Warum der Krisenkolumnist mit dem Gut Aiderbichl nicht recht warm wird

Kolumne14. August 2015, 17:00
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Das Letzte, wofür der Krisenkolumnist gehalten werden möchte, ist ein Tierfeind, Tierquäler, Tierfolterer. Nichts entspräche der Wahrheit weniger. Der Krisenkolumnist ist Verfechter eines ethischen Umgangs mit dem Tier. Der Krisenkolumnist befleißigt sich einer tierfreundlichen Ernährungsweise.

Der Krisenkolumnist hat einen Kater, mit dem er gelegentlich auf gespanntem, immer aber auf prinzipiell respektvollem Fuß steht. Ich kann nicht damit prahlen, dass ich keiner Fliege etwas zuleide täte. Hin und wieder pracke ich eine zu Tode, wenn sie mir zu lästig fällt. Grosso modo habe ich mir aber nichts vorzuwerfen. Die Tiere und ich begegnen einander auf Augenhöhe.

Dieser animalischen Selbstentblößung muss ich das Geständnis folgen lassen, dass ich mit dem Gnadenhof Aiderbichl nicht warm geworden bin. Dabei kenne ich das Etablissement aus eigener Anschauung. Vor zwei Jahren verirrte ich mich auf einer Salzburgreise mit meinen Gefährten und kam nicht zum Fuschlsee, sondern versehentlich zum Gut Aiderbichl.

Gutmenschen, die wir sind, besuchten wir den Gnadenhof natürlich sofort. Wir setzten uns dem Anblick dreibeiniger Hunde, entstellter Büffel, neurotischer Esel sowie den Fotografien vieler Promis aus, die Aiderbichl zuvor die Aufwartung gemacht hatten. Nicht angenehm.

Am wenigsten erquicklich fanden wir aber die Marotte des Aiderbichl-Managements, den Lebenslauf eines jeden einzelnen Viecherls in extenso so zu dokumentieren, als ginge es um menschliche Biografien. Hier ein Beispiel von der Aiderbichl-Homepage: "Da Melissa erst einmal Ruhe brauchte, um ihre kleine Familie zu versorgen, blieb sie vorerst noch in unserer Quarantänestation, wohingegen die anderen fünf Ex-Pelztierfarm-Füchsinnen am 25. April ihr großes, neues Gehege entdecken durften. Für Annika, Merle, Svea, Juna und Elida begann an diesem Tag ein neues Leben."

Ich finde: Das ist Tränendrüsendrücken in Reinkultur. Käme sonst jemand auf die Idee, eine Mücke mit einem Namen ("Mücke Michael") oder Stammbaum ("Michael Mücke stammt in direkter Linie von Max und Manuela Mücke ab") zu versehen? Wie auch immer: Ob der Gnadenhof Aiderbichl ein Hort des animalisch Guten oder eine Abzockstätte für demente Tierliebhaber ist, werden jetzt ohnehin Staatsanwalt und Richter entscheiden. (Christoph Winder, Album, 14.8.2015)

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