Wirtschaftsprozess: Der tiefe Fall des Modeimperiums

18. August 2015, 08:00
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Eine 78-Jährige ist nach über 50 Jahren mit ihrem einst großen Modeunternehmen in Konkurs gegangen. Zu spät, sagt die Staatsanwaltschaft

Wien – Das Verfahren gegen Rosa S. ist auch eine Geschichte über den Wandel der Zeiten. Und wie hart diese für Familienunternehmen in der Modebranche geworden sind. Die 78-Jährige muss sich vor Richterin Sylvia Primer wegen "grob fahrlässiger Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen" verantworten.

Über 55 Jahre lang lenkte die unbescholtene S. die Geschicke ihrer Firma, die Damenmode verkaufte. Einst gab es österreichweit Filialen: mehrere in Wien, in Linz, Salzburg und Graz. Seit Jänner 2014 ist das Unternehmen in Konkurs: Schuld sind laut Frau S. eine Mieterhöhung, die U-Bahn, das Internet und der Umbau der Mariahilfer Straße.

Der U-Bahn-Bau beispielsweise führte dazu, dass Dependancen in Wien geschlossen werden mussten, erzählt die Angeklagte Primer. "Wissen Sie, früher sind die Leute im Bezirk einkaufen gegangen, danach nur mehr in den Einkaufsstraßen."

Konzerne und Internet als Konkurrenz

Eigentlich war die Firma auch in einer von diesen vertreten – der Mariahilfer Straße. Ab 2011 sei das Geschäft aber immer schlechter gegangen. "Die Umsätze waren wegen der großen Konzerne und dem Onlineshopping rückgängig."

Damals musste sie ihr 240-Quadratmeter-Penthouse verkaufen und deckte mit dem Erlös Schulden ab. "Meine Familie hat mir dann ein Appartement besorgt. Das bereue ich, die Miete war viel zu hoch." 3.700 Euro nämlich, bezahlt von der Firma.

Überhaupt, die Familie: Sie selbst gönnte sich neben ihrer Pension von 2.100 Euro nur 1.000 Euro Geschäftsführer-Gehalt. "Wie viel hat Ihre Tochter verdient?", interessiert die Richterin. "3.000 Euro netto. Sie war Filialleiterin." – "Und wie hoch ist da der Kollektivvertrag?" – "Ungefähr so, sie war ja schon lange in der Firma."

Auch der Neffe ließ Parkstrafen, Taxifahrten, slowenische Autobahnvignetten und Tankfüllungen vom Unternehmen bezahlen. "Ich habe ihn auch manchmal zurechtgewiesen", sagt S. nun.

Hoffnung auf MaHü-Umbau

Trotz des stetig wachsenden Schuldenbergs – am Ende waren es mehrere hunderttausend Euro – wollte die Unternehmerin nicht aufgeben. "Man hofft halt immer wieder, dass es besser wird." Ihre größte Hoffnung ab Anfang 2013: Der Umbau der Mariahilfer Straße. "Das wäre eine tolle Straße geworden, mehr Leute wären gekommen", ist sie überzeugt.

Dass der Steuerberater schon im Frühjahr 2013 zum Konkurs geraten hat, bestreitet sie. "Davon war nie die Rede. Nur von der Schließung einer Filiale." Auf die Frage ihrer Verteidigerin Magdalena Frech gesteht sie allerdings ein, dass sie das möglicherweise auch falsch verstanden habe.

"Ich habe doch nur für die Firma gelebt", sagt sie und bereut, nicht früher den Konkursantrag gestellt zu haben. Nun sitzt sie auf fast 500.000 Euro Schulden, will demnächst in Privatkonkurs gehen. 5.800 Euro, die sie einem langjährigen Lieferanten schuldet, der sich als Privatbeteiligter dem Prozess angeschlossen hat, hat sie allerdings in bar mit – die Tochter bezahlt den Außenstand.

Diese Schadenswiedergutmachung und das grundsätzliche Schuldeingeständnis bewegen Richterin Primer schließlich, die alte Frau nicht zu verurteilen. Sie entscheidet sich für eine Diversion ohne Auflagen, auch der Staatsanwalt ist damit einverstanden. (Michael Möseneder, 18.8.2015)

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