"Mamsch beim Bügeln": Über den Mangel des Alltags in Familienfilmen

Video17. August 2015, 11:31
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In dieser Folge der Serie "Die Rückseite des Films": Warum Amateurfilmaufnahmen selten Alltägliches zeigen – und ein Gegenbeispiel aus den frühen 1950er-Jahren

In den letzten Jahren ist man allgemein zur Ansicht gelangt, dass Amateurfilmaufnahmen eine wichtige Fundgrube für das Studium des Alltags und des zivilen Lebens im 20. Jahrhundert darstellen: "Private Filmdokumente sind ein wichtiges, jedoch oft unbekanntes Zeugnis der Geschichte eines Landes. Sie geben Einblick in die Bräuche und Sitten und sind Zeugen des Alltags." So begann, zum Beispiel, der Aufruf einer Sammelaktion für niederösterreichische Amateurfilme, initiiert im Jahr 2013.

Grundsätzlich gibt es gegen diesen Ansatz nichts einzuwenden, aber bei genauerer Betrachtung ist in diesen Filmen in Wahrheit wenig Alltägliches zu finden. Im Hinblick auf das, was gefilmt wurde, lassen sich vier Kategorien grob umreißen.

Ausnahmen des alltäglichen Lebens

Die meisten Amateure filmen Rituale wie Taufe, erstes Bad der Neugeborenen, Hochzeiten, Firmungen, Erstkommunionen und erste Schultage. Diese Rituale des sozialen Lebens finden sich in fast jedem Amateurbestand.

Eine zweite Gruppe des Gefilmten umfasst Urlaube und Unternehmungen in der Freizeit. All diese auf Film festgehaltenen Ereignisse illustrieren daher keine alltäglichen Situationen, vielmehr sind es Höhepunkte und Ausnahmen im Laufe des alltäglichen Lebens.

Als dritte Gruppe gibt es jene Aufnahmen, in denen Familien ihren materiellen Aufstieg filmisch begleiten. Die Wendepunkte in der Familiengeschichte: das erste Auto, die neue Wohnung, der Bau des Eigenheims werden als markante und willkommene Zäsur erkannt und genau deshalb gefilmt.

Eine vierte Art der Aufnahmen umfasst weniger das Privat-Persönliche, als vielmehr öffentliche Ereignisse: Prozessionen, Messen, Aufmärsche, Paraden, also Momente, die wegen ihrer Einmaligkeit aufgenommen wurden.

Fast alles, was nicht aufgenommen wurde

Es ist daher nicht immer einfach, was es als "alltäglich" zu definieren gilt. Aufnahmen von Menschen, die in ihrem Bett aufwachen, sich waschen, zur Arbeit gehen, dann müde nach Hause kommen und aufräumen, sind die Ausnahme. Auch die alltäglichen Verrichtungen im Haushalt wie Bügeln, Putzen und Kochen kommen so gut wie nie vor. Das Filmmaterial war immer eine kostspielige Angelegenheit, niemand erachtete die alltäglichen Wiederholungen als relevant, geschweige denn interessant. Diese Aufnahmen sind definitiv nicht glamourös.

Was bedeutet Alltag? Es ist fast alles, was nicht in den Familienfilm aufgenommen wurde. Doch es gibt Ausnahmen – etwa "Mamsch beim Bügeln", gedreht um 1950 auf 9,5-Millimeter-Film in einem österreichischen Wohnzimmer.

österreichisches filmmuseum

Siegfried Kracauer schrieb an den Kunsthistoriker Erwin Panofsky: "Die ganze Dimension des Alltagslebens mit seinen unendlich kleinen Bewegungen und seiner Vielzahl an flüchtigen Handlungen lässt sich nur auf der Leinwand enthüllen … Filme bringen Licht ins Reich der Bagatellen, der kleinen Ereignisse."

Er hat nicht an die Amateuraufnahmen gedacht. (Paolo Caneppele, Österreichisches Filmmuseum, 17.8.2015)

Österreichisches Filmmuseum
Zur Serie "Die Rückseite des Films": Der größte Teil des überlieferten Filmbestands fand nie den Weg auf die große Leinwand: Amateurfilme, Outtakes, Trailer und Experimente, Wochenschauen, Werbe- und Propagandafilme etc. – derStandard.at und das Österreichische Filmmuseum zeigen historische Beispiele für diese "andere" Seite des Films.

Gewidmet Siegfried Mattl, der an der Gestaltung dieser Serie maßgeblich beteiligt war. Mattl starb im April in Wien.

Österreichisches Filmmuseum
Zur Serie "Die Rückseite des Films": Der größte Teil des überlieferten Filmbestands fand nie den Weg auf die große Leinwand: Amateurfilme, Outtakes, Trailer und Experimente, Wochenschauen, Werbe- und Propagandafilme etc. – derStandard.at und das Österreichische Filmmuseum zeigen historische Beispiele für diese "andere" Seite des Films.
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