112 Tote nach Unglück in China: Angst, Zorn und Panik in Tianjin

16. August 2015, 13:01
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Nach einem Chemieunglück haben die Behörden die Lage noch immer nicht im Griff

Fast vier Tage nach einem der schwersten Chemieunglücke des Landes, das unter den bisher 112 Toten auch die meisten Opfer unter Feuerwehrleuten in der Geschichte der Volksrepublik Chinas verursachte, haben die Behörden die Lage am Explosionsort noch nicht im Griff. Immer mehr Enthüllungen weisen zudem auf kriminellen Umgang mit den Chemiestoffen und Versagen der Behörden.

In der 15-Millionen-Einwohner Metropole Tianjin wachsen unter der Bevölkerung Verbitterung, Frust und Ängste über die auch Sonntagvormittag weiter über den Chemiefrachthafen aufsteigenden schmutzigen Rauchschwaden und die Unfähigkeit der Behörden, der Katastrophe Herr zu werden. Am Vortag waren am Unglücksort zwischen den Chemiefrachtcontainern wieder neue Brände aufgeflackert und lösten kleinere Detonationen aus.

Chemiespezialisten des Militärs versuchten am Sonntagnachmittag erstmals, das hochgiftige Natriumcyanid vor Ort zu entschärfen. Als Gegenmittel würden sie zur Neutralisierung der Giftstoffe Wasserstoffperoxid (H2O2) verwenden und zugleich mit Kofferdämmen die beschädigten Behälter isolieren. Noch intakte Container würden von Speziallastern abtransportiert. Das berichtete nach Angaben der Nachrichtenagentur Xinhua der für das Pekinger Militärkommando sprechende Shi Luzi auf einer Pressekonferenz der Sondereinheit. Shi bestätigte zugleich, dass die meisten Behälter mit dem auf 700 Tonnen geschätzten Natriumcyanid trotz der Explosionen "noch intakt sind". Inzwischen beruhigte auch Tianjins Umweltexperte Bao Jingling laut Xinhua die Öffentlichkeit. Nur zwei von 17 außerhalb der Explosionszone vom Umweltamt aufgebauten Luftmessstationen hätten am Sonntag leicht über Norm erhöhten Cyanwasserstoff angezeigt. "Die Werte stellen keine Gesundheitsgefahr da."

112 Tote

Die Zahl der Opfer hatte sich bis Sonntag auf 112 Tote und über 700 Verletzte erhöht. Viele der Toten konnten bisher nicht identifiziert werden. Noch 95 Menschen werden vermisst, darunter 85 Feuerwehrleute. Damit könnte die Zahl der getöteten Feuerwehrleute auf mehr als 100 steigen, der schlimmste Verlust für die Katastrophenhelfer seit der Gründung der Volksrepublik. Nach den Verschollenen wird nun fieberhaft gesucht, nachdem am Samstag zwei Überlebende entdeckt und geborgen wurden, die Schutz in leeren Containern gefunden hatten. Polizeiminister Guo Shengkun verlangte die Suche nach Verletzten über die als Überlebensfrist geltenden 72 Stunden auszudehnen, bevor mit radikaleren Maßnahmen die schwelenden Brandherde gelöscht werden.

Regen gemeldet

Regenfälle sind für die kommenden Tage gemeldet und steigern die Furcht, dass die Verseuchung der Luft vom Regen verbreitet würde. Polizeibehörden warnten, sie würden gegen alle "Gerüchteverbreiter und Angstmacher" im Netz vorgehen. Sie ließen hunderte Webseiten und Blogs schließen, darunter auch viele, die nach der politischen Verantwortung fragten, und forderten Korruption und Versagen der Behörden aufzudecken. Auf lokalen Webseiten fragten immer mehr Blogger nach verlässlichen Informationen, ob sich gefährliche Giftstoffe in unbekannter Konzentration und Mischung, wie etwa die vermuteten Lager mit 700 Tonnen hochgiftigem Natriumcyanid, erneut entzünden oder durch Regen und Wind die Bürger gefährden können. Viele beriefen sich auf die von Premier Li Keqiang am ersten Tag der Katastrophe versprochene "Offenheit und Transparenz im Umgang mit dem Unglück".

Davon sei wenig zu spüren. Auch eine Reihe von Auslandskorrespondenten und Fernsehjournalisten vor Ort, wie etwa CNN wurden wiederholt bei ihrer Berichterstattung behindert. Chinesische Blogger erregten sich vor allem über das öffentliche Eingeständnis von Tianjins Vizechef für Arbeitssicherheit Gao Huaiyou, dass "manche Container und ihre Inhalte bei den Behörden nicht registriert gewesen sind." Er gehe davon aus, dass "möglicherweise" auch das hochgiftige Natriumcyanid gelagert wurde, könne dies aber nicht bestätigen, viele Container seien weiter verschlossen. Die nur in schweren Schutzanzügen an der Gefahrenstelle direkt arbeitenden Spezialeinheiten der Armee zur Bekämpfung von chemischen und biologischen Waffen und die mehr als 1000 Feuerwehrleute wüssten noch immer nicht genau, womit sie es zu tun haben.

Ständiges Sirenengeheul

Zu den Angstzuständen unter Tianjiner Bürgern trägt auch ständiges Sirenengeheul auf den Straßen in der von 2,6 Millionen Menschen bewohnten Tianjiner Binhai-Sonderzone um den Unglückshafen bei. Hinzu kommen ständig eintreffende Nachschubkonvois für die schon 1300 Soldaten vor Ort und erneute Umsiedlungen der provisorisch untergebrachten Obdachlosen. Zudem wurde die Sicherheitszone um das Zentrum der Explosionen im Logistikunternehmen "Ruihai International Logistics" auf drei Kilometer erweitert.

Mit Unglauben verfolgt das übrige China die sich entfaltende Katastrophe, die offenbar wieder einmal die haarsträubend primitiven kriminellen Praktiken der Verursacher sowie Korruption und Schlendrian bei Behörden und aufsichtführenden Umweltämtern zutage bringt. Skandale kommen dabei zum Vorschein, die in dem internationalen Frachthafen der Industriemetropole Tianjin nicht mehr für möglich gehalten wurden, und die ein einschneidendes politisches Nachspiel haben dürften.

Über den angeblichen "Vorzeigehafen" wurde bisher ein Großteil der Autoimporte internationaler Hersteller, darunter Firmen wie Volkswagen, und Zulieferungen für das Endmontagewerk Tianjin Airbus abgewickelt. Die Metropole ist infrastrukturell so modern entwickelt, dass sie als Erste seit 2008 mit einem nur 29 Minuten brauchenden Hochgeschwindigkeitszug an die 120 Kilometer entfernte Hauptstadt Peking angebunden wurde.

Suche nach der Unglücksursache

Wie konnte es daher dazu kommen, dass in der direkten Umgebung von 2010 schon geplanten und aufgebauten Wohnblöcken nach Angaben der renommierten finanzpolitische Zeitschrift Cai Xian das viel später erst errichtete Ruihai-Gefahrengutlager seinen Platz fand? Es liegt nur 500 Meter von einer Verbindungsschnellstraße entfernt. 600 Meter beträgt die Distanz zu der von Chinas größter Immobiliengesellschaft Vanke erbauten Hafencity mit 100.000 Quadratmetern Appartements. Schon 2001 wurde von der Staatsbehörde für Arbeitssicherheit verbindlich festgelegt, dass alle Chemikalienlager mindestens 1000 Meter Abstand von öffentlichen Bauten, Straßen oder Siedlungen zu halten haben. Dennoch gab Tianjins Umweltbehörde grünes Licht für den Bau. Die Firma Ruihai steht zudem auf der Staatsratsliste als bedeutende Firma unter den 60 wichtigsten Gefahrengutlagern Chinas.

Einen weiteren Skandal machte die südchinesische Metropolzeitung "Nanfang Dushibao" öffentlich, die zu den mutigsten Zeitungen Chinas gehört. Sie enthüllte als erste die Lagerung von 700 Tonnen Natriumcyanid in der Ruihai-Firma. Tianjins Behörden sagten noch einen Tag später am Samstag, dass dies "gut möglich", aber nicht gewiss sei. Ihre groteske Begründung ist ein Armutszeugnis für ihre Aufsicht: Eine Reihe von Kisten sei nicht registriert worden, als ob sie Schmuggelgut gewesen seien. Auf seiner Pressekonferenz sagte Sprecher Gao, es seien "große Diskrepanzen" zwischen den real gelagerten Chemikalien und den der Zollbehörde gemeldeten entdeckt worden.

Die Metropolzeitung berief sich bei ihrer Nennung der 700 Tonnen auf Aussagen des Besitzers einer Firma namens Chengxin in der Nachbarprovinz Hebei. Sie hatte das für den Bergbau gebrauchte Natriumcyanid hergestellt und Ruihai beauftragt, es zu exportieren. Ruihai hatte eine generelle Genehmigung der Umweltbehörden für den Transport der hochgefährlichen Chemikalie.

Es gab die strenge Auflage, dass Natriumcyanid in Mengen von maximal zehn Tonnen und in einem besonders gesicherten Frachtraum gelagert werden muss. Nun besteht der Verdacht, dass es nicht nur 70-mal soviel waren, sondern die Container zum Zeitpunkt der Explosionen auch draußen im Hofbereich standen. Die Zeitung erhielt dazu zwei unterschiedliche Angaben. Ein Verantwortlicher von Ruihai hätte ihnen gesagt, dass 300 der 700 Tonnen verschifft worden seien und nur 400 Tonnen noch auf Abtransport warteten.

Unter freiem Himmel

Ein Arbeiter sagte der Metropolzeitung hingegen, dass alle 700 Tonnen am Abend vor der Explosion noch unter freiem Himmel standen und in Holzkisten und Eisentonnen gelagert waren. Unklar ist, was nun stimmt. Ungeklärt ist auch, ob die 700 Tonnen oder andere Chemikalien die ursprüngliche gewaltige Detonation mit der zerstörerischen Kraft von 21 Tonnen TNT ausgelöst hatten, die mehr als 11.000 Wohnungen zerstörte. Der Besitzer der Firma, darunter der beim Brand stark verletzte Geschäftsführer Zhi Feng, stehen unter polizeilicher Bewachung. Internetblogs wurden als bösartige Gerüchte gelöscht, die behaupteten, dass die Verantwortlichen der Firma mit früheren höchsten KP-Funktionären, einer sogar aus dem Politbüro, verwandt sein sollen und daher die Genehmigungen erhalten hätten.

Aber auch die von Zeitungen und in namentlich gezeichneten Blogs geäußerte öffentliche Kritik wird lauter. Die Wochenzeitung "China Business Journal" stellte ihren Kommentar auf der Titelseite unter die Überschrift, man dürfe der "Chemiewirtschaft nicht erlauben, erneut ein blutiges Bruttosozialprodukt zu erzeugen." Sie erinnerte an die sich häufenden Chemieunfälle und wie unreguliert der gesamte Bereich von Produktion bis Transport in dichtbesiedelten Gebieten sei. Im Netz werden nun auch Fragen nach der Sicherheit von Chinas Atomkraftwerken gestellt. Peking brüstet sich damit, mehr als zwei Dutzend neue große Atomkraftwerke an den Küsten und im Inland zugleich zu bauen, die meisten Neuanlagen, die derzeit in der Welt entstehen. In China gibt es bisher keine AKW-Bewegung.

Angespannte Lage

Die Lage ist angespannt, so sehr, dass Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping zum zweiten Mal zur Katastrophe Stellung nahm. Er rief alle Behörden auf, von dieser "besonders tiefgehenden" Lehre zu lernen, die "wir mit Blut" bezahlen. Chinas Fälle schlimmer Verletzungen der Arbeitssicherheit häuften sich. "Wir brauchen bessere Notfall-Reaktionsmaßnahmen" und Kontrollen aller Sicherheitsrisiken.

Der Staatsrat ordnete eine neue strenge Sicherheitskampagne für alle Gefahrengutindustrien aber auch etwa für Hersteller von Fahrstühlen und Rolltreppen an, wo es zu grauenvollen Unfällen gekommen war. Er sprach von einer Aufdeckung von schweren Mängeln beim Sicherheitsbewusstsein, bei der Umsetzung von Sicherheitsbestimmungen, von Schwächen bei Nothilfereaktionen und von "irregulären Praktiken" bei Mitarbeiter.

Der letzte Punkt bezieht sich offenbar auf die Feuerwehren und anderen Helfer, unter denen viele sogenannte "Kontraktarbeiter" waren, die nur vorübergehend als Aushilfen eingestellt waren. Einige gehörten zu den ersten Löschtruppen, die am Katastrophenplatz eintrafen und seither verschollen sind. Ihre verzweifelten Angehörigen protestierten lauthals während der offiziellen Pressekonferenz und sorgten für einen Eklat. Ihr Vorwurf an die Behörden: Niemand kümmere sich um das Schicksal dieser Kontraktarbeiter. Niemand informiere ihre Angehörigen. (Johnny Erling aus Peking, 16.8.2015)

  • Die Bewohner von Tianjin gedenken der Opfer des Unglücks.
    foto: ap

    Die Bewohner von Tianjin gedenken der Opfer des Unglücks.

  • Auch am vierten Tag steigen noch Rauchschwaden auf.
    foto: reuters/stringer

    Auch am vierten Tag steigen noch Rauchschwaden auf.

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