Falsche Anfänge mit richtigem Ende

17. August 2015, 08:18
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Das 68. Filmfestival von Locarno ging mit überaus erfreulichen Juryentscheidungen zu Ende: der südkoreanische Regisseur Hong Sang-soo erhielt für "Right Now, Wrong Then" den Goldenen Leoparden, der polnische Autorenfilmer Andrzej Zulawski wurde für die beste Regie geehrt

Der Wettbewerb eines Filmfestivals gehorcht oft einer merkwürdigen Gesetzmäßigkeit. Um einen Sieger zu küren, braucht es nämlich immer eine Jury, zusammengesetzt aus Fachpersonal mit Vorsitzendem. Weil aber auch die Kinobesucher urteilen sollen, gibt es fast immer den beliebten Publikumspreis. Hier herrscht dann richtige Demokratie: Kleine, ausgefüllte Zettel werden beim Ausgang in Wahlurnen geworfen. Am Ende gewinnt dann dort wie da nicht der Beste – da es ihn nicht gibt.

Bevor in Locarno der renommierte Goldene Leopard überreicht werden konnte, war auf der Leinwand ein ganz anderer Wettbewerb zu beobachten. Athina Rachel Tsangari, seit ihrem tragikomischen Adoleszenzdrama Attenberg als eine der wichtigsten Vertreterinnen des neuen griechischen Kinos gefeiert, schickt in Chevalier sechs Männer in einen Wettkampf. Mitten im Ägäischen Meer beschließen die reichen Herren auf einer Luxusyacht, sich die Zeit mit einem Spiel zu vertreiben: Jeder darf den anderen in jedem Augenblick und zu jedem Anlass bewerten. Dem sofort einsetzenden, ständigen Überwachen folgt das Strafen in Form einer Punktevergabe. Am Ende, im Hafen von Athen, soll der Gewinner gekürt und den Ring des Sieges, den "Chevalier", tragen dürfen.

Nein, das sei kein Kommentar zur Lage Griechenlands, erklärte Tsangari in der Pressekonferenz. Und man konnte ihr die leichte Verstimmung darüber anmerken, diese Antwort fortan noch sehr häufig geben zu müssen. Doch natürlich drängen sich Analogien auf, die Chevalier aber wiederholt zu unterlaufen versucht. Denn Tsangari nutzt das Kammerspielszenario vorrangig für eine Studie über ein Bild von Männlichkeit, das Männer für sich selbst entwerfen. Zwar führt der Konkurrenzkampf irgendwann zu einer lächerlichen körperlichen Auseinandersetzung und zu einem halbherzigen Seelenstrip, doch Tsangari selbst geht auf Distanz. Die reiche Schale dieser Figuren bleibt bis zum Schluss ihr Kapital.

Im Rhythmus der Motoren

Eine völlig andere Perspektive auf das Verhältnis von Mann und Meer zeigt Dead Slow Ahead, ein Dokumentarfilm des Spaniers Mauro Herce. Diese ästhetisch und formal außergewöhnliche Arbeit, präsentiert in der Nebenschiene Concorso Cineasti del presente, in der unter anderem der bemerkenswerte deutsche Beitrag Der Nachtmahr von Akiz und El Moviemento des Argeniniers Benjamin Naishtat vertreten waren, verfolgt die Fahrt eines riesigen Frachtschiffs über den Atlantik. Die Zeit, der die Männer bei Tsangari überdrüssig sind, gehorcht in Dead Slow Ahead dem monotonen Rhythmus der Motoren, die das stählerne Ungetüm über das Wasser schieben. Die wenigen Männer, hauptsächlich Filipinos, die nie eine Gemeinschaft bilden und deren Stimmen man nur hört, wenn sie in der Neujahrsnacht nach Hause telefonieren, sind im Gegensatz zu Tsangaris Elite die letzte Reserve. Die leuchtenden Farben, das milchige Licht des Horizonts und ein dumpfes Sounddesign generieren eine unheimliche und faszinierende Atmosphäre.

Solche Entdeckungen braucht jedes Festival, nicht weniger aber auch Filme arrivierter Autoren mit klingenden Namen. Einen solchen besitzt zweifellos der polnische Autorenfilmer Andrzej Zulawski, für Cosmos, seinem ersten Film seit fünfzehn Jahren, mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet.

Dass am Ende der Südkoreaner Hong Sang-soo mit dem renommierten Goldenen Leoparden ausgezeichnet wurde, war übrigens eine sehr gute Entscheidung der Jury rund um den deutschen Schauspieler Udo Kier und US-Regisseur Jerry Schatzberg. Denn hier wurden auch die Unbeirrbarkeit und die Kontinuität gewürdigt, die seit vielen Jahren Hongs Arbeiten bestimmen.

Alles noch einmal, aber anders

Es sind Erzählungen, die oft um Einzelgänger – Künstler, Regisseure, Intellektuelle – kreisen, die es an einen anderen Ort verschlägt, um dort erst recht auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Doch Hongs Filme erinnern dabei an Typenkomödien, in denen nicht nur reichlich gegessen und getrunken wird, sondern in denen man immer spürt, dass jedem Ende ein Neubeginn folgt. Ein bisschen Autobiografie darf man sich bei diesen Filmen stets dazudenken.

In Right Now, Wrong Then landet ein Regisseur (Jung Jae-young, der auch den Preis für den Besten Darsteller erhielt), aus Versehen einen Tag zu früh in Suwon, wo die Vorführung seines jüngsten Films stattfinden soll. Ein für Hong typisches Szenario: Die Kunst macht Pause, das Leben tritt ein. Der Filmemacher im Film besucht einen Tempel, lernt eine junge Frau kennen, man geht essen und kommt einander näher – bis der verheiratete Regisseur sich schließlich mit sich selbst konfrontiert sieht. Und dann beginnt – ein effektiver Trick – dieser Film noch einmal. An denselben Orten, aber dennoch anders. Richtig oder falsch? Jedenfalls gegen die Gesetzmäßigkeit des Lebens. (Michael Pekler aus Locarno, 17.8.2015)

  • Ein Filmregisseur ab Abwegen lernt eine junge Malerin kennen: Ein typisches Szenario für Hong Sang-soo im prämierten "Right Now, Wrong Then".
    foto: filmfestival locarno

    Ein Filmregisseur ab Abwegen lernt eine junge Malerin kennen: Ein typisches Szenario für Hong Sang-soo im prämierten "Right Now, Wrong Then".

  • Gewinner des Goldenen Leoparden: Hong Sang-soo.
    filmfestival locarno

    Gewinner des Goldenen Leoparden: Hong Sang-soo.

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