Brandon Paulin: Jüngster Bürgermeister der USA

15. August 2015, 12:00
112 Postings

Mit 19 darf Brandon Paulin zwar kein Bier bestellen. Eine Kleinstadt verwalten, das darf er schon. Seine Wahl zum jüngsten Bürgermeister der USA zeigt auch, wie enttäuscht vor allem junge US-Bürger vom traditionellen Politikbetrieb sind.

Was als Erstes auffällt am Bürgermeister von Indian Head, sind die Plättchen seiner Zahnspange. Brandon Paulin trägt sie mit derselben Selbstverständlichkeit, wie er die Viertklässler, die unter der Rubrik "Wenn ich Mayor wäre" aus Briefen vorlesen, mit einem High Five abklatscht. Versuchen sich ältere Politiker in der lässigen Geste, kann es schnell anbiedernd oder albern aussehen. Paulin dagegen wirkt wie der große Bruder. Kein Wunder, er ist selber erst 19 Jahre jung.

In dem Alter darf er in den USA zwar in keiner Bar ein Bier bestellen, wohl aber für ein Wahlamt kandidieren. Letzteres hat er getan, und als Indian Head, ein Ort mit rund 4000 Einwohnern, im Mai über einen neuen Gemeinderat entschied, erhielt Paulin 239 Stimmen, 52 mehr als der Zweitplatzierte. Damit ging der Spitzenposten an Paulin, den nunmehr jüngsten Bürgermeister der Vereinigten Staaten. Sein Vize heißt Ron Sitoula, ist Finanzbeamter und stammt aus Nepal. Sitoula setzte ein Zeichen, als er die 5000 Dollar Jahressalär, die ihm für den Posten zustehen, für einen guten Zweck spendete.

Stadt im toten Winkel

So voll war es lange nicht mehr im Grünen Pavillon, einer Halle im Stadtpark, in der das monatliche Bürgerforum stattfindet. Einer nach dem anderen tritt nach vorn, neben das holzgeschnitzte Haupt eines Indianerhäuptlings, um kundzutun, was ihn stört. Eine leere Ladenzeile, hässlich mit Sperrholzplatten vernagelt, vergammelt direkt an der Hauptstraße zu einem Schandfleck. Sogar die Drogeriekette CVS, eigentlich überall präsent in Amerika, hat ihre Filiale aufgegeben und eine Ruine hinterlassen. Teenager brechen Autos auf – oft aus purer Langeweile, glaubt der Sheriff. Ein Basketballplatz müsste her, damit sie sich austoben können.

In Indian Head regiert die Tristesse, obwohl Sitoula stolz erzählt, dass den Grünen Pavillon gerade mal 22,2 Meilen vom Weißen Haus trennen. Den Zugang zum Potomac River, der majestätisch breit in Richtung Atlantik fließt, versperrt eine Kaserne der Navy. Es gibt weder eine Brücke noch eine Fähre, die ans andere Ufer führt. Indian Head liegt im toten Winkel des boomenden Washingtoner Speckgürtels. Und über Dennis Scheessele, einen Mann Ende 60, der viermal in Folge Bürgermeister war, heißt es im Saal, dass er zuletzt praktisch gar nichts mehr tat.

Politik morgens und abends

Paulin, Sohn eines Polizisten, der das Kapitol in der Hauptstadt bewacht, machte den Leerstand bereits zum Thema, da war er gerade zwölf. Bei einem Forum forderte er empfindliche Strafen für Besitzer von Gewerbeimmobilien, die sich allenfalls halbherzig um neue Mieter bemühen, zumal sie den Verlust von der Steuer absetzen können. Heute setzt er auf Steuernachlässe, um Unternehmer anzulocken. Redet Paulin darüber, klingt es so geschliffen, als wäre er ein Wirtschaftsförderungsprofi. Dabei macht er das alles nur nebenbei. Frühmorgens erledigt Paulin Amtsgeschäfte, dann studiert er an der University of Southern Maryland Politikwissenschaften. Abends ist er wieder Bürgermeister. Fragt man ihn nach seinem Lieblingspräsidenten, nennt er Dwight D. Eisenhower, einen moderaten Republikaner und Praktiker, der genauso für die Demokraten hätte antreten können. "Ich bin ein Tatmensch", sagt auch Paulin.

Das ist typisch für die Art, wie junge Amerikaner sich sehen. Untypisch ist, wie er sich engagiert. Das "kleinkarierte, zerbrochene" System, wie es der zerstrittene Kongress mit seiner Selbstblockade symbolisiere, halte junge Leute davon ab, über eine politische Karriere auch nur nachzudenken, schreiben die Politologen Jennifer Lawless und Richard Fox in dem Buch "Running From Office". Nur sieben Prozent der 13- bis 25-Jährigen, haben die Autoren bei einer Umfrage ermittelt, können sich vorstellen, einmal für ein öffentliches Amt zu kandidieren. Um die Welt zu verbessern, zitieren Lawless und Fox einen College-Absolventen namens Leo, bleibe man dem Parteibetrieb besser fern. Von außen sei es einfacher, Lösungen zu finden, während man als Insider schnell Gefahr laufe, sich in Intrigen und Profilierungsgefechten zu verheddern.

Die Bestandsaufnahme ernüchtert schon deshalb, weil die USA mehr als fast jedes andere Land angewiesen sind auf Bürger, die zu Wahlen antreten. Über die Besetzung von 520.000 Ämtern, vom Sheriff über den Schulbezirksvorstand bis hin zum Hundefänger in Vermont, wird per Votum entschieden.

Will Paulin einmal in die hohe Politik? "Sollten die Leute es unbedingt wollen, denke ich darüber nach", sagt er diplomatisch. Jedenfalls fühle er sich weder der Linken noch der Rechten verpflichtet. "Die Linie, die ich ziehe, verläuft ziemlich genau durch die Mitte." (Frank Herrmann aus Indian Head, 15.8.2015)

  • Brandon Paulin ist morgens und abends Bürgermeister in Indian Head, Maryland. Dazwischen studiert er Politikwissenschaften.
    foto: herrmann

    Brandon Paulin ist morgens und abends Bürgermeister in Indian Head, Maryland. Dazwischen studiert er Politikwissenschaften.

Share if you care.