China kritisiert Japans Reueerklärung

14. August 2015, 16:32
47 Postings

Peking weist Premiers Abes Erklärung als "sprachliche Trickserei" zurück – Eine neue Ausstellung in Peking soll auf die baldige Militärparade einstimmen

Selten hat Peking eine Ansprache des verhassten japanischen Regierungschefs Shinzo Abe so angespannt verfolgt, wie dessen am Freitag abgegebene Erklärung zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Japans Kaiser hatte es am 14. August 1945 erklärt, wenige Tage nach den Atombombenabwürfen der USA.

In hunderten Kommentaren und Berichten hatten Chinas Medien Abe zuvor gewarnt, Japans Kriegsschuld nicht zu leugnen oder zu verharmlosen. Noch kurz vor der Rede appellierte Xinhua, die Nachrichtenagentur der chinesischen Regierung: Jetzt komme alles darauf an, ob er die "Gelegenheit nutzt, einen Schritt voran für bessere Beziehungen zu machen, oder alles wieder zunichte macht".

Der rechtskonservative Abe vermied beides. Doch das Misstrauen sitzt zu tief. Immerhin berichteten die zentralen CCTV-Nachrichten ungewöhnlich rasch, knapp zwei Stunden nach seiner Rede, und für ihre Verhältnisse fast neutral. Abe hätte sich für Japans Kriegsverbrechen entschuldigt, aber auch gesagt, dass solche Entschuldigungen für künftige japanische Generationen nicht mehr nötig seien. Ein Xinhua-Kommentator wurde deutlicher. Abe hätte sich mit "sprachlichen Tricksereien" gerade noch durchbalanziert. Seine Reue sei nicht echt gemeint. Er habe "wenig getan, um Tokios Vertrauensdefizit bei seinem Nachbarn zu mindern".

Abe knüpfte an seine Vorgänger an

Der rechtskonservative Politiker, der seinem Land auch durch Aufrüstung wieder eine weltpolitische Rolle verschaffen will und zugleich vor Chinas militärischen Ambitionen warnt, sprach 25 Minuten, länger als einstige Vorgänger. Er fiel auch nicht hinter sie zurück, übernahm das Wort, das Peking von ihm zur Kriegsschuld hören wollte.

Es ist das japanische Äquivalent für "daoqian" oder sich "reuevoll entschuldigen". Abe wiederholte das Eingeständnis seiner Vorgänger, dass Japan einen Aggressionskrieg geführt hatte und dass es "nie wieder koloniale Herrschaft" ausüben werde. Er sprach zwar nicht direkt über die zur Prostitution gezwungenen "Trostfrauen" für Japans Armee, aber er gestand ein, dass es Frauen gab, denen Japan die Menschenrechte und Würde raubte. Japan wolle niemals mehr mit Waffen internationale Probleme lösen und nuklear aufrüsten.

Doch die Skepsis in China überwog die ersten Reaktionen. Sie entspricht einer offiziellen Stimmung, die kurz vor der großen Militärparade herrscht, mit der Pekings Führung am 3. September 70 Jahre Sieg über Japan mit einer gigantischen Militärparade am Platz des Himmlischen Friedens feiern will. Am 2. September 1945 hatte Japan "bedingungslos kapituliert". Peking machte jetzt erst den 3. September zum nationalen Feiertag. Damit unterstreicht es, dass sich die Volksrepublik als entscheidende Siegermacht über Japan und wichtiger Faktor für das Ende des Zweiten Weltkrieges in Asien präsentieren will.

Neue Ausstellung

Hunderte von Ausstellungen, Tanz- und Gesangsaufführungen, Filmen und Büchern stimmen derzeit die Öffentlichkeit auf diese Botschaft und auf den Countdown zur Parade ein. Jüngstes Beispiel ist eine neue historische Ausstellung im Pekinger Militärmuseum über Chinas antijapanischen Widerstandskrieg vom japanischen Einfall 1931 bis zur Kapitulation 1945. Ausländische Journalisten durften sie diese Woche erstmals besuchen. Pekings Kommunisten interpretieren die Geschichte neu, räumen sich selbst das entscheidende Verdienst am Fall Japans ein. Tschiang Kai-sheks Nationalarmee oder die USA spielen nur eine Nebenrolle.

14 Jahre lang bekämpften Chinas regierende Nationalpartei (KMT) unter Tschiang Kai-shek und Maos kommunistische Rebellenarmeen den Aggressor Japan, der in China barbarische Verbrechen anrichtete. Nach dem Tod der Gegenspieler Mao und Tschiang begann Peking nach und nach die patriotische Rolle der alten Nationalpartei im antijapanischen Krieg anzuerkennen. Doch in der neuen Ausstellung wird die KMT wieder in eine Nebenrolle gedrängt. Einer der Ausstellungsleiter gestand ein, dass die Nationalregierung, die im Kampf gegen Japan ihre Verdienste gehabt habe, in der Ausstellung zu kurz kommt. Aber ihre Rolle sei woanders schon genügend dargestellt.

Peking lässt unter dem Titel "Fels in der Brandung" die Partei unter Mao wieder verherrlichen. Dahinter steckt Kalkül. Am 3. September will Chinas Führung den Anspruch von Partei und Staat untermauern, die dem Sieger zustehenden Früchte der 1945 vereinbarten Nachkriegsordnung endlich zu kassieren, darunter auch die Besitzrechte über die umstrittenen Inseln im ostchinesischen und südchinesischen Meer.

Betonung auf Kriegseintritt der UdSSR

Die Ausstellung soll allen zeigen, wer den Sieg errungen hat. Ein Foto ohne jede Bewertung, als ob es eine Nebensache wäre, zeigt die Atombombenabwürfe der USA über Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August. Kriegsentscheidender sei dagegen der erst am 8. August erklärte Kriegseintritt gegen Japan von Stalins Sowjetunion gewesen, suggeriert die Ausstellung. Ihr zwanzigtägiger Kampf hätte "die Kapitulation der Ostarmee und schließlich ganz Japans" beschleunigt.

Eine eigene Vitrine ehrt heldenhafte Sowjetkämpfer. Schließlich kommt Wladimir Putin zur Pekinger Parade und schickt auch eine russische Ehrenformation, die am 3. September mitmarschieren wird. Doch den letztendlichen Sieg über Japan errang KP-Führer Mao Tsetung. Wie in Erbfolge grüßen am Eingang der Ausstellung auf überlebensgroßen Plakaten Mao und seine Nachfolger von Deng Xiaping bis zum jetzigen KP-Chef Xi Jinping, obwohl der erst acht Jahre nach Japans Kapitulation geboren wurde.

Neue parteiliche Geschichtsschreibung

Xi hat auch eine neue parteiliche Geschichtsschreibung gefordert. Ende Juli forderte er auf einer Politbürositzung alle Historiker seines Landes auf, die Geschichte des antijapanischen Krieges zu erforschen und sich dabei auf die "Hauptströmungen und die richtige Richtung" zu stützen, um zu demonstrieren, "dass China berechtigt ist, die Früchte des Sieges im Zweiten Weltkrieg und die daraus hervorgehende gerechte und faire internationale Ordnung zu beschützen".

Er meinte damit nicht nur, alle Versuche Japans zu stoppen, seine Aggression und Kriegsverbrechen zu vertuschen oder zu verharmlosen, sondern verlangt von den Forschern "korrekte Einschätzungen". Die Partei sei "Rückgrat des Widerstands" gewesen. Ihr gebühre das Verdienst, dass China eine besonders wichtige Rolle für den Sieg im gesamten antifaschistischen Weltkrieg spielen konnte. Dieser Beitrag Chinas müsse "global anerkannt" werden. (Johnny Erling aus Peking, 14.8.2015)

  • Auf dem Vorplatz des Armeemuseums machen  chinesische Touristen Erinnerungsfotos zwischen Panzern.
    foto: johnny erling

    Auf dem Vorplatz des Armeemuseums machen chinesische Touristen Erinnerungsfotos zwischen Panzern.

  • Die KP gewann im Zweiten Weltkrieg unter Mao Tsetung den Kampf gegen Japan. Ausstellung "Fels in der Brandung" im Militärmuseum in Peking.
    foto: johnny erling

    Die KP gewann im Zweiten Weltkrieg unter Mao Tsetung den Kampf gegen Japan. Ausstellung "Fels in der Brandung" im Militärmuseum in Peking.

  • Die Gewinner des antijapanischen Krieges in der Ausstellung: Die fünf KP-Vorsitzenden von Mao bis Xi.
    foto: johnny erling

    Die Gewinner des antijapanischen Krieges in der Ausstellung: Die fünf KP-Vorsitzenden von Mao bis Xi.

Share if you care.