Vladimir Sorokin: Alle Macht den Gemächten

18. August 2015, 05:30
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Mit seinem dystopischen Zukunftsroman "Telluria" ist dem russischen Autor Vladimir Sorokin ein Meisterwerk gelungen. Appelliert wird an die Vorstellungskraft: Gesucht wird eine Kultur der permanenten Wandlung

Wien – Geübte Leser des russischen Autors Vladimir Sorokin werden sich in "Telluria" sofort heimisch fühlen. Eurasien besteht zur Mitte des 21. Jahrhunderts aus einer Unzahl von Kleinstaaten. Ein Whahabiten-Sturm ist über Europa hinweggefegt. In der Tiefe der russischen Wälder sitzen Menschen mit Hundeköpfen und nagen die Knochen Gefallener ab.

Vieles mutet auch gar nicht fremd an. Benzin ist in Moskowien unerschwinglich teuer. Vehikel werden mit Kartoffelsud angetrieben, weshalb sich ein penetrant süßlicher Geruch über die Steppe legt. Lastpferde sind hoch wie dreistöckige Häuser. Die Furzgeräusche der Klepper ähneln "dem Probelauf eines altersschwachen, doch einstmals starken Düsenantriebs".

Es gibt kaum ein Wirklichkeitspartikel, das vor dem Zugriff des Postmodernisten Sorokin (60) sicher wäre. Die Menschen anno 2038 leben, so gut es geht, in den Tag hinein. Viele von ihnen haben mit dem "theokratisch-kommunofeudalistischen" System Moskowiens oder Baschkiriens ihren Frieden gemacht. Im Süden Frankreichs, in der gesegneten Landschaft des Languedoc, treiben Tempelritter ihr Unwesen.

Die "Rheinisch-Westfälische Republik" hat die Taliban besiegt, im Großraum Köln darf endlich wieder Karneval gefeiert werden. Die sagenhafte Republik Tellurien liegt an den Abhängen des Altai-Gebirges. Der Reichtum der Oligarchen dort gründet auf einer Droge: Tellur. Dieses wird in der Form glänzender Nägel quer über den Kontinent verhökert.

Nagel auf den Kopf

Es sind "Zimmermänner", die den Tellurfreaks Zugang zu deren geheimsten Wünschen und Träumen verschaffen. Die Nägel werden mit kräftigen Hieben in die Köpfe geschlagen. Sofort bombardieren die Telluratome die Neuronen im Gehirn. Grenzenloses Wohlbefinden ist die Folge. Leider sind der Kunst des Nageleinschlagens Grenzen gesetzt. Ein unsachgemäßes Hämmern, und der Konsument stirbt binnen Minuten oder Stunden.

"Telluria" besteht aus 50 Kapiteln. In Summe ist der Roman ein Wurf, ein Meisterwerk. Jeder Abschnitt besitzt einen eigenen Tonfall, Märchen und Legenden finden ebenso Berücksichtigung wie bombastische Langgedichte oder die Neoavantgarde eines Giorgio Manganelli. Es gibt kaum etwas, was Sorokin nicht kann. Die russische Geschichte ist für diesen Virtuosen ein Gärschlamm. In Putin-Russland lagern genügend Indizien für eine Zukunft, in der sich Barbarei und Hochtechnologie die Hände reichen.

Verlässliches Quellenbuch für Nachgeborene?

Die Zeitung "Die Welt" fragte bereits, ob der Russe Vladimir Sorokin eine Art Michel Houellebcq für Fortgeschrittene sei. Irgendwann, in ein paar Jahrzehnten, würden Werke wie "Telluria" oder Houellebecqs "Unterwerfung" wie verlässliche Quellenbücher auf unsere Nachgeborenen wirken. Eine solche Aussicht stimmt einen futurologisch aufgeschlossenen Zeitgenossen nicht eben zuversichtlich.

Dabei bestimmen Spottlust und Karneval das Betriebsklima in "Telluria". Ein besonders feinsinniges Kapitel ist aus der Sicht eines Dildos geschrieben. Das nützliche Utensil befindet sich zusammen mit einigen Kollegen im vorübergehenden Besitz der Königin von Charlottenburg. Die kunstvoll geformten Stöpsel und Latten harren nächtens im Schlafsaal ihrer Benutzung durch die hohe Frau. Das Liebesgerät ist der reizendste Erzähler. Kein Wunder: Der Dildo lebt. Er ist, wie alle anderen Spielzeuge, ein "transgener phallischer Organismus" und fürchtet "das falsche Leben im phallschen".

Am Schluss wird der kleine Kerl weggegeben. Er weiß: "Wie der verstorbene Eunuch Harlampi zu sagen pflegte: Leiden werden nicht die längsten und dicksten unter euch, sondern die klügsten und wendigsten."

Absurder Humanismus

Die Leidensfähigkeit des russischen Volkes ist ein universelles Merkmal, von dem die slawische Hochliteratur seit Puschkin Zeugnis abgelegt hat. Sorokin ist in dieser Ahnengalerie der skeptische Humanist. Seine Menschenliebe ist wie bei allen Hochempfindsamen besonders getarnt. Sein Herz gehört Geschöpfen, die er aus "lebendgebärendem Gewebe" selbst erzeugt. Es sind Viehmägde unter ihnen, die aus "zoomorphischen" Gründen Eselsköpfe tragen. Mit den geheimnisvollen Tellurnägeln kratzen sich solche Biester die Ohren aus. Menschen wie die Eselin wird es immer geben. Eben weil es sie (noch) nicht gibt. (Ronald Pohl, 18.8.2015)

Vladimir Sorokin: "Telluria". Roman. Übersetzung aus dem Russischen von Kollektiv Hammer und Nagel. € 23,70 / 420 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015.

  • Der in Moskau ansässige Autor Vladimir Sorokin, zuletzt mit der Puschkin-Paraphrase "Der Schneesturm" auf Deutsch hervorgetreten, treibt sein Schreibprojekt der spielerischen Erkundung einer uns heute schon in ihren Grundzügen geläufigen Zukunft immer radikaler – und immer witziger – weiter.
    foto: arno burgi / epa

    Der in Moskau ansässige Autor Vladimir Sorokin, zuletzt mit der Puschkin-Paraphrase "Der Schneesturm" auf Deutsch hervorgetreten, treibt sein Schreibprojekt der spielerischen Erkundung einer uns heute schon in ihren Grundzügen geläufigen Zukunft immer radikaler – und immer witziger – weiter.

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