Patrick Reiter: Sanfter Weg nach harter Landung

17. August 2015, 10:43
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In seiner Karriere als Judoka hat der Salzburger Patrick Reiter fast alles gewonnen. Seine größte Niederlage, passiert bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta, wurde schließlich zu seinem größten Sieg

St. Johann / Pongau – Judo, das heißt aus dem Japanischen übersetzt "sanfter Weg". Aber den ist Patrick Reiter als Sportler nie gegangen. Goschert war er, nicht größenwahnsinnig. Jedes Training ein selbst auferlegtes Martyrium. Ein einsamer Kämpfer und ein Kritiker, der auch Vertreter des österreichischen Judoverbands auf die Matte prackte. Verbal.

Und dann war da der Schock: Olympische Spiele in Atlanta 1996. Der damals 23-jährige Salzburger hat Gold angekündigt und verliert als Favorit in der ersten Runde durch eine Ippon-Wertung gegen den Usbeken Wladimir Schmakow. In nur 91 Sekunden platzt ein Lebenstraum.

Patrick Reiter blickt aus dem Fenster seines Hauses in St. Johann im Pongau, sieht eine Wiese und lächelt. Sein größtes Geschenk im Sport war diese Niederlage, "weil sie mir geholfen hat, zu mir selbst zu finden", sagt er.

Der 42-Jährige führt eine Personalentwicklungsfirma, begleitet Menschen dabei, sich und ihre Gefühle wieder zu spüren. "Interdisziplinär" nennt Reiter seine Trainingscamps. Im Dickicht der Wälder Kärntens lassen sich etwa Fußballer spätabends bei 400-Meter-Läufen bergauf scheuchen, wird mit Autoreifen geworfen und in Baumhäusern übernachtet. Auch Sepp Resnik, Konditionstrainer von Dominic Thiem, Österreichs Nummer eins im Tennis, hat hier seine Hände im Spiel. Was sich Reiter für sich selbst schon früher gewünscht hätte ("Kompetent durchs Leben gehen"), will er jetzt der nächsten Generation vermitteln. Ob dann ein Spieler für die deutsche Bundesliga herauskommt oder ein zufriedener Mensch, der "eigentlich immer schon dazu bestimmt war, Schlosser zu sein, aber Fußball nur für seinen Vater gespielt hat", beides wird als gleicher Erfolg bewertet.

Für Reiter war Judo die perfekte Lebensschule, weil man lernt, mit dem Druck der Gesellschaft gelassener umzugehen. "Ich durfte viel erleben." "San jin do", so heißt der Verein in seinem Geburtsort Bischofshofen, für den Reiter auf der Matte stand. Der "Weg der Gebirgler" hat Reiter in der Klasse bis 81 Kilogramm an die Spitze des internationalen Judosports geführt. Und niemand repräsentierte den Kampfstil der Gebirgler besser als er: konditionell beeindruckend, stark wie ein Löwe, bewandert in den russischen Sambo-Techniken. Von den Russen lernte Reiter viel, auch weil diese trotz geringeren Trainingspensums bei Großereignissen Medaillen machten. "Wenn du immer nur einatmest, musst du genauso sterben, wie wenn du immer nur ausatmest." Das waren die Worte eines russischen Betreuers. Es geht um Qualität, nicht um Quantität, "aber das verstehen viele Leute heute nicht mehr".

Rein optisch hat sich Patrick Reiter kaum verändert. "Ein bisserl jünger bin ich geworden." Mit den Sorgen haben auch die Spannungen im Gesicht nachgelassen. Gewicht muss er freilich nicht mehr machen, die Zeiten des Hungerns und Entwässerns für den Wettkampf sind vorbei. Drei Kilo hat er zugenommen. 1992 wurde Reiter Junioren-Weltmeister, drei Jahre später Europameister in Birmingham bei den Erwachsenen, insgesamt sammelte er neun Medaillen.

Mehr als zehn Jahre lang war der Salzburger einer der drei erfolgreichsten Judoka in seiner Gewichtsklasse. Für den olympischen Traum ordnete er minutiös alles einem einzigen Tag unter, trennte sich in der Vorbereitung gar von seiner langjährigen Freundin, weil "ich der Überzeugung war, dass ich nur allein Olympiasieger werden kann". Immer im Bewusstsein, dass sogar eine durchschnittliche Leistung für eine Medaille reichen müsste.

Der Zeitplan

Dienstag, 23. Juli 1996, 6 Uhr: Tagwache, bis 6.30 Uhr Qi Gong. Um sieben als Erster zum Abwiegen, bis neun alle 20 Minuten 0,3 Liter Wasser trinken. 7.15 Uhr: Frühstück, retour ins Quartier, Ruhephase, danach Abfahrt in die Halle. Und dann vergaß der Perfektionist Reiter seine Judotasche im Hotel. Kein Zufall. "An einigen Kreuzungen im Leben kommst du nicht vorbei." Das hat Reiter gezeigt, dass er "menschlich" ist. Im Leben ist nicht alles planbar, "sonst hätte die DDR ausschließlich Olympiasieger produziert".

Zum Kampf in Atlanta ist Reiter, der ein Privatquartier im Vorort Greensboro dem olympischen Dorf vorzog, noch rechtzeitig gekommen. Von der Auslosung wollte er vorab nichts wissen, seinen ersten Gegner erst auf der Matte sehen. Und den bekam er dann auch nur kurz zu Gesicht. Nach einer Unachtsamkeit wurde Reiter mit einem Hüft-Schulter-Wurf ausgehoben, die Landung war hart. Bilder vom Kampf hat Reiter kaum mehr im Kopf. "Wenn ich mich aber voll fokussiere, kann ich das Gefühl noch abrufen und spüre Druck auf der Thymusdrüse im Brustkorb."

Versagensängste thematisiert Patrick Reiter ebenso in seinen Coaching-Seminaren wie die Oberflächlichkeit des Erfolgs. In der Konjunktur seines Sportlerlebens war das ein "Lercherlschas", wenn auch ein öffentlicher. Mit 29 Jahren beendete Reiter seine Karriere. Der Körper schlug Alarm, Finger, Sprunggelenke und Wirbelsäule bereiteten Schmerzen. Es fehlten auch Perspektiven und Strukturen in Österreich. Was danach folgte, war "kein Lercherlschas" mehr. Reiter stand im Rampenlicht, und "auf einmal dreht jemand den Schalter ab". Die Menschen, die ihm "Speichel über die Schultern zogen", waren weg. Reiter musste wieder das normale Leben lernen, fiel in ein Loch. Fünf Jahre ließ er sich therapieren. "Man muss im Leben nicht alles allein bewältigen."

Etwas Positives hatte das frühe Ausscheiden in Atlanta in jedem Fall. Sein Sponsor bat Patrick Reiter kurz darauf, auf die Bahamas mitzukommen. Dort lernte er seine spätere Frau Heather kennen. Die Beziehung geht nun bereits ins siebzehnte Ehejahr, das jüngste der drei gemeinsamen Kinder ist vier Jahre alt. "Wir sind happy."

Die Verabschiedung

Reibungshitze entstand dafür zwischen dem österreichischen Judoverband und Patrick Reiter häufig. Es fehlte dem Perfektionisten an geeigneten Trainingspartnern und individueller Förderung. Vor zwei Jahren wurde der Nationaltrainer ausgeschrieben, Reiter wurde gebeten, sich zu bewerben. Die Verbandssitzung geriet zur Farce. "Man hat mir nur zehn Minuten Zeit gegeben für eine Programmpräsentation zum nächsten Olympiazyklus." In derselben Sitzung referierte dann ein erfolgreicher ausländischer Trainer drei Stunden lang über Strukturen in Russland. "Putin ist judoverrückt, die Oligarchen investierten viel Geld. Das System ist aber nicht kopierbar." Vom Judosport hat sich Reiter quasi verabschiedet. Die handelnden Personen im Verband seien die gleichen, der Erfolg einzelner Sportler hat mit dem Verband "genauso viel zu tun wie St. Johann im Pongau mit Zhangjian in Südchina".

Ob Patrick Reiter etwas bereut in seinem Leben? "Alles, was vor fünf Sekunden passiert ist, kannst du nicht ändern. Aber du kannst in den nächsten fünf Sekunden lachen und glücklich sein." (Florian Vetter, 17.8.2015)

  • Patrick Reiter im Sommer 2015. "Ich bin jünger geworden."
    foto: privat

    Patrick Reiter im Sommer 2015. "Ich bin jünger geworden."

  • Patrick Reiter (links) im Februar 1999 in Aktion beim internationalen Judoturnier in Paris. Der Japaner Masahiko Zomouchi setzte sich im Finale durch, die Niederlage war verschmerzbar.
    foto: apa/epa/pavani

    Patrick Reiter (links) im Februar 1999 in Aktion beim internationalen Judoturnier in Paris. Der Japaner Masahiko Zomouchi setzte sich im Finale durch, die Niederlage war verschmerzbar.

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