In uns allen steckt ein Flüchtling

Userkommentar17. August 2015, 13:16
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Legale Migration muss möglich sein, das an die Schlepper gehende Geld könnte sinnvoller eingesetzt und investiert werden

Wenn ich in den Wiener Kaffeehäusern sitze, höre ich oft an den Nachbartischen gutsituierte Herren über die "Scheiß-Flüchtlinge" reden. Sie befürchten, dass wir alle untergehen werden und dass es das Ende des Abendlandes ist. Sie wollen eine Mauer um diese "schrecklichen" Länder herum oder besser um uns herum ... und überhaupt, jetzt ist das ja alles ganz schlimm, weil sie alle Muslime oder schwarz sind.

"Diejenigen, die früher kamen, die aus Bosnien oder Ungarn, waren ja so wie wir ...". Wie kann man der Kaffeehausrunde vermitteln, dass es bei Vertriebenen um Menschen geht, um Anerkennung ihrer Rechte, und dass sie nichts anderes wollen, als gleichberechtigt an dieser Welt zu partizipieren? Wie ist ihr klarzumachen, dass diese Flüchtlinge unsere Almosen gar nicht wollen, weil diese entwürdigend sind?

Die Debatte um das Thema Flucht und Migration wird nur noch emotional geführt – entweder ist es der Fremdenhass oder das verklärte Mitleid. Arm oder Flüchtling zu sein ist keine Krankheit – Arme und Flüchtlinge sind keine Kriminellen aber auch keine Engel. Es handelt sich um ganz normale Menschen mit ihren Schwächen und ihren Stärken.

Nur Schnappschüsse

Das Drama der Menschen, die von Nordafrika aus über das Mittelmeer flüchten, aus Myanmar versuchen zu entkommen oder durch die mexikanische Wüste in die USA fliehen, ist durch die vielen Toten etwas näher an uns herangetragen worden. Aber es sind Schnappschüsse, die in unseren Köpfen nur zeitweise herumgeistern und dann wieder vergessen werden. Wir müssen begreifen, dass wir alle einen Hintergrund haben, der mit Migration und Flucht verbunden ist. In uns allen steckt ein Flüchtling!

Die Weltbevölkerung ist durch Migration und Völkerwanderung entstanden. Kam unsere Vorfahrin Lucy nicht aus Ostafrika? Diese furchtbaren Bilder und Geschichten des Mittelmeeres, die uns aufrütteln, haben auch die europäische Politik zum Handeln gezwungen. Patrouillen werden wieder erweitert. Es werden mehr Menschen aus dem Wasser gefischt.

Aber im gleichen Atemzug wird angekündigt, dass die meisten doch wieder abgeschoben werden. Und überhaupt haben wir inzwischen angefangen, die Schlepper zu jagen; das wird es schon richten. Tony Abbott und seine menschenverachtende Flüchtlingspolitik in Australien lassen grüßen! Den Fakt, dass die meisten Flüchtlinge der Welt in Afrika, im Nahen Osten und in Südostasien untergekommen sind, vergessen wir gerne.

Vielerorts herrscht noch Mittelalter

Milliarden Menschen leben unter unwürdigen Bedingungen, werden durch Klimawandel, Umweltschäden und Verschmutzung, Armut und brutalste Ausnutzung durch skrupellose Industrielle und Großgrundbesitzer ausgebeutet und vertrieben. Das sind ja auch unsere Konzerne, die dahinterstecken. Im 21. Jahrhundert herrscht vielerorts noch Mittelalter pur! Slums wachsen und 75 Prozent der Menschheit werden demnächst in Städten leben – und das meist schlecht.

Es sind all diese Menschen, die vor ihrer ungerechten, ungesunden und oft lebensgefährlichen Welt fliehen, denen wir nun auf dem Mittelmeer beim Ertrinken zuschauen. Die einen nennen wir Migranten, die anderen Flüchtlinge. Für die einen haben wir Verständnis, bei den anderen sagen wir, dass sie ja sofort abgeschoben werden sollten.

Und diesen Ansatz müssen wir ändern: Sie sind alle Flüchtlinge. Armut, Ausbeutung und fehlende Menschenrechte sind Grund genug zu fliehen. Der Klimawandel, für den wir alle verantwortlich sind, vertreibt immer mehr Menschen. Muss es erst zu einem Krieg kommen, damit Menschen fliehen dürfen und wir erst dann solidarisch sind?

Ein globales legales System

Es muss ein globales legales System geschaffen werden, das die Energien und auch Finanzen der Flüchtlinge nutzt, die im Augenblick nur der internationalen Mafia zugutekommen. Das an die Schlepper gehende Geld könnte sinnvoller eingesetzt und investiert werden. Flüchtlinge sind eine Ressource, sie haben Kapazitäten und Fähigkeiten, die gebraucht werden. Wir sind dabei, diese zu verschwenden und die Menschen im Mittelmeer ertrinken oder in der Wüste verdursten zu lassen.

Ein erfolgreicher Flüchtling wird die Kosten seiner Integration mehrfach zurückzahlen – und das vor allem in seinem Gastland. Er wird auch sinnvollere humanitäre und Entwicklungshilfe in seinem Heimatland betreiben, als es internationale Hilfsorganisationen mit unseren Steuermitteln versuchen. Ein erfolgreich integrierter Flüchtling wird investieren und auch den eventuellen Wiederaufbau in seiner Heimat unterstützen.

Wir brauchen Diversität

Die Forderung nach legaler Migration und einer besseren Nutzung des humanen Kapitals geht Hand in Hand mit den Errungenschaften unserer modernen Welt durch globalen Handel, Transport und Kommunikation, aber auch mit der digitalen Revolution. Wir vergessen, dass Europa allein demnächst 50 Millionen Arbeitskräfte benötigt und dass unser soziales und wirtschaftliches System zusammenbrechen würde, wenn wir uns abschotten. Wir brauchen Diversität und vor allem das Verständnis, dass wir als Menschheit solidarisch sein müssen, damit diese Welt nicht an ihrer sozialen Ungerechtigkeit zu Ende geht. (Kilian Kleinschmidt, 17.8.2015)

Kilian Kleinschmidt ist Global Networker und leitete bis 2014 das Zaatari-Flüchtlingscamp der Uno in Jordanien – das mit über 100.000 Flüchtlingen zweitgrößte der Welt. Er spricht am 24. August 2015 bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen über Erfolgsbeispiele globaler Flüchtlingspolitik.

Dieser Text erscheint in Kooperation mit dem Europäischen Forum Alpbach, das sich in diesem Jahr von 19. August bis 4. September dem Thema "UnGleichheit" widmet.

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  • Die meisten Flüchtlinge der Welt sind in Afrika, im Nahen Osten und in Südostasien untergekommen – das vergessen wir gerne. Im Bild das Flüchtlingscamp Zaatari in Jordanien.
    foto: ap / raad adayleh

    Die meisten Flüchtlinge der Welt sind in Afrika, im Nahen Osten und in Südostasien untergekommen – das vergessen wir gerne. Im Bild das Flüchtlingscamp Zaatari in Jordanien.

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