Galerien in Salzburg: Extreme Blender und steile Formen

15. August 2015, 09:00
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Aufgeheizt von Sommer, Sonne, Festspielen: In Salzburg bietet die Kunst – trotz greller Geometrien und harter Kanten – stets Oasen kontemplativer Ruhe. Ein zweiter Lokalaugenschein in den Galerien der Stadt.

Kolorist zu sein, dafür reiche Talent nicht aus, sagt Peter Halley. "Kolorist, das ist eine Genmutation", scherzte der 62-jährige US-Künstler, dem Josef Albers so eine Art Hohepriester der Farbe war, einmal. Zumindest war es Albers' Buch Interaktion der Farbe über die (Wechsel-)Wirkung von Kolorit, Form, Fläche, das Halley in den 1970ern Feuer fangen ließ.

Brennend heiß ist heute eher die Farbigkeit seiner eigenen Bilder: Freilich, in der Kontrolliertheit ihrer Kompositionen sind die ganz der Geometrie verpflichteten Leinwände kühl, aber wenn die von Halley verwendete grelle Leuchtfarbe erst einmal intensivem (Sonnen-)Licht ausgesetzt ist, beginnt sie regelrecht zu glühen, sich quasi in die Netzhaut zu brennen. So macht sich ein extremer Blender unvergesslich: Disambiguation (2015) nennt sich diese Art "Begriffserklärung" seines fluoreszierenden Farbvokabulars.

"(It) will color all my dreams and light the dawn" heißt eine Zeile in Tony Bennetts Ballade The Shadow of Your Smile von 1966. Je strahlender das Lächeln, desto heller leuchtet sein Schatten, oder? Neuerlich hat Galerist Nikolaus Ruzicska seine Sommerschau nach einem Song benannt und definiert so auch gleich die Atmosphäre: Die Melancholie der Nostalgie trifft auf abstrakte Geometrie, wetzt deren strenge Kanten ab, nimmt die Puristen beim Schmäh. Ein echter Spaß.

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Quasi der Soundtrack zur Ausstellung: "The Shadow of Your Smile" von Tony Bennett

Die gedachte Traditionslinie der geometrischen Abstraktion – beim russischen Konstruktivismus Malewitschs beginnend, über die konkrete Kunst Mondrians zu Farbfeldmalern wie Barnett Newman und Ellsworth Kelly führend – setzt in der Galerie real wieder mit zwei Achtzigerjahre-Stars des "Neo-Geo" ein: mit Imi Knoebel und Gerwald Rockenschaub.

Dessen 2011 entstandenen Objekte aus bunt lackierten MDF-Platten wirken wie aus urbaner Architektur herausgelöste Gebäudekanten. Von Knoebel begeistert hingegen ein Bild, dessen Idee aus dem Jahr 1968 stammt und das sogar neben dem schrillen Halley punkten kann – und zwar mit der Coolness des Minimalen: Es ist eine simple braune Hartfaserplatte.

Kecker Jongleur

Und, na klar, auch François Morellet darf hier nicht fehlen, denn keiner jongliert so keck mit Gerade, Kreis, Quadrat und Neon wie der bald 90-jährige Franzose. Aber so richtig baff machen dieses Mal die Jüngeren, wie die drei Schweizer Francis Baudevin, Jahrgang 1964, und die beiden in den 1970ern geborenen Stéphane Dafflon und Philippe Decrauzat.

Seit gut 25 Jahren übersetzt Baudevin abstrakt-geometrische Motive industrieller Verpackungen – etwa des Karamell-Riegels Carambar oder Medikamentenschachteln – in knallige Malerei: eine klare Gegenreaktion des aus Lausanne stammenden Künstlers auf die dortige Tradition der Art brut. Dem Grafischen näherstehend hingegen die zarteren, trotzdem oft auch als Rauminstallationen realisierten Kompositionen Decrauzats. Dafflon schließlich spielt mit dem Täuscher-Erbe der Op-Art und mit repetitiven Mustern aus dem Alltag.

Zu einem Gespann werden in der Schau auch Katja Strunz (geb. 1970) mit ihren Faltobjekten aus Holz und ihr Landsmann Henrik Eiben (geb. 1975) – eine echte Entdeckung. Dessen Wandobjekt Silver Lightning ist allerdings nicht geknickt oder gefaltet, vielmehr sind die geometrischen Elemente aus Aluminium mit Leder zu einem polygonen Ganzen verbunden. Filz, Leder, Bänder, Textilien, Farbe und Metall fügt Eiben zu sinnlichen Objekten, fern von Gegenstand und Figur.

Womit wir wieder bei Halley wären. Denn der ist von der realen Welt hingegen gar nicht so weit entfernt. Die Geometrie um ihrer selbst willen interessierte ihn nicht: Vielmehr ist die Abstraktion bei ihm ein Echo der modernen Stadt. Die Vorstellung von der Komplexität New Yorks, von Straßenrastern, Leitungssystemen und sich überlagernden Linienstrukturen war das eine, das andere war die Lektüre von Foucaults Überwachen und Strafen – Die Geburt des Gefängnisses. Daraus wurden ab 1981 seine Serien von Zellen- und Gefängnisbildern mit ihren vergitterten Rechtecken. Das Spiel von Wiederholung und Variation prägt Halleys Werk.

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"Artcity New York: Peter Halley", Film von Peter Vogel, ORF 2007

Wiewohl die Farb- und Formgesten durchaus aggressiv und selbstbewusst sind, bleibt die Ausstellung mit 12 Gast- und Galeriekünstlern als Ganzes harmonisch: eine hitzige Diskussion guter Kumpel, deren Kräftespiel präzise austariert wurde.

foto: galerie nikolaus ruzicska

Trotz ihres tiefen Schwarz könnte man sich Roberto Almagnos Skulpturen durchaus in diesem illustren Zirkel vorstellen. Dem 1954 geborenen, in Rom lebenden Bildhauer ist allerdings in der Galerie Frey ein Solo gewidmet. Sein Material ist nicht etwa pulverbeschichteter Stahl, wie die matte Anmutung der Arbeiten vermuten ließe, sondern Holz. Das biegt er unter Dampf und schafft filigrane Arbeiten, wie etwa die sich windenden, tanzenden Stäbe der Installation Memoria.

Wird bei Almagnos Arbeiten die charakteristische, archaische Materialität des Holzes verschleiert, so tritt sie bei seinem österreichischen Kollegen Alfred Haberpointner (geb. 1964) mit voller Wucht zutage: Mit der Hacke arbeitet er sich am Holz ab, zerklüftet es schier. Die hineingehauenen konzentrischen Grate formen allerdings eine intensive Mitte. Mit Farbe versehen, beginnt das Licht sich wundervoll mit Silber- oder Goldreflexen zu brechen. In der mäßig originellen Festspielausstellung der Galerie Mauroner, die – mit Ausnahmen! – all jene Künstler zeigt, die irgendwann einmal an der Biennale Venedig teilnahmen, ist Haberpointner ein Highlight. Ebenso die Collagen von Susy Gomez – ihr Thema sind die in Fashionfotos produzierten Begehrlichkeiten.

Material als Kollaborateur

Wie bei Haberpointner die Holzfasern quasi zu Kollaborateuren werden, so haben in Gotthard Graubners Aquarellen die Papierfasern ihren Anteil an der Wirkkraft der Farbe. Die intensiven, stets einer Farbfamilie gewidmeten Blätter des 2013 verstorbenen, in Österreich wenig bekannten deutschen Malers stellt die Galerie Salis vor. Wohl einer, den Halley zu den raren "genmutierten" Koloristen gezählt hätte.

foto: galerie salis
Thomas Salis stellt Gotthard Graubner mit farbintensiven Aquarellen vor.
deutsche film- und kinotrailer
Trailer zu Gotthard-Graubner-Dokumentation (2015)

Von Graubner zu Marc Chagall ist es ein weiter Weg: Aber Papier ist auch das Medium der druckgrafischen Arbeiten dieses Klassikers der Moderne. Die Galerie Welz zeigt Serien aus allen Werkphasen, aber insbesondere Chagalls Illustrationen zu Die toten Seelen (1842), Nikolaj Gogols tiefkomischer Betrachtung zu Korruption und Willkür in der russischen Provinz, bestechen mit Laune machender karikaturesker Expressivität. (Anne Katrin Feßler, Album, 15.8.2015)

foto: galerie welz
"Die abgemagerten Beamten": Die Galerie Welz präsentiert Marc Chagalls Illustrationen zu Gogols "Tote Seelen"

Galerie Frey: "Roberto Almagno", bis 12. 9., Erhard-Platz 3

Mario Mauroner Contemporary Art: "Parcours d'Art", bis 30. 8., Residenzplatz 1 und Ignaz-Rieder-Kai 9

Galerie Nikolaus Ruzicska: "The Shadow of Your Smile", bis 29. 8., Faistauergasse 12

Galerie Salis: "Gotthard Graubner", bis 12. 9., "Modern Masters", bis 29. 8., Mozartplatz 4

Galerie Welz: "Marc Chagall. Druckgrafische Arbeiten", bis 30. 8., Sigmund-Hafner-Gasse 16

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Kunst im Festspielsommer 1: Höllenhund und Schlüsselmeister

Künstlerwebseiten

  • Puristen der Farbe und Form trifft man in der Galerie Nikolaus Ruzicska:
    foto: galerie ruzicska

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  • Peter Halley: "Ghost Dimensions" (2015)
    foto: galerie nikolaus ruzicska

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  • Philippe Decrauzat: "Si" (2014)
    foto: galerie nikolaus ruzicska

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  • Stéphane Dafflon: "AST245" (2015)
    foto: galerie nikolaus ruzicska

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  • Die Galerie Frey widmet den tiefschwarzen Skulpturen des italienischen  Bildhauers Roberto Almagno ein Solo,...
    foto: raffaele almagno

    Die Galerie Frey widmet den tiefschwarzen Skulpturen des italienischen Bildhauers Roberto Almagno ein Solo,...

  • ... in dem auch die Installation "Memoria" (1997-2000) zu sehen ist.
    foto: raffaele almagno

    ... in dem auch die Installation "Memoria" (1997-2000) zu sehen ist.

  • Alfred Haberpointner: "Zentrierung" (2012)
    foto: www.haberpointner.net

    Alfred Haberpointner: "Zentrierung" (2012)

  • Glitterbilder von Susy Gomez bei Mario Mauroner.
    foto: galerie mauroner

    Glitterbilder von Susy Gomez bei Mario Mauroner.

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