Flüchtlinge und Touristen: Kollision zweier Lebenswelten auf Kos

13. August 2015, 16:36
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Auf der griechischen Insel prallen Urlauber auf tausende Migranten, die sie zu ignorieren versuchen

Sonnenschein, Meer, Strand und einladende Restaurants so weit das Auge reicht. Kos ist ein beliebtes Urlaubsziel für Publikum hauptsächlich europäischer Herkunft. Österreicher, Deutsche, Engländer bevölkern die Gastgärten der Lokale und dinieren in romantischer Umgebung. Auch auf den Grünstreifen entlang der Fußgängerzone sitzen unzählige Menschen. Diese sehen aber nicht aus wie jene, die das Ferienidyll sonst aufsuchen. Spaziert man weiter die Promenade entlang, liegen da neonorange und rote Schwimmwesten. Am Strand, neben Häusern und Mistkübeln – überall sind Kinder, deren Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Zimmer in einem der zahlreichen Hotels gebucht haben.

Donnerstagfrüh brachte eine Fähre rund 1300 Flüchtlinge von Kos nach Athen. Die Regierung reagierte damit auf Zusammenstöße, zu denen es zwischen Migranten und Polizisten gekommen war. Auf der Insel mit ihren gut 30.000 Einwohnern sind in den vergangenen Tagen 7000 Migranten eingetroffen. Sie gehören zu den mehr als 130.000 Flüchtlingen, die seit Jahresbeginn in Griechenland angekommen sind – die meisten davon Syrer auf dem Seeweg von der Türkei aus auf die nahegelegenen Inseln. Damit wurde Italien als europäischer Hauptankunftsort für Flüchtlinge abgelöst. Die Behörden sind überfordert, die Flüchtlinge unerträglichen Zuständen ausgeliefert. Seitens des UN-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR sprach man vergangene Woche nach einem Besuch der am meisten betroffenen Inseln von einem "totalen Chaos".

"Das ist ein großes Geschäft"

Ein Polizist auf Kos hat sich seine eigene Meinung gebildet: "Das ist alles ein großes Geschäft. Die verdienen pro Kopf 3000 Euro." Der im Gefängnis tätige Beamte, der momentan bei der Registrierung der ankommenden Flüchtlinge hilft, sagt, Schlepper hätten lediglich mit einer Haftstrafe von etwa fünf Monaten zu rechnen. Pro Boot würden an die 750.000 Euro eingenommen. Hinter verschlossenen Türen arbeite hier eine Hand in die andere, es sei ein blühendes Geschäft.

Die Zahl der Flüchtlinge auf der Insel wächst rasant. Nicht nur unter den Bäumen in den Parkanlagen schlafen sie, auch das Zentrum ist von Zelten und auf Kartons liegenden Schutzsuchenden durchzogen.

Es fehlt an Verpflegung und hygienischer Versorgung der Migranten. Eine Ortsansässige sagt: "Das Schlimmste ist der Geruch." Die meisten Touristen scheinen die Situation der Flüchtlinge zu ignorieren und versuchen zwecks Wahrung der Urlaubsstimmung, ihre Augen, Ohren und Nasen zuzuhalten.

Ärzte ohne Grenzen haben diese Woche vor weiteren Ausschreitungen auf Kos gewarnt. Eine junge Mitarbeiterin vor Ort liefert einen kurzen Statusbericht: "Es mangelt an Wasser, Nahrungsmitteln und freundlichen Worten. Die Flüchtlinge würden sich darüber freuen, wahrgenommen zu werden", sagt die Frau.

Strom für Flüchtlinge

Manche nehmen sich diese Worte zu Herzen. Drei einheimische Mädchen machen sich mit Müllsäcken und Putzhandschuhen ausgestattet daran, die wachsenden Berge an Müll zu beseitigen, die aufgrund der schlechten Versorgung der obdachlosen Migranten täglich wachsen.

Auch in manchem Supermarkt oder Imbissladen kommt man den Geflüchteten hie und da entgegen. So runden Geschäftsinhaber oder Mitarbeiter manchmal Preise ab oder lassen Flüchtlinge in ihrem Geschäft ihre Handys aufladen, mit deren Hilfe sie den Kontakt zu ihren Verwandten aufrechterhalten. Mitunter werden sie eingeladen, einfach Platz zu nehmen. Doch dies sind nur rudimentäre Anzeichen von Hilfsbereitschaft. Kos ist ein Touristenparadies – und ein solches will es auch bleiben. (Anna Celine Mark aus Kos, 13.8.2015)

  • Tausende Flüchtlinge sind von der Türkei  aus mit Booten auf  die nahegelegenen griechischen Inseln weitergereist. Dort treffen sie, wie auf Kos, auf zahlreiche Touristen.
    foto: reuters / yannis behrakis

    Tausende Flüchtlinge sind von der Türkei aus mit Booten auf die nahegelegenen griechischen Inseln weitergereist. Dort treffen sie, wie auf Kos, auf zahlreiche Touristen.

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