Die fehlenden Frauen der Medizin-Unis

Kommentar der anderen16. August 2015, 17:53
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Die Aufnahmetests für das Medizinstudium diskriminieren Studienbewerberinnen, solange weiterhin hauptsächlich männlich konnotiertes Wissen abgefragt wird. Eine Replik auf Josef Christian Aigner

In diesem Jahr fand zum zehnten Mal das österreichweite Aufnahmeverfahren (Med-AT) für das Medizinstudium statt. 11.409 Studienbewerber und -bewerberinnen nahmen an dem mehrstündigen Aufnahmeverfahren teil. Dieses setzt sich zusammen aus einem schulischen Vorwissenstest in den Fächern Biologie, Chemie, Physik, Mathematik und Textverständnis sowie einem kognitiven Teil.

Neu dazu kam der Teiltest in "Sozialem Entscheiden", der eine Aussage über die soziale Kompetenz einer Person liefern soll, und zwar mittels einfachen Kreuzchens in einem Multiple-Choice-Test. Wie bereits seit Einführung des Medizinaufnahmetests kam auch heuer wieder die Kritik auf, dass diese Zugangsbeschränkungen Frauen klar diskriminieren – und es kommen Antworten von (hauptsächlich) Männern, die diese Diskriminierung verschweigen wollen.

Mit der Einführung der Studienplatzbeschränkung im Medizinstudium 2006/07 kam es zu einer geschlechtsspezifischen Umkehr der Studierenden. Im Studienjahr 2002/2003 waren noch knapp zwei Drittel der Studienanfänger und -anfängerinnen Frauen. Dieser Prozentsatz verringerte sich mit dem Jahr 2006/2007 auf 48 Prozent, im Jahr darauf waren es rund vier und im Folgejahr nur mehr 41 Prozent. Seit dem Jahr 2012/2013 erfolgte die Einführung einer geschlechterquotierten Auswertung des Tests an der Medizinischen Universität Wien, wodurch ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis erreicht werden sollte. Die Quotierung lässt jedoch außer Acht, dass sich prinzipiell mehr Frauen als Männer bewerben.

Weniger Zulassungen

Auch dieses Jahr wurden trotz Quotierung bei rund 58 Prozent weiblichen Bewerberinnen österreichweit nur 51 Prozent zum Studium zugelassen. An der JKU Linz waren es heuer bei 59 Prozent Frauenanteil bei den Bewerbungen, nur 45 Prozent Frauen, die aufgenommen wurden. Dadurch wird die geschlechterspezifische Diskriminierung auch dieses Jahr fortgeführt.

Doch woran liegt das? Fakt ist, dass Männer und Frauen von klein auf anders sozialisiert werden und somit in vorgefertigte Rollenbilder gedrängt werden. Das fängt etwa schon damit an, dass Mädchen Puppen und Buben Baukästen geschenkt bekommen. Unser Kindergarten- und Schulsystem trägt dies schließlich weiter und sorgt dafür, dass junge Männer und Frauen meist in den Fächern gefördert und bestärkt werden, die für ihr Geschlecht "typisch" sind.

Daneben spielen bei der Berufs- und Ausbildungswahl im Teenageralter auch stereotype Vorbilder beziehungsweise das Berufsimage eine große Rolle. Gerade Jugendliche entscheiden sich oft für Ausbildungswege, die am ehesten ihrem jeweiligen Geschlecht entsprechen. Das erklärt, warum Frauen den Großteil an den HBLAs und Männer den Großteil an den HTLs stellen.

Strukturelle Diskriminierung

Doch was bedeutet das nun konkret für den Medizinaufnahmetest? Aufbau und Setting diskriminieren Frauen aufgrund ihrer Bildungsbiografie. Bei dem Test wird hauptsächlich männlich konnotiertes Wissen abgefragt – sprich: Fähigkeiten und Eigenschaften, in denen Männer im Rahmen unseres Bildungssystems viel mehr gefördert und ermutigt werden. Das bedeutet natürlich, dass Männer hierbei deutlich besser abschneiden. Dies stellt eine Form von struktureller Diskriminierung dar, da damit vielen Frauen der Zugang zum Medizinstudium verwehrt bleibt. Sie bekommen somit auch keine Chance, dieses "fehlende" Wissen im Rahmen des Studiums nachzuholen.

Dieser Effekt kann sich übrigens auch umdrehen. Würde der Med-Aufnahmetest anders aussehen und "typisch" weibliche Eigenschaften und Fähigkeiten abfragen (Teamfähigkeit, Empathie, Fürsorglichkeit – auch nicht unwichtig für gute Mediziner und Medizinerinnen), würden im Schnitt Frauen besser abschneiden.

Die Kritik zielt somit darauf ab, dass der Test auf die jeweilige Bildungsbiografie der Geschlechter keine Rücksicht nimmt und in keiner Weise eine für beide Geschlechter "faire" Zugangsbeschränkung darstellen kann.

Mittlerweile studieren im Bachelor mehr Frauen als Männer. Das ist Fakt. Eine Erhebung der Statistik Austria zeigt, dass knapp 54,1 Prozent der Studierenden Frauen sind. Aber Fakt ist ebenfalls, dass Frauen bei PHD-Studien, in der Wissenschaft, als Professorinnen und Rektorinnen weiterhin unterrepräsentiert und benachteiligt sind. Der Med-AT schreibt diesen Missstand weiter und zeigt jedes Jahr, dass Zugangsbeschränkungen nie geschlechtsneutral sind.

Aufnahmeverfahren niemals fair gestaltet

Der Med-AT ist einer der besten Beweise dafür, dass Aufnahmeverfahren niemals fair gestaltet werden können. Kein Test der Welt kann abprüfen, was gute Mediziner und Medizinerinnen ausmacht, denn Aufnahmeverfahren dienen nicht der objektiven Eignungsevaluierung, sondern lediglich der Verringerungen der Studierendenanzahl, und das aufgrund von sozialer Herkunft sowie Geschlecht.

Es ist absurd, die "Eignung" einer Person für ein Studium an dem bereits bestehenden, faktischen Vorwissen beurteilen zu wollen. Ein Studium ist vor allem dafür da, neues Wissen zu erwerben beziehungsweise fehlendes nachzulernen – dies geht auch mittels Interesse und Ehrgeiz und sollte nicht Voraussetzung für die Zulassung sein. (Jasmin Kassai, Katrin Walch, Sandra Hochmayr, 16.8.2015)

Jasmin Kassai, Katrin Walch, Sandra Hochmayr sind Mitglieder des VSStÖ – Verband Sozialistischer Student_innen in Österreich.

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