"IS kann Chemiewaffen nicht in großem Maßstab einsetzen"

Interview14. August 2015, 16:44
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Oberstleutnant Dieter Rothbacher von der ABC-Abwehrschule über den mutmaßlichen Senfgasangriff auf Peschmerga-Milizen

Laut Angaben des US-Militärs mehren sich die Hinweise darauf, dass die Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) diese Woche im Nordirak Senfgas gegen kurdische Kämpfer eingesetzt hat. Bert Eder befragte den Chemiewaffenexperten Dieter Rothbacher zur möglichen Herkunft des Kampfstoffs und der schwierigen Sicherung von Restbeständen im Irak.

STANDARD: Kurdische Peschmerga-Kämpfer berichteten laut Conflict Armament Research bereits vor einem Monat, sie seien mit Granaten, denen ein Geruch wie verfaulte Zwiebeln entströmte, beschossen worden. Erlaubt dies Schlüsse auf die verwendeten Kampfstoffe?

Rothbacher: Oftmals kommen nicht Kampfstoffe im klassischen Sinn zum Einsatz, sondern giftige Industriechemikalien, die auch militärisch verwendet werden können – meistens Chlor. Berichte über den Einsatz derartiger Waffen durch den "Islamischen Staat" gibt es seit Jänner dieses Jahres.

foto: (ap photo/kurdistan region security council
Peschmerga-Kämpfer untersuchen die Stelle, an der eine Bombe des IS explodierte.

Allerdings werden die Substanzen normalerweise nicht in Granaten verschossen, sondern meist mit Sprengstoff in Fässer gefüllt, die dann mit Fahrzeugen ins Zielgebiet gebracht werden ("Vehicle Borne Improvised Explosive Device" – VBIED).

STANDARD: Laut im "Wall Street Journal" zitierten US-Militärangaben setzen IS-Kämpfer mittlerweile auch Senfgas ein. Ein Fall für die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW)?

Rothbacher: Die OPCW wurde kürzlich vom UN-Sicherheitsrat per Resolution beauftragt, den Einsatz von Chlorgas in Syrien zu untersuchen. Für nichtstaatliche Akteure wie den "Islamischen Staat" ist die Organisation nicht zuständig, erst wenn die irakische Regierung um eine Untersuchung bittet, könnte sie dort tätig werden. Angesichts der Sicherheitslage im Irak wäre dies aber schwierig. Im Gegensatz zu Chlor ist der Einsatz von Hautkampfstoffen wie S-Lost/Senfgas leichter nachzuweisen, weil die Opfer eindeutige Symptome aufweisen.

STANDARD: Falls der IS über chemische Kampfstoffe verfügt, könnten diese aus syrischen oder irakischen Beständen stammen …

Rothbacher: Die offiziell deklarierten syrischen Chemiewaffenbestände sind vernichtet. Bei den syrischen Deklarationen gab es allerdings eine Reihe von Ungereimtheiten, dazu laufen immer noch Untersuchungen der OPCW. Iraks Chemiewaffen wurden unter Uno-Aufsicht zerstört. Allerdings werden immer noch kampfstoffgefüllte Munitionsteile oder sogar ganze Granaten gefunden.

STANDARD: Die "New York Times" berichtete im Oktober 2014 unter Berufung auf ehemals im Irak stationierte US-Soldaten, zwischen 2004 und 2011 seien rund 5.000 Geschoße mit chemischen Kampfstoffen entdeckt worden. Geht von dieser Munition Gefahr aus?

Rothbacher: Die Amerikaner haben solche Funde gleich am Fundort zerstört. Allerdings kann es im Irak wie bereits erwähnt durchaus noch immer einzelne gefüllte Munitionsteile geben.

STANDARD: Sie waren ja an der Vernichtung der im Depot Muthanna gelagerten irakischen Chemiewaffen beteiligt.

foto: reuters/dieter rothbacher
Die in Munition abgefüllten Kampfstoffe wurden verbrannt.

Dieses Lager war von Juli bis Dezember 2014 unter Kontrolle des IS. Iraks Uno-Botschafter Mohamed Ali Alhakim gab damals an, dass Überreste des ehemaligen irakischen Chemiewaffenprogramms dort in zwei Bunkern aufbewahrt würden und der Irak aufgrund der derzeitigen Sicherheitslage seinen Verpflichtungen zur Vernichtung von Chemiewaffen nicht nachkommen könne. Weiß man, was in diesen Bunkern liegt?

foto: reuters/dieter rothbacher
Dieter Rothbacher im irakischen Chemiewaffendepot Al Muthanna, 1993.

Rothbacher: Der Inhalt dieser Bunker wurde an die OPCW gemeldet, ist aber geheim deklariert. Die Zugänge wurden von der UN-Mission UNSCOM versiegelt und zumindest offiziell seitdem nicht mehr geöffnet. Ob dort voll funktionsfähige Waffensysteme oder gefüllte Munitionsteile gelagert sind, wage ich zu bezweifeln.

STANDARD: Wie kann man sich die "Versiegelung" der Bunker vorstellen?

Rothbacher: Die Zugänge sind mit dicken Betonwänden verschlossen.

foto: reuters/dieter rothbacher
Senfgas-Granaten in Al Muthanna.

STANDARD: Ist es dem IS zuzutrauen, die erforderliche Logistik für den Einsatz von Chemiewaffen in großem Maßstab zu organisieren? Es gibt immer wieder Berichte, dass große Sprengstofftransporte aus dem Nordirak nach Bagdad gestoppt würden, am Donnerstag explodierte ein vollbeladener Kühllaster auf einem Markt im Stadtteil Sadr City

Rothbacher: Der IS verfügt nicht über die erforderlichen Mittel für einen militärischen Einsatz in großem Maßstab. Dazu müssten sie Kampfstoffe selbst herstellen und diese in Geschoße abfüllen. Die Verwendung von Kampstoffresten in improvisierten Sprengsätzen ist nicht auszuschließen, allerdings verbrennt ein Großteil der Chemikalien, wenn man sie im falschen Verhältnis mit Explosivstoffen mischt, und verliert so teilweise seine Wirksamkeit. (Bert Eder, 14.8.2015)

foto: bundesheer
Dieter Rothbacher ist Oberstleutnant beim Österreichischen Bundesheer, arbeitet an der ABC-Abwehrschule und hat für die UN und OPCW Chemiewaffen unter anderem im Irak und in Libyen zerstört.


Nachlese: Wie man große Mengen Chemiewaffen vernichtet – Interview mit Dieter Rothbacher, September 2013

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