Jüdisches Museum: Nichts ist hier unumstritten

20. August 2015, 12:08
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Das Jüdische Museum in Hohenems lädt zu einer Straßenbahnfahrt durch den Sehnsuchtsort Jerusalem: wenn Wunschprojektionen miteinander kollidieren

Einsteigen bitte! Station Herzlberg. An diesem symbolträchtigen Ort beginnt eine virtuelle Straßenbahnfahrt durch Jerusalem. Sitzplätze gibt es nicht, dafür aber großartige Ausblicke und verstörende Einsichten in den Alltag einer zerrissenen Stadt. Eine schier endlose Fensterreihe hängt an unsichtbaren Fäden vom Museumsgewölbe. Galia Gur Zeev bespielt sie mit ihren Bildern und Videos. Sie zeigen die visuellen Icons der Stadt – Felsendom, Grabeskirche, Klagemauer – aber auch ganz gewöhnliche Viertel, Wohnanlagen, Supermärkte, Hotels – die konfliktträchtigen Brennpunkte der Stadt.

Zum Beispiel die Station Shuafat / Pisgat Zeev. Auf der einen Straßenseite beginnt ein arabisches Wohnviertel, auf der anderen ein jüdisches. Die Bewohner vermeiden Kontakt; man trifft aufeinander in der Straßenbahn und bemüht sich um gegenseitiges Nicht-einmal-Ignorieren. Doch der Umschlag in heiße Konflikte ist nie weit. Im Juli 2014 wurde ein Schüler aus Shuafat von drei israelischen Jugendlichen ermordet – als Rache für die Ermordung dreier jüdischer Religionsschüler im Frühjahr. Entlang der Straßenbahnlinie kam es zu Ausschreitungen. Nichts ist hier unumstritten, nicht einmal die Straßenbahnlinie selbst.

Davids Harfe

Für sie nämlich errichtete der spanische Architekt Santiago Calatrava eine Brücke, die zum Wahrzeichen der Stadt wurde. Ihre Harfenform erinnert an König David, der laut Bibel mit seinem Spiel König Saul erfreute. Die Anspielung auf Jerusalem als Stadt Davids ist ein deutliches politisches Statement auf Kosten der muslimischen Symbole Jerusalems. Das Branding mit dem biblischen König, der der erste jüdische König gewesen sein soll und aus christlicher Sicht als Vorfahr Jesu gilt, führt zu permanenten Konflikten und steht historisch auf wackeligen Beinen. So hat etwa der Davidsturm keinerlei Bezug zum biblischen König, sondern ist ein Minarett aus dem 17. Jahrhundert. Für die umfangreichen archäologischen Grabungen in der sogenannten City of David im Ostjerusalemer Stadtteil gibt es kaum wissenschaftliche Grundlagen. Dennoch sollen für die Errichtung eines Archäologieparks zahlreiche Häuser der palästinensischen Wohngegend abgerissen werden.

Überhaupt ist der politische Zugriff auf die Historie in Jerusalem eine Sache für sich. Wer etwa auf den flügelartig sich öffnenden Balkon der Gedenkstätte Yad Vashem tritt, blickt auf die Jerusalemer Nervenheilanstalt. Sie steht über dem zerstörten arabischen Dorf Deir Yasin. 1948 war es von einer Kampfeinheit der radikalen jüdischen Untergrundgruppe Irgun überfallen worden. Das Massaker an der Zivilbevölkerung löste damals weltweite Proteste aus. Oder das Mamilla-Viertel: Jahrhundertelang diente es den Bewohnern Jerusalems als Markt, auf dem Pilger jeglicher Religion ihre Souvenirs erwerben konnten. Heute wird es von der Shoppingmall des Alrov-Konzerns beherrscht und von den Villen einer internationalen Gesellschaft reicher Leute. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich ein alter Friedhof, dessen zumeist muslimische, aber auch christliche Gräber eine umkämpfte Oase bilden. Genau über diesen Gräbern will das Simon-Wiesenthal-Center aus Los Angeles ein "Museum of Tolerance" bauen.

"Es gibt keinen Ort auf der Welt, der so viele Fantasien provoziert, der so sehr zugleich als Mittelpunkt der Welt und Tor der Hölle wahrgenommen wird", sagt Hanno Loewy, der Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems. "Es ist eben auch der Ort, von dem alle das Heil erwarten und das Gegenteil produzieren." Diese Einschätzung trifft wohl nirgends so genau zu wie just an den heiligen Stätten dreier Weltreligionen.

Um den Zugang zu der über dem Grab Jesu errichteten Grabeskirche etwa wurde unter Christen dermaßen erbittert gestritten, dass die Regierung 1767 die Teilung der Kirche befahl und zwei muslimischen Familien die Verwaltung anvertraute. An der Klagemauer, dem zentralen Pilgerort des Judentums, kommt es seit 25 Jahren zu Auseinandersetzungen zwischen männlichen und weiblichen Gläubigen. Wenn dort Jüdinnen wie Männer Gebetsschal und Gebetsriemen tragen und laut aus der Tora lesen, sehen Ultraorthodoxe darin eine unerträgliche Übertretung der Religionsgesetze und richten Lautsprecher auf die Frauen, damit deren Gebete nicht zu Gott aufsteigen mögen.

Für Muslime ist der Tempelberg jene heilige Stätte, von der aus der Prophet Mohammed seine "nächtliche Himmelsreise" unternahm. Genau dort aber wollen jüdische Gruppen, unterstützt von christlichen Fundamentalisten, den "dritten Tempel" errichten, um die messianische Zeit selbst herbeizuführen: Wenn der Tempel wiederaufgerichtet sei, so übereinstimmend evangelikale Christen, Zeugen Jehovas und die Jews for Jesus, dann stünde die Wiederkehr des Messias vor der Tür.

Kunst und Krempel

Ob es ihnen nun gefällt oder nicht: In der Straßenbahn sitzen Orthodoxe neben Atheisten, Muslime neben Juden und Christen, Pilger und Touristen neben Einheimischen, Aschkenasen und Sepharden neben Misrachim, jenen arabischen Juden, die seit 1948 in Israel eingewandert sind und gesellschaftlich extrem benachteiligt wurden. Und wenn der eine oder andere zu Besuch in Jerusalem war, nimmt er ein Souvenir mit, einen Button, eine Tasse oder das Modell eines Monuments – und dergleichen findet sich auch in der Ausstellung. "Alle Objekte sind Repräsentanten von Wünschen", meint Hanno Loewy. Manches ist einfach nur Krempel, anderes aufwendig gearbeiteter Kitsch wie der jesuitische Modellbau der Grabeskirche in kostbarsten Materialien, ein Souvenir für Könige. Manches ist nicht nur teuer, sondern auch wertvoll, wie der Misrach-Wandteppich aus dem Jüdischen Museum London, den einst der Unternehmer Moses Montefiore in Auftrag gab.

Dass kaum eine Ausstellung, kaum ein Museum mehr ohne die Mischung aus Kunst und billigem Zeug auskommt, muss man nicht unbedingt loben. Loben aber muss man das inhaltliche Konzept der von Hanno Loewy und Hannes Sulzenbacher kuratierten Schau. Und von Herzen kommt dieses Lob angesichts der beiden Filme, die Endstation Sehnsucht eröffnen und beschließen. Der erste zeigt die Fanatiker aller Religionen, die die Stadt für sich – und nur für sich – reklamieren. Der zweite widmet sich einer Künstlergruppe, die am Jerusalem Day beisammensitzt, sich unterhält bei ein paar Flaschen Fruchtsaft – ohne Fahnen, ohne Hymnen, ohne Paraden. Endstation Sehnsucht. (Ingrid Bertel, Album, 17.8.2015)

"Endstation Sehnsucht", bis zum 14. 2. 2016 im Jüdischen Museum Hohenems. Der Katalog erscheint Anfang September.

  • Jesuitischer Modellbau der Grabeskirche "in wertvollen Materialien".
    foto: jüdisches museum hohenems

    Jesuitischer Modellbau der Grabeskirche "in wertvollen Materialien".

  • Vom Unternehmer Moses Montefiore in Auftrag gegebener Misrach-Wandteppich aus dem Jüdischen Museum London.
    foto: jüdisches museum hohenems

    Vom Unternehmer Moses Montefiore in Auftrag gegebener Misrach-Wandteppich aus dem Jüdischen Museum London.

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