Hungerstreikender Palästinenser in akuter Lebensgefahr

16. August 2015, 17:28
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Palästinenser nach Messerangriff auf Grenzpolizisten erschossen

Nablus – Sicherheitskräfte in Israel und dem Westjordanland haben sich am Wochenende für massive Gewaltausbrüche gewappnet, falls ein hungerstreikender Palästinenser im Gefängnis sterben sollte. Der 31-jährige Mohammed Allan, der am Freitag das Bewußtsein verlor, wurde "stabilisiert, schwebt aber weiter in Lebensgefahr", erklärte der Direktor des behandelnden Krankenhauses am Sonntag.

Unterdessen wurden am Samstag zwei israelische Sicherheitskräfte mit Messern attackiert, ein Palästinenser wurde erschossen. Im nordisraelischen Wadi Ara beteiligten sich rund 200 israelische Araber an einer friedlichen Kundgebung zur Unterstützung von Allan, der seit 60 Tagen die Nahrungsaufnahme verweigert, um seine Freilassung oder einen Prozess durchzusetzen. Der Anwalt, der nach Angaben des Islamischen Dschihad Mitglied dieser radikalen Palästinensergruppe ist, sitzt seit November in israelischer Verwaltungshaft – damit kann er quasi unbegrenzt ohne Anklage festgehalten werden.

Kundgebung

An der Demonstration nahmen auch Abgeordnete des israelischen Parlaments teil. Für Sonntagabend war eine größere Kundgebung vor dem Krankenhaus in Aschkelon angekündigt, auf dessen Intensivstation Allan liegt. Der dortige Klinikdirektor Chesi Levy sagte am Sonntag im Armeeradio, der Patient werde künstlich beatmet. "Er erhält Infusionen mit Salz, Vitaminen und Mineralien, um seine Lebensfunktionen zu erhalten."

Allan werde aber nicht gegen seinen Willen zwangsernährt, versicherte Levy. Ein Mediziner des Roten Kreuzes schaue jeden Tag nach seiner Behandlung. Das israelische Parlament hatte am 30. Juli ein Gesetz verabschiedet, das die Zwangsernährung von hungerstreikenden Gefangenen erlaubt. Allan wäre der erste Fall seit 1980, bei dem diese umstrittene Maßnahme angewendet wird, die auch vom israelischen Ärzteverband abgelehnt wird.

Brandanschlag

Das Schicksal des Verwaltungshäftlings hat die Spannungen in der Region weiter angeheizt. Diese führten nach einem Brandanschlag jüdischer Extremisten auf Wohnhäuser, bei denen ein Kleinkind und sein Vater starben, in den beiden vergangenen Wochen zu mehreren Gewaltausbrüchen. So wurde am Samstag ein junger Palästinenser nach einem Messerangriff auf einen israelischen Grenzpolizisten im Norden des Westjordanlands erschossen.

Der Mann sei an einer Kreuzung südlich von Nablus mit einem Messer auf den Polizisten losgegangen, Wachsoldaten hätten sofort das Feuer auf den Angreifer eröffnet, teilte das israelische Militär am Abend mit. Der Palästinenser erlag später seinen Verletzungen, der Grenzpolizist wurde leicht verletzt.

Nach Angaben des Roten Halbmonds wurde der Angreifer von fünf Schüssen getroffen. Laut Palästinenserpräsident Mahmud Abbas handelte es sich um einen 21-jährigen Einwohner aus Nablus. Abbas verurteilte die tödlichen Schüsse als "gefährliche Eskalation" und rief die internationale Gemeinschaft auf, sie nicht schweigend hinzunehmen.

Stunden vorher hatte ein Palästinenser bereits einen israelischen Soldaten in der Nähe eines Straßenkontrollpunkts im Zentrum des Palästinensergebiets mit einem Messer angegriffen und wurde daraufhin von Soldaten angeschossen. Beide wurden nach Militärangaben leicht verletzt. Der Angriff ereignete sich auf einer Transit-Autobahn, die Jerusalem mit Tel Aviv verbindet und dabei das Westjordanland durchschneidet.

Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu lobte am Sonntag bei einer Kabinettssitzung "das beherzte Eingreifen der Armee am Wochenende", mit dem sie die beiden Angreifer "neutralisiert" habe. (APA, 16.8.2015)

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