Moto Guzzi Eldorado: Elvis brummt

2. September 2015, 12:02
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Weißwandreifen und viel Chrom: Das Sondermodell der 1400er California würde auch in Las Vegas auffallen. In der Excalibur City sowieso

Die Verhältnisse werden gleich zu Beginn klargestellt: Gerade habe ich die mächtig-prächtige Moto Guzzi California 1400, Sondermodell "Eldorado", vom Importeur Faber abgeholt und tuckere die Altmannsdorfer Straße nordwärts bergan, als im Rückspiegel eine fette Harley-Davidson schnell größer wird. Bald hat mich der Freizeit-Guerillero eingeholt, und gemeinsam rollen wir zur roten Ampel. Ich setze schon eine verwegen-ultracoole Miene auf wie Danny Trejo in "Machete Kills", um meinem Spurnachbarn kaum merklich zuzunicken. Doch der schaut nicht mal aus dem Augenwinkel zu mir rüber!

Offenbar hat er im Anrollen gerade noch rechtzeitig gesehen, dass bei meinem Cruiser die Zylinder V-förmig SEITLICH rausschauen und nicht V-förmig hintereinander liegen; und dass er einen KARDAN hat und nicht eine Kette oder einen Riemen. Nein, mit solchen Menschen, die Moto Guzzi fahren, kann man wirklich nicht reden! Am besten gar nicht mal grüßen, am besten einfach nur stur unter dem Stahlhelmimitat geradeaus starren auf das Rotlicht, dass hoffentlich bald umspringen möge ... und dann ohrenbetäubend losrauschen! Und schon donnert er davon – er, dessen Geist kleiner kariert ist als sein Flanellhemd.

Amerikanisches Cruisen mit italienischem Design

Schade, denn dieser Herr hat nichts verstanden. Er wird wohl auf ewig ein Ignorant bleiben, wird wohl auf ewig nicht wissen, wie klass' eine Moto Guzzi California zu fahren sein kann. Amerikanisches Cruisen mit italienischem Design, und bei der Eldorado – das vielleicht schönste Sondermodell neben den Varianten Audace, Custom, Touring und Touring SE – trifft das ganz besonders zu. Helm auf, Gang rein, Horizont anpeilen, los geht's. Böllerböllerböller ...

Rückblende: Wir schreiben das Jahr 1971, Italiens Staatspräsident Giuseppe Saragat erteilt den Auftrag für eine Ausschreibung: Die italienische Polizei brauche neue Motorräder und man möge sich doch bitteschön bewerben mit einem knackigen Konzept. Die Planer bei Moto Guzzi werden sogleich ganz gamsig und entwicklen einen Prototypen auf der Basis der damals extrem erfolgreichen V7.

Flashback nach 1971

Der 700er-Motor erweist sich aber als zu schwach, schließlich soll man mit der Maschine Verbrecher jagen und nicht nur bei Kaffeeausfahrten mitrollen und Kreuzungen sichern. Man bessert halt nach, schließlich bis auf 850 Kubikzentimeter.

Der Erfolg setzt sich dann auch jenseits des Atlantiks fort: Zur großen Überraschung gewinnt Moto Guzzi eine Ausschreibung des Los Angeles Police Department (LAPD) mit seiner Ambassador 750. In Mandello entschließt man sich rasch, diesen Sieg über die Mitbewerber Harley-Davidson, BMW und ein paar Japaner zu feiern, indem man das Motorrad in Serie gehen lässt – freilich "con un design americaneggiante", mit einem amerikanisch anmutenden Design.

Die California ist geboren und zieht sich bis heute fast ohne Unterbrechungen durch die Produktpalette der Italiener. 2012 wird die aktuelle California 1400 vorgestellt, die ab 2013 in den Versionen Touring und Custom verkauft wird und von einem neuen 1380er-Motor mit 96 PS angetrieben wird.

Chrom, rot, weiß

Hier und jetzt haben wir es aber mit der "Eldorado" zu tun, der Elvis-Presley-Version: Rot, Weißwandreifen, Chrom, noch mehr Chrom, Chrom sogar als Ersatz für die Kniepads am Tank – eine Reminiszenz an die alte Ambassador, die das auch schon hatte.

Inzwischen ist das Ziel des Fotoshootings erreicht: die Excalibur City gleich hinter der tschechischen Grenze bei Kleinhaugsdorf. Las Vegas im Niemandsland. Der Weg dorthin war geprägt von wechselhaftem Wetter mit einer einzigen Konstanten: Wind, viel Wind, von vorn, von links, rechts und hinten. Wurscht. Die Guzzi fährt ihren Weg, deutlich mehr als 300 Kilo lassen sich nicht so leicht aus der Bahn werfen.

Genug Punch plus 50 Prozent

Der Motor: so, wie man's erwartet. Genug Punch plus 50 Prozent, man reitet gelassen von A nach B. Und wenn's nötig wird, auch etwas schneller ... oder sogar sehr schnell. Freilich bleibt das immer noch ein massiver Cruiser, aber so wie Kevin James, der gemütliche King of Queens, der ansatzlos auch quirlig herumwirbeln kann, wenn's sein muss. Das hätte Elvis Presley in seiner vollschlanken Phase eher nicht zusammengebracht.

Und ist Kevin James erst einmal in Fahrt, dann reißt er alles mit, 120 Newtonmeter bei deutlich unter 3.000 Touren machen sich sehr bemerkbar. Fast habe ich schon Lust, mich für den Traktorpulling-Wettbewerb anzumelden, für den im Weinviertel gerade geworben wird. Hätte dort gute Chancen. Ich lasse es dann aber bleiben, weil ich die Eldorado gern chromglänzend und nicht schlammbesudelt zurückgeben möchte.

Ziemlich kleiner Tank

Ähnlich wie Kevin und Elvis braucht die Eldorado dauernd Energienachschub – das aber nicht, weil der Motor so ein Säufer wäre. Nein, er begnügt sich mit moderaten einstelligen Mengen auf 100 Kilometer. Die Verwunderung ensteht eher wegen des doch nicht so großen Tanks der Guzzi: Nur knapp über 20 Liter passen rein. Nach der optischen Anmutung müssten es mindestens 15 Liter mehr sein, aber da sind unter dem doppelt verkleideten Blechkleid noch der massive Rahmen und wohl auch die Airbox im Weg.

Also schnell nachgetankt und wieder aufgesessen. Beim rasanteren Losfahren merkt man dann doch, dass die 1.400 Kubik längs und nicht quer eingebaut sind: Das Werkl zuckt kurz mit der Hüfte nach rechts ... da ist er wieder: Elvis the Pelvis! Der Schlenkerer macht aber nichts (sofern man selbst ein Mindestmaß an Kampfgewicht hat), und ist eigentlich sogar ein sympathisches Markenzeichen. Einer BMW würde man so etwas wohl eher nicht nachsehen, die arbeiten ja seit Jahrzehnten krampfhaft daran, dieses Aufstellmoment loszuwerden, aber bei Guzzi muss das so sein und bitt'schön auch so bleiben. Grazie, ragazzi!

Up-to-date

Auch wenn das Design an den amerikanischen Chrombarock der 1950er-Jahre erinnert: Die Guzzi Eldorado ist durch und durch modern und up-to-date. Das Cockpit kombiniert Analog- mit Digitalanzeigen, es mangelt in diesem Kombi-Instrument an nichts, Fahrzeit, Verbrauch, Temperatur etc. etc. Alles da, was man zwischen Liesing und Kleinhaugsdorf und darüber hinaus jemals brauchen könnte.

Die Armaturen am Lenker sind ebenfalls reichhaltig genug für die moderne Fortbewegung, der Tempomat gehört bei einem Cruiser eigentlich schon zur Serienausstattung und wird einfach mit dem rechten Daumen aktiviert und deaktiviert. Der Lenker selbst ist schön ausladend und erleichtert das Rangieren bei Fußgängergeschwindigkeit, ist aber auch ein Kandidat für ein "Upgrade" ... die Version Audace hat zum Beispiel einen etwas flacheren Lenker, der jenen gut gefallen dürfte, die nicht einen großen Bierbauch am Tank abstellen müssen und sich daher noch ein bissl nach vorn beugen können.

Der Preis ist relativ

Die wenigsten kriegen so ein Eisen geschenkt, daher muss der Bausparer dran glauben: Mit 15.999 Euro (ohne Verhandeln) ist man dabei. Eine Menge Schotter, doch die amerikanische Mitbewerberschaft liegt bei halbwegs vergleichbaren Modellen sehr, sehr deutlich darüber. Man sollte sich also wirklich überlegen, ob man unbedingt markenhörig sein muss und ein angebliches Original braucht, oder ob die italienische Interpretation des gleichen Themas nicht besser zu einem passt. So wird es sich damals auch die Polizei von Los Angeles überlegt haben. Und sie fuhren etliche Jahre sehr gut damit.

Ach, übrigens, ich bin möglicherweise draufgekommen, warum der Harley-Fahrer mich nicht grüßen wollte: Standesgemäß haben ja die Trittbretter solcher Gefährte vom Kurvenfahren abgeschliffen zu sein – nicht so die Eldorado: Die hat zwar Trittbretter, und sie sind auch aus irgendeinem Eisenzeugs, aber sie sind drunterisch mit KUNSTSTOFFPLATTEN aufgedoppelt! Da kannst dich reinlegen, was du willst: Es wird keine Funken regnen, sondern nach geschmolzenem Plastik stinken. Sorry, das geht gar nicht! Das ist wie Türstopper und Schubladensperren für Kleinkinder. Tuts das weg, bitte, ihr seids nicht Designer bei Ikea. Grazie, ragazzi. (Gianluca Wallisch, 2.9.2015)


TECHNISCHE DATEN

Motor: 90° V-Twin 2-Zyl. 4-Takt
Kühlung: Luft- und Öl-Kühlung mit unabhängiger Ölpumpe
Hubraum: 1.380 ccm
Max. Leistung: 96 PS (71 kW) bei 6.500 U/min
Max. Drehmoment: 120 Nm bei 2.750 U/min
Max. Geschwindigkeit: k. A.
Getriebe/Antrieb: 6 Gänge, Antriebswelle mit doppelten Kardangelenken
Auspuffanlage: 2 in 2 Anlage aus Edelstahl, 3-Weg-Katalysator mit zwei Lambda Sonden, Euro 3
Federung vorne: Hydraulische Teleskopgabel, Ø 45 mm, verstellbare Zug- und Druckdämpfung
Federung hinten: Progressiv wirkende Schwinge mit 2 Dämpfern, einstellbare Federvorspannung
Bremsen vorne: Ø 320 mm schwimmend gelagerte Doppelbremsscheibe aus Edelstahl, 2 Kolben Brembo Bremsattel, ABS serienmäßig
Bremse hinten: Ø 282 mm Bremsscheibe aus Edelstahl, Brembo Bremssattel mit 4 gegenläufigen Kolben, ABS serienmäßig
Bereifung vorne: 130/70 18 Zoll
Bereifung hinten: 200/60 16 Zoll
Länge / Breite / Höhe: 2.445 mm / 850 mm / 1.181 mm
Radstand: 1.685 mm
Sitzhöhe: 740 mm
Eigengewicht fahrfertig: 318 kg
Tankvolumen: 20,5 Liter (davon 5 liter Reserve)


Link zu Moto Guzzi Österreich und den Ausstattungsvarianten

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

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