Tianjin: Suche nach 700 Tonnen Gift zwischen tausenden Containern

17. August 2015, 11:00
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Premier Li forderte am Unglücksort klare Informationspolitik – Kontrollen von gefährlichen Chemikalien wurden angeordnet

Chinas Zentralregierung greift direkt in das Krisenmanagement der verheerenden Explosionskatastrophe von Tianjin ein, die in der Bevölkerung anhaltende Ängste vor einem Chemiegift-GAU geweckt hat. Peking ist mit Tianjin unzufrieden. Fünf Tage nach dem Unglück, dessen Opferzahlen am Montag auf 114 Tote und 70 Vermisste korrigiert wurden, hatten die Behörden die chaotische Lage im Gefahrgutlager und Frachthafen noch nicht unter Kontrolle. Aus dem benachbarten Peking und aus dem Bezirk Tianxin sind für Hilfsmaßnahmen tausende auf Bekämpfung von Chemiewaffen spezialisierte Soldaten und Feuerwehren mobilisiert worden.

Umweltwissenschafter gaben am Montag Entwarnung für die angeblich nicht gefährliche chemische Belastung von Luft, Wasserboden und auch des Meerwassers vor dem Hafen. Rund zwei Dutzend Messtationen seien rund um die Uhr im Dienst. Die Angaben stießen auf weitverbreitete Skepsis und Unglauben nicht nur bei Mikrobloggern im Netz, sondern auch in der Bevölkerung. Ein Grund dafür waren neben dem Vertrauensverlust in die Behörden kleine, erneut am Morgen ausbrechende Brände und Detonationen. Inzwischen sei es gelungen, den Radius der akuten Gefahrenzone um die Chemikalien von drei auf einen Kilometer einzuengen, hieß es auf einer Pressekonferenz.

Suche nach Natriumcyanid

Armeespezialisten kämpfen darum, die dort lagernden 18 verschiedenen gefährlichen Stoffe zu lokalisieren, darunter auch die auf zwei Stellen verteilten 700 Tonnen Natriumcyanid. Im Fall der beschädigten Container würde der hochgiftige Stoff mit ein Meter hohen Wällen eingedämmt und mit chemischen Gegenmitteln neutralisiert. Intakte Behälter würden zum Hersteller der Chemikalie zurücktransportiert. Das größte Problem sei, die Giftstoffe zu finden. Sie würden zwischen tausenden größtenteils leeren und von der Explosion über den Hafen geschleuderten Containern liegen.

Die Inkompetenz der lokalen Behörden, die Verzögerung von Nachrichten und die Behinderung von Journalisten haben Peking alarmiert, weil sie den Vertrauensverlust bei der Bevölkerung erhöhten. Zugleich leidet das Image der Volksrepublik im Ausland. Weltweite Schlagzeilen machten die spontanen Proteste von Angehörigen vermisster Feuerwehrhelfer, die keine Antwort auf ihre Fragen bekamen, oder von obdachlos gewordenen Betroffenen, deren Wohnungen zerstört wurden.

Premier in Tianjin

Premier Li Keqiang eilte vergangenen Sonntag selbst zum Unfallort. Er kritisierte öffentlich die "mangelnde Ausübung von Amtspflichten, Inkompetenz und kriminellen Verstoß gegen Vorschriften" und verlangte nach einer transparenten Untersuchung, wer die Verantwortung dafür trägt: "Wir haben uns vor den Angehörigen der Verstorbenen, vor der Bevölkerung von Tianjin, des Landes und vor der Geschichte zu rechtfertigen." Li verlangte als Erstes, "Luft-, Wasser- und Bodenmessungen akkurat durchzuführen und die Ergebnisse der Bevölkerung offen und rechtzeitig mitzuteilen, ohne Informationen zurückzuhalten".

Die "Volkszeitung", das offizielle Sprachrohr der Parteizentrale, sekundierte am Montag dem Premier: Alle Menschen, besonders die Angehörigen der Opfer, hätten "ein Recht darauf, Bescheid zu wissen". Auf ihrer Kommentarseite verlangte sie: "Wir müssen die Bewältigung des Unfalls offen und transparent angehen und entschieden alte Ansichten und Methoden ändern, die den heutigen Verfahrensweisen nicht mehr entsprechen." Ziel sei es, eine "Gemeinschaft des Vertrauens" aufzubauen.

Spekulationen über Korruption und Seilschaften

In Anspielung auf vermutete Korruption oder auf Spekulationen, dass hohe Funktionäre als Hintermänner illegale Machenschaften deckten, warnte die "Volkszeitung": Peking verlange Aufklärung ohne jegliche Rücksichtnahme: "Das ZK selbst hat große Fälle von Korruption an allerhöchster Stelle öffentlich von Anfang bis Ende aufklären lassen, ob es sich um Zhou Yongkang ( Ex-ZK-Polizeichef), Xu Caihou und Guo Boxiang (Exvizearmeechefs und Generäle) oder Ling Jihua (Ex-ZK-Büroleiter) handelte." Weshalb sollte es bei der Aufklärung eines Unfall bei der Arbeitssicherheit notwendig sein, sich "zurückzuhalten oder etwas zu verbergen"? Rhetorisch fragte die "Volkszeitung": Wie könnte das etwa aus Rücksichtnahme auf politische Seilschaften geschehen?

Tägliche Pressekonferenz im Fernsehen

Pekings Intervention, darunter die zweimalige Aufforderung von Parteichef Xi Jinping, die Ursachen der Katastrophe herauszufinden, zeigen Wirkung. Am Montag wurde die tägliche Pressekonferenz aus Tianjin landesweit im Fernsehen übertragen. Auch das Problem der Feuerwehrleute kam zur Sprache. Premier Li hatte bei seinem Besuch ein Ende des diskriminierenden Umgangs mit den Brandschutzgruppen des Hafens gefordert, die als "Feuerwehraushilfen mit Zeitverträgen" anders als reguläre Feuerwehren wie "Arbeiter zweiter Klasse" behandelt werden. Als Li von einem Hongkonger Reporter spontan dazu befragt wurde, nutzte er die Gelegenheit, um öffentlich seinen Standpunkt zu benennen.

Viele Feuerbekämpfer seien bei dem Unglück gestorben. "Sie sind alle Helden. Helden unterscheiden wir nicht nach regulär oder nichtregulär." Li, der sich vor einer Gruppe von Feuerwehrleuten zeremoniell für die befürchteten 100 Toten aus ihren Reihen verneigte, von denen die meisten Vertragsarbeiter sind, verlangte Gleichbehandlung für alle Opfer, ob bei den posthumen Ehrungen bis hin zur Entschädigung ihrer Angehörigen.

Leben neben einem "Vulkan"

Auch Pekings Generalstaatsanwaltschaft bezog inzwischen Quartier in Tianjin. Eine Aufgabe ihrer Ermittlungen beschrieb die Hauszeitung "Zhongguo Jijianjianchabao" der Obersten Disziplinkontrollbehörde der Partei. Die Industrietragödie bringe die "Schlupflöcher bei der Umsetzung unserer Gesetze, bei Stadtplanung und Überwachung" zum Vorschein. So wohnten etwa mehr als zehntausend Menschen in dem Frachthafen – ohne es zu wissen – neben einer Zeitbombe. 5.600 Haushalte lebten innerhalb einer 1.000-Meter-Verbotszone für alle Ansiedelungen um das Gefahrengutlager.

Bis zum tragischen Moment, als die Chemikalien vergangene Woche explodierten und alle Wohnhäuser im Umkreis zerstörten, hatten "weder die Bauträger noch die Bewohner gewusst, dass sie neben einem Vulkan lebten. Die lodernden Flammen verschlangen nicht nur Leben und Eigentum, sondern auch unser Gefühl für Sicherheit." (Johnny Erling aus Peking, 17.8.2015)

  • Chinesische Soldaten untersuchen die Ruinen in Tianjin.
    foto: reuters / china daily

    Chinesische Soldaten untersuchen die Ruinen in Tianjin.

  • Der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang machte sich vor Ort ein Bild.
    foto: reuters/cnsphoto

    Der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang machte sich vor Ort ein Bild.

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