ORF-Sommergespräch: Reizwörter an der Oberfläche

Userkommentar17. August 2015, 14:47
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Wenn schon Volkes Wort vorgetragen wird, dann so wie im deutschen Polit-Talk "Hart aber fair"

Der letzte Satz im TV-Tagebuch von Simon Moser zum ORF-Sommergespräch mit Eva Glawischnig vergangene Woche sagt einfach alles: "Hörensagen war noch nie eine gute Gesprächsbasis." Das zog sich das ganze Gespräch hindurch! Ganz schlecht vom ORF, wie das aufgezogen war. Wenn schon Volkes Wort vorgetragen wird, dann so wie in manchen bundesdeutschen Talk- und Politshows.

Zum Beispiel "Hart aber fair". Da werden Fragende und Meinungen aus dem Volk nur mit Namen genannt. Gerade in der heutigen Zeit der Anonym- und Nicknamepostings sollten Qualitätsmedien und vor allem der öffentlich-rechtliche Rundfunk hier eine Vorbildfunktion einnehmen.

Keine Zusammenhänge

Es war noch mehr: Statt ein sehr ernsten Themas, nämlich der Kolonisation und Ausbeutung der sogenannten Dritten Welt, die bis heute anhalten (Stichwort "Fischer im Senegal" – "Glauben Sie, dass die Leute in Ottakring das verstehen?"), ins Lächerliche zu ziehen, könnte ein ORF-Redakteur schon darauf hinweisen, dass es wichtig ist, solche Zusammenhänge zu erkennen, zumal sich der ORF auch dieses Themas immer wieder annimmt.

Dritteweltgruppen-Vertreter waren an der Gründung der Grünen vor dreißig Jahren beteiligt. Was haben die sich – und auch die Grünen – für eine wirksame Entwicklungshilfe und nachhaltiges Wirtschaften in Afrika eingesetzt! Glawischnig tat es wieder. In dem Zusammenhang schmerzt ein Posting zum TV-Tagebuch wie "Europa ist nicht für Afrika verantwortlich ... es muss selber schauen, wo es bleibt" besonders.

Hingeworfene Reizwörter

Auch am Beispiel Religion zeigte sich deutlich, wie oberflächlich auch dieses Thema aufgezogen wurde. Islam, Burka, Burkini, Kopftuch und grüne "Toleranz, Toleranz, Toleranz" – hingeworfene Reizwörter. Und der Moderator dazu: "Das regt die Leute fürchterlich auf. Kennen Sie die Rechte der Frauen da, die deutlich geringer sind?"

Pardon: Die Frage könnte man auch im Zusammenhang mit der katholischen Kirche stellen. Glawischnig reagierte sachlich: "Für mich gilt Religionsfreiheit", um gleichzeitig eine deutliche Absage gegenüber Extremismus und Diskriminierung zu machen und aufzuzeigen, wie wichtig Bildung und Integration sind.

Menschenrechtskonvention

Sie ließ sich auch nicht dazu hinreißen, ein Verbot für bestimmte religionsbezogene Kleidungsstücke zu fordern. Damit würde sie ja auch gegen die österreichische Bundesverfassung und andere gültige Rechte verstoßen: "Jedermann hat Anspruch auf Gedankens-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit des Einzelnen zum Wechsel der Religion, seine Religion oder Weltanschauung einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen öffentlich oder privat durch Gottesdienst, Unterricht, Andachten und Beachtung religiöser Gebräuche auszuüben" (aus der auch von Österreich anerkannten Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten, Art. 9, 1958). Dieses Gesetz haben damals die konservativen Parteien beschlossen. Es wäre interessant, wie die Freiheitlichen jetzt dazu stehen würden.

Fehlende Sachlichkeit

Jedenfalls: Die Diskussion über Verbote religiöser Symbole, Kleidungsstücke oder Gebräuche in der Öffentlichkeit übergeht diese Tatsache offensichtlich. Die Verfassungs- und Menschenrechtsgesetze kennen und ernst nehmen: Guter Journalismus sollte bei jeder Gelegenheit auf diese Umstände hinweisen. Der ORF hat es in diesem Sommergespräch nicht gemacht und seinen eigenen Bildungsauftrag durch fehlende Sachlichkeit damit nicht erfüllt. (Friedrich Margreiter, 17.8.2015)

Friedrich Margreiter war Lehrer und ist seit der Gründung der Grünen in Tirol deren Mitglied.

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  • Wenn schon Volkes Wort vorgetragen wird, dann so wie in manchen bundesdeutschen Talk- und Politshows, findet Friedrich Margreiter.
    foto: apa / georg hochmuth

    Wenn schon Volkes Wort vorgetragen wird, dann so wie in manchen bundesdeutschen Talk- und Politshows, findet Friedrich Margreiter.

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