"Werther" bei den Festspielen: Souveräne Liebespein

17. August 2015, 08:30
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Jules Massenets Oper mit Piotr Beczala in Salzburg

Salzburg – Christbaum? Friedhofslinden? Pistolenkasten? Nicht nötig in einer konzertanten Aufführung. Jules Massenets Drame lyrique Werther birst ohnehin vor Emotion; es braucht keinerlei Illustration. Auch Tenor Piotr Beczala, der im Großen Festspielhaus die Titelrolle sang, übertrieb nicht. "Durch ihren Blick beruhigt und von ihrer Stimme gewiegt", schwärmt der junge Herr an sich regieanleitungsgemäß "in Ekstase" beim Anblick der jugendlich-mütterlichen Charlotte. Nun. Beczala hat die überbordenden Emotionen und Ekstasen im Werther sozusagen selbst eher "beruhigt und gewiegt".

Mit der korrekten Haltung eines Offiziersanwärters beim Rapport gab Beczala seine Partie im Rahmen des Überschwangs geradezu "klassisch". Seine technische Souveränität erlaubt es ihm, auch bei geforderter Ekstase, Linien und Töne selbst in exponiertesten Lagen mit Leichtigkeit und Lockerheit zu singen. Einfach nur zu singen. Ein Ausnahmetenor.

Die passende Färbung

Er gibt jeder Linie und jedem Ton scheinbar selbstverständlich die rechte Klangnuance, jedem Vokal die rechte Färbung. Von Stimmsitz, Lagenausgleich oder adäquater Lautstärke ganz zu schweigen. Seinen Spitzentönen eignet die nämliche beinahe liedhafte Intimität und Feinheit wie seinen Linien in der Mittellage.

Ein Tenor macht trotzdem noch keinen Werther. Angela Gheorghiu gab, angesichts des zurückhaltenden Beczala, eine stimmlich und darstellerisch beinahe zu dramatische Charlotte.

Da hätte ein Regisseur so manchen gestischen und der – immerhin vorhandene – Dirigent so manchen sängerischen Manierismus zurückstutzen können. Wie viele Vokale und Lagenwechsel Angela Gheorghiu allein jeweils im schlichten Wort "Werther" untergebracht hat. Unnötig, angesichts vieler bewegender und stimmlich souveräner Momente auch in dieser Partie.

Gut gecastet

Glanzlichter im allerfeinsten Sopransinne hat Elena Tsallagova als Sophie gesetzt; Daniel Schmutzhard war als Albert Beczala ein souveräner Gegenspieler. Festspielwürdig gecastet auch die kleinen Partien: mit Giorgio Surian als einem etwas steifen Amtmann und Martin Zysset und Ruben Drole als weinseligen Kommentatoren Schmidt und Johann. Der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor hatte einen charmanten Auftritt als Weihnachtslieder im Juli probende Geschwisterschar.

Bleibt das Mozarteumorchester Salzburg. Mit dem Dirigenten Alejo Pérez gab es den vokalen erweckten Emotionen (von der Lebensfreude der Sophie bis zur Todessehnsucht und Todesangst Werthers) die klangfarblich jeweils perfekt grundierte Basis. Extraverneigung vor den Holz- und Blechbläsern, besonders vor den Hornisten. (Heidemarie Klabacher, 17.8.2015)

18., 22. 8., Großes Festspielhaus, 21.00

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