Nach dem Sumpf die Zukunft!

Glosse14. August 2015, 08:49
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Eine Liebeserklärung an Novi Beograd und das Ende der Gangster-Sager von Zemun

Am Südrand von Zemun beginnt Novi Beograd, das später zur Heimat des berüchtigten Novobeogradski Klan wird und das architektonisch und ideologisch eine Schöpfung zweier Welten ist. Planung und erste Arbeiten an einer Neustadt am Westufer der Sava beginnen im "alten" Jugoslawien, dem Königreich. Das Unterfangen ist für ein ärmliches Königreich mehr als ambitioniert, weil das gesamte Gebiet der geplanten Dependance von Beograd ein riesiger Sumpf ist, den sogar sämtliche bisherigen Eroberer, darunter so furiose wie Türken, Habsburger und Nazis meiden. Trotzdem beginnt die Drainage und Trockenlegung des Sumpfes mit aus dem Ausland gemieteten Maschinen und Fachkräften. Dann kommt der Zweite Weltkrieg und danach die Kommunisten. Sie planen und bauen Novi Beograd als Wohn- und Lebensentwurf für den sozialistischen Menschen der nahen sozialistischen Zukunft. Die nie kommt. Die Ausbauphase bis zum Ende der 70-er Jahre des 20-sten Jahrhunderts, also das Novi Beograd aus meiner Kindheit, ist bis heute ein Freiluftmuseum der europäischen Massenarchitektur aus vorgefertigten Betonelementen.

Der Finger des Schicksals

Den Ausdruck "Plattenbauten" mag ich nicht. Weil ich in einem dieser Häuser geboren bin und als Kind darin lebe. Und es ist ein angenehmes, komfortables und wohliges Leben in diesen "Solitaires". Ich bin eines der zigtausenden Kinder von Novi Beograd, die ihr Zuhause nach diesem Wort aus dem Französischen nennen: Soliter. Und die Soliteri (Pl.) sind keine Ansammlung von Beton-Klonen. Im Gegenteil. Nirgendwo auf der Welt kann man so eine Vielfalt an architektonischen Lösungen aus der klassischen Periode des Betonteilbaus an einem Ort vorfinden. Nichts besseres als der Volksmund der Bewohner von Novi Beograd kann das illustrieren. Sie geben einzelnen Soliteri oder Gruppen von Soliteri Volksnamen die bis heute im Gebrauch ist. Im Block 1, inoffiziel Fontana genannt, weil den zentralen Teil des Blocks eine kleine, soz-realistische Fontäne ziert, weiß jeder wo der Kafe-Soliter ist, der wegen seiner Farbgebung so genannt wird. Eine andere Gruppe von gleichförmigen Soliteri wird Tri brata, die drei Brüder, genannt und eine Ansammlung von sechs schlanken und hohen Soliteri, die dem Sekretariat für innere Angelegenheiten (sprich Innenministerium) gehören und ausschließlich Polizistenfamilien beherbergen, haben sogar zwei Namen: Šest kaplara – die sechs Korporäle – oder schlicht und subversiv, pendreci – Schlagstöcke. Noch subversiver und auf anarchische weise komisch ist die Bezeichnung, die die Bewohner von Novi Beograd einem der prominentesten Gebäude ihrer Neustadt geben. Es ist das Gebäude des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Jugoslawiens, das 1964 aus Stahlbeton erbaut wird und mit 141 Meter Höhe zu den höchsten am Balkan zählt. Das Volk nennt es nur: Prst sudbine, Der Finger des Schicksals.

Sumpf

Die Reste des einst gewaltigen Sumpfes, der bis zum Zweiten Weltkrieg ein Naturparadies ist, sind in meiner Kindheit noch unweit unseres Soliter, auf der Ostseite der Strasse der Jugendbrigaden (Omladinskih Brigada) zu finden. Hier jage ich Frösche mit meinem Opa, dem Partisan. Meine Oma, auch sie einst Partisanin, bäckt mir zu Hause, im Soliter C-7, die Schenkel der Frösche. Heute ist nirgendwo in Novi Beograd auch nur die kleinste Spur dieses Sumpfes zu sehen. Es liegt nahe, den Sumpf noch als Metapher zu nehmen, um das zu beschreiben, was Novi Beograd kriminalistisch in den 90-ern wird und – weil damals auch architektonisch vergewaltigt – bis heute ist.

Zwischen Zemun und Novi Beograd auf einer Seite und dem alten, dem stari Beograd liegt eine Insel, die zurecht Veliko ratno ostrvo heißt, die Große Kriegsinsel. Das liegt an ihrer Bedeutung als Sprungbrett für Invasoren und erste Verteidigungslinie für die Herren der Stadt. So ist es am Ende doch irgendwie wahr, was serbische Nationalisten so romantisch finden. Der Krieg ist in die Landschaft, die Beograd prägt geradezu eingebrannt.

Die Faust im Gesicht Serbiens

Die modernen Halsabschneider der 1990er und frühen 2000er Jahre plündern nicht bloß ihre eigenen Landsleute aus, statt türkische Eroberer, und verändern nicht nur die Landschaft von Novi Beograd und Zemun. Sie pflügen durch das Gefüge der serbischen Gesellschaft wie ein böser Traktor und erschüttern und korrumpieren nicht nur die Elite aus Politik, Wirtschaft und Kultur einer europäischen Nation sondern terrorisieren auch die gesamte Bevölkerung in Apathie. Das wohl spektakulärste Verbrechen in der an Verbrechen reichen neuesten Geschichte Serbiens ist das erfolgreiche Attentat auf den Regierungschef Dr. Zoran Djindjić am 12. März 2003. Der Klan von Zemun, zusammen mit einer der Kontrolle entglittenen Spezialeinheit des Geheimdienstes erschießt an diesem Tag aber nicht nur den Politiker und Menschen Djindjić, sondern, unbeabsichtigt, doch endlich, auch die politische und gesellschaftliche Lethargie Serbiens, die Slobodan Milošević und seine Kamarilla zusammen mit den Gangstern dem Land selbst noch nach dem Abgang des Diktators in die Knochen treiben.

Kalte Wut

Noch am selben Tag tritt die Präsidentin des serbischen Parlaments, Nataša Mićić vor die Kameras und erklärt den Ausnahmezustand für das gesamte Gebiet der Republik Serbien. Dieser Märztag, so berichten mir Freunde ihre emotionale Hochschaubahn, beginnt mit einem Faustschlag mitten in das Gesicht Serbiens. Bis die Stimme von Nataša Mićić zu den Serben spricht. Ihre Körperhaltung, die Ruhe und der Ton ernst gemeinter Entschlossenheit als sie den Ausnahmezustand ausruft, ihn begründet und vor laufenden Kameras das Dekret unterschreibt, trägt den unüberhörbaren Unterton kalter Wut. Meine Freunde sagen, dass diese kalte Wut ihnen aus dem TV-Gerät in die Magengrube kriecht und dort mit jedem Wort von Nataša Mićić immer mächtiger wird. Ein besonders blumenreich formulierender Kumpel aus Kindertagen beschreibt es sogar wie ein Feuer im Magen, in das die Mićić durch seine Ohren und Augen immer mehr Benzin dazu schüttet. Selbst wer kein Wort serbisch versteht, sollte mit dem Wissen um die Schwere des Augenblicks, diese kurze Ansprache der serbischen Parlamentspräsidentin auf Youtube ansehen und erahnen welche Gefühle an diesem Tag diejenigen tragen, für die die lange, serbische Nacht ein ganz real existierender Albtraum ist.

Anfang vom Ende

Gleichzeitig (und ironischerweise) ist der 12. März 2003, sowohl der Tag des "größten Coup" der Kriminellen, als auch das präzise Datum des sprichwörtlichen Anfangs vom Ende für die unberührbar scheinenden Gangster. Kurz nach Ausrufung des Ausnahmezustandes wird die entglittene Spezialeinheit aufgelöst und entwaffnet, mehrere ihrer Offiziere verhaftet, ihr legendärer Kommandant, Milorad Luković "Legija", von dem ich später mehr erzählen werde, wird zur Fahndung ausgeschrieben, weil er untertaucht. Und anschließend 14 Monate lang nur ein Gespenst auf trüber werdenden Fahndungsfotos bleibt. Auch einige Offiziere des Geheimdienstes, "Geschäftsleute" und fast alle wichtigen Mitglieder aller Klans werden verhaftet. Die zwei wichtigsten Köpfe des Klans von Zemun fallen jedoch nicht bloß metaphorisch. Dušan Spasojević "Duća" und Milan Luković "Kum" (Pate) werden unter noch immer nicht zur Gänze geklärten Umständen von einer Spezialeinheit der Gendarmerie erschossen. Das sind die wichtigsten Resultate der "Operation Säbel" (Operacija sablja), die von der serbischen Gendarmerie und Einheiten der Polizei, die loyal zur Regierung stehen hastig aber entschlossen durchgeführt wird.

Rache

Am Ende der Operation Säbel gönnt die Regierung dem Volk ein wenig Revanchismus. Der Gebäudekomplex der Zentrale des Klans von Zemun in der Šilerova ulica wird gesprengt, die Sprengung im TV direkt übertragen. Und danach Wochenlang immer wieder im TV gezeigt. Irgendwie, so scheint mir, will man damals den Serben signalisieren, diese Sprengung sei der Donnerschlag, der ein reinigendes Gewitter ankündigt. Und den Gangstern, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Meine Freunde sagen das sie laut Jubeln, als auf ihren Bildschirmen das geschmacklose Ungetüm aus Beton mit Karacho und Staub zusammensinkt. Doch sie sagen auch, dass sie später diese Szene als Theaterdonner empfinden. Weil man später in Serbien allgemein zur Meinung kommt, die Entschlossenheit des Anfangs, werde im Gerichtssaal ausgebremst. Viele der Verhafteten kommen frei und eine nicht geringe Anzahl besteht bloß aus Hühnerdieben.

Doch zweifellos ist die Hydra aus Geheimdienst, Politik und Verbrechen nach 2003 um viele Köpfe kürzer und erholt sich nie mehr von der Klinge des Säbels. Das ist mehr, als eine serbische Regierung, gestützt auf die journalistische Elite und "das einfache Volk" davor oder danach zuwege bringt. Nach 14 Monaten steht auch Milorad Ulemek Legija vor dem Haftrichter. Beschämender Weise wird bekannt, dass die monatelange "Flucht" von Legija lediglich zwischen den Zimmern seines eigenen Hauses stattfindet, weil er dort von Teilen des Geheimdienstes vor der Fahndung versteckt gehalten wird. Seither wird gerätselt, welche Boni für die Auslieferung Ulemeks diese Teile des Geheimdienstes im Bezug auf die nach dem März 2003 in Serbien einsetzende Perestrojka erhalten.

Ende des Teil 2

(Bogumil Balkansky, 14.8.2015, daStandard.at)

  • Milorad Luković "Legija"  bei einer Anhörung im Mai 2004.
    foto: apa

    Milorad Luković "Legija" bei einer Anhörung im Mai 2004.

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