Wann ist ein Mann ein Mann?

13. September 2015, 12:00
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Das männliche Gehirn unterscheidet sich vom weiblichen – wie sich das aufs Denken und Handeln auswirkt, ist Gegenstand zahlreicher Forschungen

Die Wissenschaft ist ein Kind ihrer Zeit: "Der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist gerade einmal 27 Zentimeter lang", schreibt der Epidemiologe Robin Haring in seinem aktuellen Buch "Die Männerlüge".

Damit sei "aber nicht die Länge des männlichen Fortpflanzungsorgans gemeint, sondern das 1991 entdeckte 'Männer-Gen'. Mit der Entdeckung der 'sex determing region of Y-Gen' (SRY) wurde jenes Zusammenspiel von Genen und Hormonen aufgeklärt, das aus Trägern des Y-Chromosoms richtige Männer macht", schreibt er. Und er setzt noch eines drauf: "Denn von Natur aus sind zunächst alle Menschen weiblich."

Am Anfang waren die Hoden

Damit aus dem weiblich ausgerichteten Urprogramm ein Mann entstehe, müsse erst ein "hormoneller Schalter" umgelegt werden. Dazu entfalte das männliche Y-Chromosom ab der sechsten Schwangerschaftswoche erstmals seine Wirkung und initiiere die Entwicklung embryonaler Hoden.

Parallel dazu laufe ab der achten Schwangerschaftswoche eine "Testosteronfabrik" an. Mit dem Höhepunkt der Testosteronproduktion in der 16. Schwangerschaftswoche sei die getrennte Geschlechtsentwicklung vollbracht. Anders formuliert, sind alle Menschen also immerhin vier Lebensmonate lang weiblich.

Dann sinke der Testosteronspiegel wieder, bis Buben und Mädchen etwa in der 26. Schwangerschaftswoche wieder ähnliche Werte zeigten. Erst nach der Geburt erleben neugeborene Buben einen erneuten Testosteronanstieg. Während der erste Testosteronschub im Mutterleib maßgeblich für die Entstehung der männlichen Geschlechtsorgane verantwortlich ist – also aus Mädchen Buben mache -, sind die Gründe des nachgeburtlichen Testosteronanstiegs noch ungeklärt.

Eine Frage der Weltanschauung

Robin Haring macht in seinem populärwissenschaftlichen Buch deutlich, welche Annahmen hinreichend durch Studien belegt sind und welche nicht. Damit unterscheidet er sich von diversen Bestsellern, die zu dem Thema Geschlechtsunterschiede auf neuronaler oder hormoneller Ebene in den vergangenen Jahren erschienen sind und denen die weltanschauliche Stoßrichtung zum Teil eindeutig abzulesen ist.

Louann Brizendine, Professorin für Neuropsychiatrie an der University of California, macht in ihrem Buch "Das männliche Gehirn" immerhin gleich eingangs explizit die Genese ihres Forschungsinteresses deutlich: Als Medizinstudentin in Berkeley, Yale und Harvard habe sie zu ihrem Entsetzen festgestellt, dass Frauen in wichtigen wissenschaftlichen Forschungsarbeiten häufig übergangen wurden, der Mann sei "das Standardmodell" für Biologie und Verhalten des Menschen.

Die weibliche Realität

Dies wollte sie ändern und schrieb daher "Das weibliche Gehirn" (2007). Darin beschäftigte sie sich mit Gehirnstrukturen und der Wirkung von Hormonen, die in allen Lebensaltern eine "einzigartige, weibliche Realität" schafften.

Dementsprechend führten auch beim Mann "charakteristische Gehirnstrukturen und Hormonwirkungen" zu einer männlichen Realität, die sich vom "Suchen-und-Verfolgen-Gehirn" des männlichen Babys zum vom Schlafmangel geprägten, zutiefst gelangweilten, risikofreudigen Gehirn des männlichen Teenagers zum leidenschaftlichen Paarungsgehirn und weiter zum liebevollen Gehirn des jungen Vaters entwickeln. Für Brizendine ist klar: "Die Gehirne von Männern und Frauen unterscheiden sich von der Befruchtung an."

"Im Laufe des Lebens eines Mannes wird das Gehirn immer wieder umgebildet; die Anweisungen dafür stammen sowohl von den Genen als auch von den männlichen Geschlechtshormonen. Die biologischen Eigenschaften des männlichen Gehirns sorgen für charakteristische männliche Verhaltensweisen", schreibt sie und versteht ihr Buch pragmatisch als Gebrauchsanweisung für all jene Frauen, die ihre Männer, Söhne, Väter oder Freunde besser verstehen wollen.

Testosteron-Mythos entkräften

Anders der Ansatz des Neurobiologen Gerald Hüther, der sich in seinem 2009 erschienenen Buch "Männer – das schwache Geschlecht und sein Gehirn" explizit an Männer richtet. Mädchen seien von ihrer Konstitution her stärker, begründet er den Titel seines Buchs. Das Gehirn sei mit einem Orchester vergleichbar, bei Buben und Mädchen gebe es die gleiche Besetzung, nur drängten sich bei den Männern im Klangbild die Pauken und Trompeten nach vorn.

Beim Mann seien die beiden Gehirnhälften stärker auf bestimmte Aufgaben spezialisiert, bei Frauen stärker vernetzt.

Die gute Nachricht von Hüther, Professor für neurobiologische Präventionsforschung an der Universität Göttingen: Man(n) kann sich jederzeit ändern, auch im Erwachsenenalter. Das sieht auch Haring so: Er wertet den Lebensstil als entscheidenden Faktor und wehrt sich gegen gängige Testosteronmythen. Das Sexualhormon müsse zu Unrecht für vieles herhalten: für die abnehmende Männergesundheit im Alter – Stichwort "Andropause" oder Aging-Male-Syndrom – ebenso wie für "testosterongesteuertes Verhalten".

Das Urgeschlecht suchen

Die Vorstellung von zwei klar getrennten biologischen Geschlechtern ist jedenfalls fragwürdig. Denn "der Weg vom weiblichen Urgeschlecht zum Mann ist störanfällig", so Haring. Eine Vielzahl von Einflussfaktoren mache "die Übergänge zwischen den Geschlechtern fließend".

Er bringt das Beispiel sogenannter XY-Frauen: Diese sehen zwar wie Frauen aus, entsprechen genetisch aber einem Mann. Bleibt der Testosteroneinfluss im sensiblen Zeitfenster der Geschlechtsentwicklung aus, gerät diese ins Stocken. Denn zur vollen Entfaltung seiner Entwicklung muss Testosteron aus dem Blut über "Androrezeptoren" in die Zelle aufgenommen werden. Sind diese Rezeptoren blockiert, bleibt das Testosteron wirkungslos. Deshalb fehlten XY-Frauen die männlichen Geschlechtsmerkmale wie Penis und Hoden.

"Um Geschlechtsunterschiede festzumachen, bedient sich die Neurochemie der abenteuerlichsten, biologischen Merkmale", sagt Haring. Das habe auch mit neuen technischen Möglichkeiten in der Bildgebung zu tun. "Ob man die Geschlechter genetisch, hormonell oder sozial bestimmen will, ist immer eine Frage der Perspektive." (Tanja Paar, Cure, 13.9.2015)

Literaturtipps:

Robin Haring: "Die Männerlüge. Wie viel Testosteron braucht der Mann?", Braumüller, 2015

Louann Brizendine: "Das männliche Gehirn. Warum Männer anders sind als Frauen", Goldmann, 2010

Gerald Hüther: "Männer – Das schwache Geschlecht und sein Gehirn", Vandenhoeck & Ruprecht, 2009

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  • Das Gehirn von Frauen und Männern verarbeitet Reize von außen unterschiedlich. Gene, Hormone und Umwelt spielen bei der Erfassung der Welt eine entscheidende Rolle.
    foto: istock/eraxion

    Das Gehirn von Frauen und Männern verarbeitet Reize von außen unterschiedlich. Gene, Hormone und Umwelt spielen bei der Erfassung der Welt eine entscheidende Rolle.

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