Innsbrucker Forscher: "Den indigenen Norweger gibt es nicht"

22. August 2015, 18:00
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Tiroler Gerichtsmediziner analysierten mittelalterliche Skelette aus Norwegen und widerlegen nationalistische Annahmen zu "ethnischen Norwegern"

Oslo/Innsbruck – Innsbrucker Forscher haben sich im Rahmen der Aufarbeitung des rechtsextrem motivierten Massakers von 2011 auf der Insel Utøya an einem Projekt über Einwanderung im mittelalterlichen Norwegen beteiligt. Sie führten dabei DNA-Analysen an 97 mittelalterlichen Skeletten durch. Das Ergebnis: "Den indigenen Norweger gibt es nicht", erklärte der Innsbrucker Gerichtsmediziner Walther Parson.

Die DNA-Untersuchungen durch die Wissenschafter der Medizinischen Universität Innsbruck waren Teil eines Projekts der Universität Bergen, das nach dem Massaker durch den Terroristen Anders Behring Breivik mit 77 Todesopfern gestartet worden war.

Skelette von mittelalterlichen Friedhöfen

"Seit dieser Tat gibt es in Norwegen einen Diskurs über Nationalbewusstsein. Das Projekt umfasst auch andere Ebenen wie etwa Kunst und Kultur", so Parson. Bisher habe sich in der politischen Debatte Norwegens generell die Annahme gehalten, dass die Zuwanderung erst in den 1970er-Jahren begann und es zuvor eine weitgehend homogene, aus "ethnischen Norwegern" zusammengesetzte Gesellschaft gegeben habe.

Grundlage der Arbeit des Innsbrucker Instituts bildeten Skelette aus vier in Trondheim seit ausgegrabenen Friedhöfen. "Die ältesten Funde datieren aus dem Hochmittelalter, dem 11. Jahrhundert und reichen bis in das 17. und 18. Jahrhundert", erklärte Parson. Die laut dem Forscher sehr gut erhaltenen Skelette, die zuvor bereits anthropologisch untersucht worden waren, wurden im Jahr 2012 nach Innsbruck gebracht. Eine Dissertantin wurde schließlich mit der Arbeit an dem Projekt betraut.

Die Kollegin habe Zahn- und Oberschenkelknochenproben verwendet, diese dokumentiert, vermessen, gewogen und schließlich gereinigt. Dann wurden die Proben gemahlen, um daraus DNA zu extrahieren. Schließlich kam es zur DNA-Typisierung bzw. zur molekular-genetischen Untersuchung der Proben. "Die Erfolgsquote lag bei sensationellen 100 Prozent. Normalerweise liegt sie deutlich niedriger, bis zu 20 Prozent", zeigte sich Parson erfreut.

Mittelalterliche Migration

Aus der entnommenen DNA könne man die Erblinien herauslesen. Mithilfe der sogenannten Haplogruppen, in denen Menschen mit den gleichen Mutationen zusammengefasst sind, ließen sich so die Verbreitung und historische Wanderrouten von Menschen bestimmen.

"Wir haben keinen einzigen Hinweis auf Erblinien, die man nur in Norwegen findet", fasste der Forscher das zentrale Ergebnis zusammen. Vielmehr verfüge man über den genetischen Beweis für Migration nach Norwegen bereits im Mittelalter. Die mittelalterlichen Norweger würden individuelle Erblinien vorweisen, die gehäuft in Skandinavien vorkommen. Mehrere Dutzend Haplogruppen würde man hingegen etwa auch in Zentral- und Südeuropa finden. In drei Fällen stamme der Ursprung der Erblinie aus Zentral- und Ostasien.

Mitte 2016 sei die Dissertation voraussichtlich abgeschlossen und werde dann wissenschaftlich publiziert. Ende August wollen die Forscher ihre Ergebnisse erstmals an der Universität Bergen vorstellen. (APA, red, 22.8.2015)

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