wegen der israelischen Besetzung der Shebaa-Farmen, die jedoch laut Uno-Expertise nicht zum Libanon, sondern zu Syrien gehören. Dieses Band wurde durch das Überschwappen des Syrien-Konflikts zerrissen. Der 1968 geborene Ahmed al-Assir, der sogar eine schiitische Mutter hat, gibt an, dass ihn die israelische Südlibanon-Invasion 1982 erst zum Islam brachte, laut seiner Schwester sympathisierte er früher mit der Hisbollah. Heute ruft er zur "Rettung der Sunniten" vor Hisbollah und Iran auf – Sonntagabend wurde ein Audioband mit diesem Appell veröffentlicht, das er für den Fall seines Todes oder seiner Verhaftung aufgenommen hatte.

Oft werden die Hisbollah-Medien beschuldigt, Assir "gemacht" zu haben, weil sie über jede seiner – manchmal sogar skurril anmutenden – Aktionen aufgeregt berichteten: Bilder von Assir mit seinem triefenden Bart beim Ballspielen im Meer, auf einem kleinen Fahrrad oder seine – zum Teil weibliche, schwarzverhüllte – Anhängerschaft bei einer Schneeballschlacht machten die Runde.

Ausflug in den Schnee

Letztere entstanden bei einem "Ausflug" in das Ski-Resort in Faraya, durch den sich die mehrheitlich christlichen Bewohner bedroht fühlten. Früher einmal predigte Assir die friedliche Koexistenz der Religionen.

In seiner Herkunftsfamilie spielte Religion keine Rolle, sein Vater war ein begeisterter Lautenspieler – eine bei Fundamentalisten verpönte Aktivität. Angeblich ließ sich Assirs Vater davon überzeugen, dass seine Musik unislamisch sei. Auch der früher erfolgreiche Sänger Fadel Shaker gelobte 2011 Assir seine Gefolgschaft und gab seinen Beruf auf. Auch er wird seit der Schlacht von Abra, wo er mitgekämpft haben soll, gesucht und könnte in Ayn al-Hilweh sein, wo er geboren ist. (Gudrun Harrer, 18.8.2015)

  • Laut und schrill, so kennt die libanesische Öffentlichkeit  den radikalen Salafistenprediger Ahmed al-Assir (hier auf einem Archivbild von 2012 in Beirut). Bei seiner Verhaftung am Flughafen Beirut trug er statt Vollbart einen Schnauzer.
    foto: ap / hassan ammar

    Laut und schrill, so kennt die libanesische Öffentlichkeit den radikalen Salafistenprediger Ahmed al-Assir (hier auf einem Archivbild von 2012 in Beirut). Bei seiner Verhaftung am Flughafen Beirut trug er statt Vollbart einen Schnauzer.

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