Gold als Versicherung gegen monetäre Experimente

15. August 2015, 09:00
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Seit 2011 geht es mit dem Goldpreis stetig nach unten. Rohstoffanalyst Ronald-Peter Stöferle setzt auch in unwägbaren Zeiten unbeirrbar auf Gold

STANDARD: Für Edelmetallanleger ist das neue Jahrtausend eine Achterbahnfahrt: Bis 2011 ging es steil bergauf, auf Rückschläge folgte meist ein größerer Anstieg. Nach dem Allzeithoch von über 1900 US-Dollar kam der Absturz. Nun pendelt der Wert um die 1100 US-Dollar. Welche Faktoren beeinflussen derzeit den Goldpreis?

Stöferle: Der wichtigste Faktor ist im Moment ganz klar China. Alle Makrodaten, die derzeit von dort kommen, sind desaströs. Die Turbulenzen am Aktienmarkt sind nur ein Zeichen für die inhärente Schwäche, die wir in China sehen. Am schönsten erkennt man das am Geldmengenwachstum. Vor wenigen Monaten lag es bei knapp 40 Prozent, jetzt ist es de facto bei null. Teilweise ist das Kreditvolumen sogar rückläufig. Diese Schwäche manifestiert sich in den Industriemetallen, in Energie, vor allem Erdöl, in Agrarrohstoffen und natürlich auch im Goldpreis.

STANDARD: Jetzt stehen die Zeichen auf eine baldige Zinswende in den USA. Was erwarten Sie?

Stöferle: Ich denke, wir werden 0,25 Prozent sehen, hoffentlich früher als später. Die Europäische Zentralbank ist extrem expansiv, ebenso wie die Bank of Japan. Ich glaube nicht, dass die Fed jetzt ganz isoliert die große Zinserhöhung starten wird, denn das würde bedeuten, dass der Dollar noch wesentlich fester würde und sich die Amerikaner infolgedessen wieder die Deflation importieren würden.

STANDARD: Die Notenbanken stecken also in einem Dilemma?

Stöferle: Sie wollen – koste es, was es wolle – steigende Inflationsraten schaffen, aber die Inflationierung der Geldmengen manifestiert sich im Moment nur an den Assetmärkten. Das sehen wir bei Aktien, Immobilien, Kunstgegenständen etc. Aber wir sehen nicht die Verbraucherpreisinflation.

STANDARD: Auf die Verbraucherpreisinflation warten wir schon lange ...

Stöferle: In historischen Inflationsperioden kommt es immer zuerst zu der monetären Inflationierung – die Geldmengen wer-den aufgeblasen -, anschließend kommt die Vermögenspreisinflation und dann erst die Verbraucherpreisinflation. Früher oder später wird das passieren. Je verzweifelter die Notenbanken gegensteuern wollen, desto unberechenbarer wird die Geschichte.

STANDARD: Erwarten Sie Hyperinflation?

Stöferle: Nein. Aber vergessen Sie nicht, dass die Inflationsrate 2011 in den USA bei 4,4 Prozent lag. Davon sind wir derzeit weit entfernt. Aber dass wir wieder dort hinkommen, ist alles andere als unwahrscheinlich.

STANDARD: Würde dann die Gesetzmäßigkeit, dass Gold als Inflationsschutz dient, wieder gelten?

Stöferle: Jein. Gold als Inflationsschutz stimmt gar nicht so richtig. Gold funktioniert prächtig bei steigenden Inflationsraten. Fallende Inflationsraten, wie wir sie jetzt sehen, sind hingegen das schlechteste Umfeld für den Goldpreis. Sobald die Inflationsraten wieder steigen, wird es wieder Zeit, vermehrt in Gold zu allokieren. Bis dahin verpasst man wahrscheinlich relativ wenig.

STANDARD: In Ihrem Goldreport schreiben Sie, dass Sie einen finalen Sell-off erwarten. Ist das so dramatisch, wie es klingt? Viel Platz ist beim Goldpreis nicht mehr nach unten, oder?

Stöferle: Das ist eine technische Angelegenheit, wo eine Trendbeschleunigung stattfindet. Das gibt es nach oben, aber auch nach unten, wenn eben der Preis wie ein Stein fällt. Das sind üblicherweise sehr gute Zeichen, dass wir am Ende einer Bewegung sind.

STANDARD: Dann steht wohl ein Test der 1000-Dollar-Marke ins Haus?

Stöferle: Aus antizyklischer Sicht wird es immer interessanter, weil Gold im Moment niemanden interessiert. Die Stimmungslage ist extrem negativ. Das ist ein sehr gutes Einstiegssignal. Nach unten hin ist nicht mehr sehr viel Platz, nach oben hin enormes Potenzial.

STANDARD: Große Häuser und Vermögensverwalter trennen sich derzeit von ihren Goldbeständen. Warum glauben Sie in diesem Umfeld noch immer an Gold?

Stöferle: Die Überschuldungssituation hat sich alles andere als gebessert. Seit 2007 haben wir 40 Prozent mehr Schulden. Je höher der Schuldenstand, desto größer die Angst vor Deflation. Die Schulden kann man auch nicht wegzaubern. Wir sehen zwar bereits massive finanzielle Repression, wir sehen Pläne für Bargeldverbot, Negativzinsen sehen wir bereits in der Schweiz. Da wird schon sehr viel gemacht, aber am Ende des Tages wird wahrscheinlich Inflation benötigt, um diese Schuldenlast abzutragen. Ich merke bei wirklich großen Investoren, dass sie langfristig agieren und nicht reine Trendfolger sind. Die akkumulieren sukzessive, weil sie wissen, dass Gold eine ganz gute Versicherung ist gegen solche monetären Experimente.

STANDARD: Die Ihnen in welcher Hinsicht Sorgen machen?

Stöferle: Fakt ist, dass unsere Kapitalstruktur extrem geschwächt wird. Der Anreiz zu sparen wird aufgrund des Zinsniveaus komplett zerstört. Das ist nicht der Boden für eine Gesundung der Wirtschaft. Wir können uns leider nicht alle reichkonsumieren und reichverschulden. Insofern hat die Nullzinspolitik langfristig fatale Konsequenzen. Man wird dazu gezwungen, in überteuerte Assets reinzugehen. Assets-Bubbles entstehen. Das ist eine sehr unschöne Entwicklung.

STANDARD: Welches Ausmaß an Gold halten Sie im Portfolio-Kontext für ratsam?

Stöferle: Zwischen fünf und zehn Prozent. Seit 2011 ist Gold nicht gut gelaufen, das haben aber die Aktien und Anleihen überkompensiert. Aus einem Portfolio-Kontext macht Gold mehr denn je Sinn. Wir haben eine negative Korrelation zu Aktienmärkten, Gold ist die drittliquideste Währung der Welt. Und es hat sehr positive Eigenschaften in einem Portfolio: We still trust in Gold.

STANDARD: Schließen Sie in dieses Vertrauen Goldaktien ein?

Stöferle: In den letzten Jahren gab es bei den Gold- und Silberproduzenten dramatische Kostensenkungen. Viele Projekte wurden abgeschrieben, die Bilanzen wurden gestärkt, sie haben die Kosten unter Kontrolle bekommen. Sollte also Gold wieder einmal steigen, glaube ich, dass der Hebel nach oben wesentlich höher ist. Aus antizyklischer Sicht ist Gold ein so genanntes Contrarian-Investment – also wirklich nur für antizyklische Investoren. Goldaktien sind wahrscheinlich noch extremer. Einerseits habe ich das Aktienrisiko, andererseits das unternehmerische Risiko. Aus spekulativer Sicht ist das Potenzial sehr groß. (Regina Bruckner, 15.8.2015)

Update vom 16.8.2015: Ronald Stöferle hat in seiner Antwort auf die Frage nach der Zinswende in den USA nicht Inflation sondern Deflation gesagt. Was mittlerweile korrigiert ist. Also: "Ich glaube nicht, dass die Fed jetzt ganz isoliert die große Zinserhöhung starten wird, denn das würde bedeuten, dass der Dollar noch wesentlich fester würde und sich die Amerikaner infolgedessen wieder die Deflation importieren würden."

foto: incrementum
Ronald-Peter Stöferle (35) studierte Betriebswirtschaft und Finanzwissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien und in Illinois. Bis 2012 war der Verfasser des Goldreports "In Gold We Trust" Rohstoffanalyst bei der Erste Group. Seit 2013 ist er Partner und Fondsmanger der Incrementum AG in Liechtenstein.


  • Gold im Portfolio, trotz des Preisabsturzes? Das Argument, dass es kaum noch Potenzial nach unten gibt, erscheint plausibel.
    foto: ap/gebert

    Gold im Portfolio, trotz des Preisabsturzes? Das Argument, dass es kaum noch Potenzial nach unten gibt, erscheint plausibel.

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