Carinthischer Sommer: Stiege in einen gottlosen Himmel

13. August 2015, 17:50
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Dichtung von Christine Lavant, untermalt von Musik Gerhard Lampersbergs

Villach – Rundum ist aus Anlass des heurigen 100. Geburtstags Christine Lavants der Blick auf das Werk dieser Kärntner Autorin vertieft und erweitert worden. Unterfüttert von der von Klaus Amann besorgten Werkausgabe (Wallstein-Verlag), die im Herbst von den Erzählungen Das Wechselbälgchen und Das Kind zum poetischen Schaffen voranschreitet, gab es eine bunte Reihe von Veranstaltungen. Diese kulminierte jetzt in einer musikalisch untermalten Doppellesung des Carinthischen Sommers: Andrea Eckert und Hermann Beil setzten am Mittwoch im Villacher Bamberg Saal aus Gedichten, Prosatexten und Briefen ein finster schillerndes Gesamtbild Christine Lavants zusammen. Vom Wiener Merlin Ensemble erhielt dieses mit einer Auswahl kammermusikalischer Zwölfton-Miniaturen Gerhard Lampersbergs seinen berechtigt avantgardistischen Akzent.

Herz, Leid, Liebe ...

"Ich will vom Leiden endlich alles wissen", gibt eine Gedichtzeile Christine Lavants dem Abend einen Titel, der in die Tiefe der Lebenspassion der Unterkärntner Bergarbeitertochter, vor allem aber auf den inhaltlichen Brennpunkt ihrer Literatur verweist: Man möchte meinen, es wäre im 20. Jahrhundert nicht mehr möglich gewesen, mit dem Elementarbausatz der Wörter "Herz", "Leid" und "Liebe" noch irgendetwas Ungesagtes zu vermitteln.

Aber da überzeugt einen diese "poetische Sonate in vier Sätzen" (so der Untertitel der Veranstaltung) schnell vom Gegenteil. Sie baut mit einfachsten Mitteln eine berührend leere Stiege weiter, die einerseits in einen einsamen, gottlosen Himmel führt, andererseits bereits von weit unten vorgebaut wirkt.

Da war schon Hiob am Werk, da hat der Ackermann aus Böhmen seinem Zorn schon Luft gemacht, und vor allem: Da haben die mittelalterlichen Mystikerinnen die Unausweichlichkeit der Lebensnot schon umgewandelt in eine inbrünstige Lust daran.

Ohne große rhetorische Geste, aber gerade deshalb sehr verständnisfördernd, tragen Eckert und Beil die behutsam zusammengestellten Texte vor. Erschütternd die autobiografischen Passagen der Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus, nämlich aus der Nervenheilanstalt Klagenfurt. Den Höhepunkt an Vortragskunst bildet im Finale das Textduett Das Ende wird einst dir gehören.

... Stille, Besinnung

Die herz- und saitenzerreißenden Kürzestkompositionen Gerhard Lampersbergs, an dessen Tonhof in Maria Saal die Lavant häufig weilte, tragen Martin Walch (Violine), Luis Zorita (Cello) und Till Alexander Körber am Klavier ganz vor, wie der Tonsetzer sich seine Musik dachte: "Stille – Besinnung – Contemplation. Fehlen von Virtuosität und Äußerlichkeiten". (Michael Cerha, 14.8.2015)

Villach, Bamberg-Saal, 14. 8., 21.00

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Carinthischer Sommer

  • Wollte "vom Leiden endlich alles wissen": Christine Lavant.
    bild: hans-schmid-privatstiftung

    Wollte "vom Leiden endlich alles wissen": Christine Lavant.

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