Digitalradio-Streit: "Wir mussten Nokia-Handys nicht entreißen"

14. August 2015, 12:00
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Wozu DAB+? Kronehit-Programmchef Rüdiger Landgraf und Gernot Fischer vom Digitalradioverband streiten

Wien – Bald drei Monate ist Digitalradio in Wien als Testbetrieb on air. Media Markt und Saturn, am Geräteverkauf naturgemäß interessiert, verraten noch nicht, wie viele Empfangsgeräte sie bisher verkauft haben.

Ein Rock-Ableger von Arabella ist etwa zu hören, ein Relax-Radio der Datenspezialisten von Herold und ein Kanal des ARBÖ, mehrere katholisch geprägte Sender, Lounge FM, Welle 1. Nicht aber die zwei großen im Markt: Kronehit, das in UKW bisher einzige bundesweite Privatradio. Und der ORF, in UKW Radiomarktbeherrscher mit fast drei Viertel aller gehörten Radiominuten.

Der ORF will nur mitmachen, wenn er digital einen jugendlichen Ableger von Ö3 – Arbeitstitel Ö3X für Zwölf- bis 29-jährige starten darf. Dazu müsste das ORF-Gesetz geändert werden.

Ö3X würde genau die Kronehit-Hörer anpeilen zielen. Noch ein schlüssiger Grund für die Skepsis des Privatsenders von Krone und Kurier gegenüber dem Digitalradiostandard DAB+.

Eine Frage der Technik

Kronehit-Programmchef Rüdiger Landgraf hat für das STANDARD-Streitgespräch mit Gernot Fischer weniger senderspezifische Argumente gegen Digitalradio zusammengetragen: Lieber gleich über LTE funken und streamen, ein Handy hat praktisch jeder. Fischer, Geschäftsführer des Vereins Digitalradio Österreich beim Fachverband der Elektronikindustrie, hält Landgraf vor allem technische Vorteile entgegen.

foto: andy urban
Rüdiger Landgraf, Programmchef von Kronehit, und Gernot Fischer, Geschäftsführer des Verbands Digitalradio Österreich, im Streitgespräch.


STANDARD: In Wien läuft seit bald zwei Monaten Digitalradio im Testbetrieb. Gibt es schon Daten über Gerätekauf, Publikumsinteresse oder Nutzung? Gibt es Menschen, die DAB+ hören?

Fischer: Da kann ich nur Positives berichten: Es haben sich unglaublich viele Hörer bei mir gemeldet, etwa, als einmal der Empfang gestört war, was zu Beginn eines Testbetriebs ganz normal ist. Meine Nummer stand unvorsichtigerweise auf unserer Website.

Landgraf: Ich habe zwei DAB+-Empfänger. Aber da zähle ich wohl zu einer überschaubaren Gruppe.

STANDARD: Gibt es Marktforschung?

Fischer: Die wird es geben, noch fragen wir nicht ab, wer welches Programm wie lange hört. Ich würde gerne zu einer automatisierten Marktforschung kommen, das funktioniert ja mit digitalen Geräten und Rückkanal.

STANDARD: Woraus schließt Rüdiger Landgraf dann sein Randgruppen-Dasein als DAB+-Empfänger?

Landgraf: Für Wien sind ja noch keine Zahlen erhoben, aber es gibt Daten aus Bayern. Dort gibt es seit 1995 DAB-Testbetrieb und seit 2008 DAB+. In Bayern geben nach der jüngsten Studie der Landesmedienanstalt 90 Prozent an, sie haben kein Emfangsgerät für Digitalradio.

Fischer: Telefonumfragen haben ihre Schwächen. Die Leute wissen nicht recht, wie sie hören.

Landgraf: Binnen eines Jahres gibt es nun in Bayern laut aktueller Studie rund 800.000 analoge Radios mehr, aber nur 50.000 DAB-Geräte wurden angeschafft. Damit ist der Anteil der DAB+-Radios an den Empfangsgeräten in Bayern sogar gesunken – auf 3,1 Prozent aller Radiogeräte. Umso überraschter war ich zu lesen, dass zehn Prozent der Empfangsgeräte in Wien DAB+-fähig sein sollen – wo gerade erst der Testbetrieb begonnen hat.

STANDARD: Wie kommen Sie auf die zehn Prozent?

Fischer: Auf Basis der Geräteverkäufe der letzten drei Jahre laut GfK-Marktforschung. Dazu muss man wissen: Die Leute haben sich kein DAB-Radio gekauft, sondern ein Hybridradio – sie wollten Internetradio hören. Da ist in den meisten Fällen DAB dabei. In einem wesentlichen Segment haben wir keine Daten: über die Ausstattung von Fahrzeugen mit DAB-Empfangsgeräten. Das kann man nur grob schätzen. In meinem neuen Auto war DAB standardmäßig dabei.

STANDARD: Sonst hätten Sie’s womöglich nicht genommen?

Fischer: Ich hätte mir jedenfalls DAB+ nicht rauswünschen können, nicht einmal gegen Aufpreis (lacht). Es ist erfreulich, dass das für Autohersteller so selbstverständlich ist.

Landgraf: Wieviele DAB-Empfänger gibt es derzeit in Österreich – abgesehen von meinen zwei?

Fischer: Wir kennen die Verkäufe – ohne Kfz und ohne Onlineverkäufe – von 2013, da waren es 73.000 Geräte. 2014 wurden 82.000 verkauft. Und heuer kann man von mehr als 100.000 ausgehen.

Landgraf: Das wären Ende 2015 rund 250.000 Geräte. Wir haben in Österreich drei Millionen Haushalte, und jeder hat – wenn wir nach den bayerischen Daten gehen – 4,4 Geräte in Betrieb. Das sind 13,2 Millionen Geräte – zehn Prozent wären 1,32 Millionen Geräte.

Fischer: Wir haben kommuniziert: zehn Prozent der Haushalte, nicht der Geräte, können DAB empfangen.

Landgraf: Die Zahlen aus Bayern zeigen jedenfalls: Das Zeug verkauft sich nicht. Nicht in der Dichte, die nötig wäre, um in kurzer Zeit zu einem erfolgreichen Betrieb zu kommen – also genügend Hörerinnen und Hörer, um ausreichend Werbung vermarkten zu können. An dem Punkt gibt es zwei Möglichkeiten: Man lässt es bleiben, weil es sich nicht rentiert. Oder man arbeitet darauf hin, den UKW-Betrieb abzuschalten, damit sich DAB+ auszahlt.

Fischer: Oder man hebt die Vorteile des Digitalempfangs für den Hörer hervor. Und wenn dann ein Radio nachgekauft wird, dann kann das auch Digitalradio. Wir vom Verein Digitalradio verlangen sicher nicht die Abschaltung von UKW, keine Sorge. Wir fordern ja auch nicht, dass das Internet frei von Radioprogrammen sein muss. Uns ist nur wichtig: Es soll weiterhin eine österreichische Radio-Infrastruktur geben, ein eigenes Netz, ohne Abhängigkeit von großen Internetplayern wie Google und Facebook.

STANDARD: Vielleicht könnten wir – abseits einer nationalen Sende-Infrastruktur – einmal klären, was man davon hat, DAB+ zu hören?

Fischer: Störungsfreieren Empfang als UKW zum Beispiel.

Landgraf: Es gibt sicher mit UKW Verbreitungsprobleme, wie mit jeder Sendetechnologie. Aber diese Probleme sind offenbar nicht so dramatisch: 85 Prozent der Menschen nützen UKW täglich.

Fischer: Wir haben gerade eine Rückmeldung von einem Hörer bekommen, der DAB+ aus dem Wiener Testbetrieb in bester Qualität in Piber in der Steiermark empfangen hat.

Landgraf: Auf einem schönen Nordosthang. Zweifellos: Der DAB+-Empfang im Auto ist tatsächlich sehr gut. Nur: Wirklich skurril ist, dass wir bei Kronehit DAB+ nicht empfangen können. Ich möchte aber nicht sagen, dass wir übertrieben darunter leiden.

Fischer: Das war nicht unsere Absicht. Aber ich kann berichten: Ich bin mit dem Auto um Euer Gebäude gefahren …

Landgraf: … na komm einmal herein!

Fischer: Ich komme gern vorbei, aber um Euer Gebäude war der Empfang einwandfrei.

Landgraf: Outdoor und indoor sind immer ein Thema.

Fischer: Ihr habt sicher eine Störquelle drinnen (lacht).

Landgraf: Stahlbeton und Erdgeschoß. Das ist ja auch bei UKW ein Problem – nur hat UKW den Vorteil, dass es eben rauscht oder auf mono umstellt. DAB ist komplett weg.

Fischer: Der Hörer bekommt zudem in DAB+ mit einer Sender-Infrastruktur viel mehr Programme. Das spart den einzelnen Sendern natürlich Kosten.

Landgraf: Es stimmt schon, dass die Sendekosten von DAB billiger sind. Aber weil sich die Technologie so langsam verbreitet, muss man über einen langen Zeitraum parallel senden – UKW und DAB. Das kostet mehr statt weniger.

Fischer: Der Hörer braucht bei DAB+ keine Frequenzen mehr einzustellen, er hat eine Liste der Programme. Für Sondersendungen – zum Beispiel Wahlberichterstattung – können Programme ihre Frequenz splitten und Spezial- wie Normalprogramm parallel laufen lassen. In Deutschland wurde das etwa für die Bundesliga gemacht, für bis zu fünf Spiele jeweils eine eigene Übertragung. Man schafft mit DAB+ weit mehr Vielfalt und kann Programme genauer maßschneidern.

foto: andy urban
"Übrigens schon eine ziemlich alte Technologie": Landgraf und Fischer.


STANDARD: ORF und Kronehit beteiligen sich nicht an dem Pilotversuch. Geläufige Erklärung: Weil große Player in UKW ihre Marktstellung nicht durch ein größeres Angebot, mehr Vielfalt also gefährden wollen.

Landgraf: Der Verdacht wird oft geäußert, er wird dadurch aber nicht richtiger. Die Vielfalt in DAB+ ist nur eine auf dem Papier. Nur weil gesendet wird, wird ja nicht empfangen. In Großbritannien ist der erfolgreichste kommerzielle DAB+-Sender Absolute 80s. Seit 2009 on air, hat der Sender heute einen Marktanteil von 0,9 Prozent in Großbritannien. Ich fürcht mich vor vielen Dingen, aber nicht vor einem Mitbewerber, der in sechs Jahren 0,9 Prozent Marktanteil aufbaut.

Fischer: Die Daten aus Großbritannien zeigen die Problematik von Statistiken: 60 Prozent der Neufahrzeuge dort sind mit DAB-Empfängern ausgerüstet, Tendenz steigend.

Landgraf: Die Gesamtzahl – übrigens von der Medienbehörde – ist schon mit Autos gerechnet.

Fischer: Ich will die Daten nicht in Zweifel ziehen, aber man muss berücksichtigen, dass die britische Medienbehörde den Umstieg von DAB auf DAB+ schaffen will – und je mehr DAB-Geräte im Markt sind, desto schwieriger ist er durchzusetzen. DAB-Geräte können DAB+ nicht empfangen.

Landgraf: DAB, übrigens eine auch schon ziemlich alte Technologie, hat ein paar wesentliche Nachteile. Es ist vor allem nicht kompatibel mit jenen digitalen Geräten, die wir ständig mit uns herumtragen – also Handys und Tablets. Das ist ein Riesenproblem. DAB war vielleicht in den 1980ern oder 1990ern eine effiziente Technologie – heute würde man das nicht mehr so bauen. Wenn man damals gewusst hätte, was Smartphones sind und wie sie sich durchsetzen werden, hätte niemand DAB als Stand-alone-Technologie entwickelt.

STANDARD: Sondern?

Landgraf: LTE Broadcast zum Beispiel, das die EU-Kommission im Dezember in einem Bericht vorgestellt hat, ist die spektrale Effizienz viermal höher als in DAB+.

Fischer: Hier liefere ich mich als Rundfunkveranstalter aber wieder den Mobilfunkern aus. Und wer hunderte Millionen für eine LTE-Lizenz zahlt, wird sich kaum seine Bandbreite mit frei empfangbaren Radios belegen lassen.

Landgraf: Man könnte bei einer Auktionierung vorschreiben, dass 20 Prozent der Bandbreite für Rundfunk freizuhalten sind – dafür könnten die Lizenzen billiger werden. Und diese Technologie ist kompatibel mit jedem LTE-fähigen Handy.

Fischer: Es wird auch Smartphones mit DAB+-Chip geben.

Landgraf: Mit unschönen Nachteilen: Eine Auszieh-Antenne sieht auf dem iPhone ziemlich uncool aus. Aber gut, ein Kopfhörerkabel könnte sie ersetzen.

Fischer: Das Frauenhofer-Institut hat eine Schlaufen-Antenne für das Smartphone in der Schublade, sie brauchen nur gefragt werden.

Landgraf: Bisher hat nur niemand gefragt und das Zeug liegt noch immer in der Schublade.

Fischer: LTE ist eine ziemlich kleinzellige Technologie. In der Stadt funktioniert das. Auf dem flachen Land werden wir das alle nicht mehr erleben. Und gegen eine LTE-Lösung spricht zudem: Im Katastrophenfall sind Mobilfunknetze häufig überlastet – wie etwa das Hochwasser in Bayern zeigte.

Landgraf: Aus kommerzieller Sicht – wieviele Leute kann ich mit welchem Aufwand erreichen? – ist für entscheidend: Haben die Menschen Geräte, mit denen sie mich hören können. Wenn man die Übertragungskosten von DAB umlegt auf die Zahl der Menschen mit DAB-Empfangsmöglichkeit, dann wird es um einiges teurer.

STANDARD: LTE kostet aber auch ganz ordentlich – den Konsumenten.

Landgraf: Hier geht es nicht um LTE Internet. LTE Broadcast braucht keine Internet-Bandbreite.

STANDARD: Aber ich brauche einen LTE-Vertrag mit einem Mobilfunkunternehmen, um auch LTE Broadcast empfangen zu können, oder?

Landgraf: Der ist – noch jedenfalls – teuer, das stimmt. Aber viele Haushalte haben den schon. Man braucht auch um fernzusehen einen Vertrag mit einem Stromlieferanten. Und eine relativ große junge Zielgruppe verwendet ohnehin schon Breitband-Internet mobil.

STANDARD: Zwischenresümee: Rüdiger Landgraf sagt: Vergessen wir DAB+, und warten wir auf LTE Broadcast, …

Landgraf: … für das die Menschen schon Empfangsgeräte haben …

STANDARD: … und senden bis dahin auf UKW.

Fischer: Es geht nur darum, die Zeit bis zur nächsten oder übernächsten Generation von Radiohörern mit UKW zu überbrücken.

Landgraf: Und Herstellern und Handel, die DAB+ forcieren, geht es darum, noch ein, zwei Zwischengenerationen von Geräten zu verkaufen, wie bei 3D-Fernsehern, bis wieder eine echte Innovation kommt.

STANDARD: LTE Broadcast gibt es schon, kann ich schon nutzen?

Landgraf: Es gibt Experimente mit LTE Broadcast. Es geht hier nicht um die Radiobranche. Bei der Durchsetzung einer neuen, konvergenten Breitbandtechnologie ist das Radio, wenn es sich geschickt verhält, ein Mitfahrer. Entschieden wird das ganze über das Bewegtbild. Dort sind die Umsätze wesentlich höher, dort ist die Gerätepenetration wesentlich stärker, da spielt die Musik letztlich. Was die EU im Dezember vorgestellt hat, fußt darauf: Welche Zukunft hat das Fernsehen in einer Zeit, in der es sehr mobil und sehr individuell werden muss. Ich weiß heute nicht, ob ein heutiger Youtuber in fünf Jahren lineares Fernsehen konsumiert. Ich glaube, man sollte diesen Prozess abwarten, bevor man jetzt einen Investitionsschritt setzt, den andere Staaten schon wieder aufgeben.

Fischer: Von Aufgeben kann keine Rede sein, die meisten Staaten forcieren DAB+, weil es die vernünftigste zeitgemäße Technologie ist. Für Radio garantiert. Ich würde Radio auch nicht mit Fernsehen vermengen – das ist eine ganz andere Mediennutzung: im Auto neben dem Fahren, in der Küche neben dem Kochen, neben der Arbeit… Es ist doch offensichtlich, dass dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, aber auch Kronehit die jungen Hörer abhanden kommen.

Landgraf: Und die hören dann DAB+?

Fischer: Die streamen momentan. Das lineare Radio ist dann uninteressant. Ich glaube aber nicht, dass das lineare Radio daran schuld ist. Ich glaube, es ist für die Zielgruppe einfach nicht mehr zeitgemäß, ein analoges Radio dabeizuhaben. Denen muss man das Smartphone mit einem DAB+-Tuner bieten, dann würden sie auch wieder Radio hören.

Landgraf: Die hören total gern am Smartphone – zum Beispiel Spotify und in den USA Pandora. Aber das liegt an völlig anderen Nutzungsmöglichkeiten. Bei UKW kann ich zum Beispiel nicht skippen – und DAB unterscheidet sich da kaum von UKW. Wenn wir das Problem haben, dass lineare, nicht personalisierbare Kanäle bei jungen Leuten weniger angenommen werden, halte ich es nicht für die beste Strategie, noch mehr lineare, nicht personalisierte Kanäle dagegenzusetzen. DAB hat es nicht geschafft, den Radioanteil bei jungen Menschen zu erhöhen. Bei jungen Menschen hat DAB+ etwa in Deutschland überhaupt keine Bedeutung.

Fischer: DAB hat auf jeden Fall mehr Potenzial als Analogradio, die jungen wieder einzufangen, davon bin ich felsenfest überzeugt. Es muss nur im richtigen Endgerät verpackt sein. Ich muss Datendienste mitschicken, also programmbegleitende Informationen. Ich kann den Link ins Internet mitliefern.

Landgraf: Dafür brauche ich auch einen teuren Handyvertrag.

Fischer: Das geht sich mit den üblichen Flatrate-Verträgen aus. Radiohören geht sich nicht aus: 81 Prozent der Bevölkerung hören täglich 191 Minuten Radio. Das wäre das Dreifache des heutigen mobilen Datenvolumens in Österreich.

Landgraf: Die will auch keiner auf Streaming umstellen. Um das geht es nicht. Schweden ist gerade dabei, sich von einem schon geplanten Umstieg von UKW auf DAB+ zu verabschieden. Den Ausschlag gab eine sehr schlüssige Analyse des schwedischen Rechnungshofs: Der sagt, nach dem Szenario der Regierung wird sich DAB+ in 50 Jahren nicht rentieren.

STANDARD: Und schlägt was vor?

Landgraf: Das für DAB+ vorgesehene Frequenzspektrum könnte weit besser für Fernsehen genutzt werden. Dann würden bisherige Fernsehfrequenzen frei für LTE und seine Nachfolger – und könnten um viel Geld versteigert werden. In Österreich hätte das – nach der letzten LTE-Auktion gerechnet – einen Wert von eineinhalb Milliarden Euro. Und sollen es in der heutigen Konjunktur 500 Millionen sein. Wir senden heute vom Kahlenberg, in einem Frequenzbereich, den wir für LTE nützen könnten, SimpliTV verschlüsselt. Da muss man fragen: Ist es volkswirtschaftlich vernünftig, statt bisher nur 20 Megaherz Freqenzband für UKW, die man für nichts anderes nutzen kann, uns mit zusätzlich 40 Megaherz für digitales Radio Frequenzband zu verbauen, das wir für Fernsehen nützen könnten?

foto: andy urban
"Ich bin kein Befürworter einer Abschaltung, um eine Technologie voranzubringen": Fischer (re.) beruhigt Landgraf.


STANDARD: Mit der Argumentation können wir beginnen, jedwede für Rundfunk genutzte Frequenzbereiche freizuräumen, weil man mit Mobilfunk mehr erlösen kann. Ein Rechnungshof muss vermutlich so argumentieren.

Landgraf: Natürlich ist das eine große Lobbydebatte. Aber wenn man sieht, wie der mobile Traffic wächst, vor allem mobiles Video, das in zwei Jahren vermutlich für 70 Prozent des gesamten mobilen Traffics verantwortlich sein wird, dann sehen wir, dass wir diese Brandbreiten brauchen werden. Es ist ja genügend Bandbreite für alle vorhanden, wenn man sie spektral effizient nützt. Im Fernsehen kann man argumentieren: Auf den Frequenzen für analoge Signale wurde Platz für LTE geschaffen. Aber das UKW-Frequenzband hat keine vernünftigen Nachnutzungs-Szenarien.

STANDARD: DAB+ könnte man dort machen?

Landgraf: In den USA hat man das probiert, quasi eine halbe Digitalisierung unter dem Titel HD-Radio. Mit sehr überschaubarem Erfolg. Das hat den Markt nicht wirklich begeistert. Wenn man sich da nur das zwanzigste Nonstop-Musikprogramm leisten kann – dann ist Spotify vermutlich wirklich die spannendere Alternative.

STANDARD: Paradebeispiel der DAB+-Vertreter ist Norwegen. Dort werden ab 2017 UKW-Frequenzen abgedreht, das erste europäische Land steigt um auf DAB+.

Landgraf: Auch nicht ganz: Es werden auch nach 2017 noch mehr als 200 Stationen über UKW senden. Alle lokalen Stationen außerhalb der vier großen norwegischen Radiomärkte senden weiter auf UKW. Und auch in den Ballungsräumen gibt es Überlegungen, für Communitysender neue UKW-Lizenzen auszuschreiben.

STANDARD: Aber die großen Stationen wechseln nach dem derzeitigen Szenario auf DAB+.

Landgraf: In einem interessanten Ablauf: In Norwegen muss zunächst der öffentlich-rechtliche Rundfunk den UKW-Sendebetrieb einstellen – nach dem Motto: Geh du vor, ich pass hinten auf. Die Privatsender kommen dann drei Monate später dran.

STANDARD: Ein Umstiegs-Bonus für Privatsender.

Landgraf: Dennoch fürchtet eine große Zahl von Lokalradios in den großen Märkten um ihre Existenz, wenn ihre UKW-Frequenzen 2017 abgeschaltet werden. Ein größerer Privatsender wie P4 kann da recht kühl kalkulieren: Er zahlt dort eine hohe Gebühr für UKW-Frequenzen. Er kann sich ausrechnen, wieviele Hörer er mit dem beim Senden günstigeren DAB+ verlieren kann, damit es sich noch ausgeht. Und P4 hat schon Schlimmeres erlebt, als einen Umstieg von einem Standard auf den anderen – der Sender hat seine UKW-Sendelizenz schon einmal ganz verloren.

STANDARD: Wäre das norwegische, schrittweise Szenario eines für Österreich?

Landgraf: Ich habe meine massiven Zweifel und würde als Radiomacher keinen Cent in DAB+ investieren. In Norwegen hat DAB+ eine Tagesreichweite von noch immer nur 23, 24 Prozent. Wenn sich die Geräte in Österreich so überschaubar verkaufen wie in anderen Märkten, dann ist das ökonomisch nicht sinnvoll. Ich habe die Sorge, dass man ähnlich wie in anderen Märkten UKW abschaltet, um DAB+ durchzusetzen. Das würde ich schon persönlich nehmen. Das wäre für die Branche eine brutale Geschichte.

Fischer: Ich bin kein Befürworter einer Abschaltung, um eine Technologie voranzubringen. Die Technologie spricht für sich. Es geht eher darum, dass der Handel Geräte in den Markt bringt, die DAB+ können. Die können alle auch UKW. Und viele können auch Internetradio empfangen. Das bedeutet die maximale Vielfalt für den Hörer.

Landgraf: Aber was hat man da in Deutschland falsch gemacht?

Fischer: In Deutschland hat man den Schulterschluss mit dem Handel nicht gesucht. Wir als Verein Digitalradio hingegen haben relativ rasch die Mediamarkt/Saturn-Gruppe mit an Bord bekommen.

Landgraf: Das muss man wirklich sagen: Der Verkäufer war super trainiert. Der wusste wirklich, was das ist. Bei einem Saturn in Deutschland sah das vor ein paar Monaten ganz anders aus.

Fischer: Jetzt zeigen weitere Handelsgruppen Interesse. Das ist für mich ein ganz wesentliches Element. Fahrzeughersteller übrigens auch. Da werden wir eine eigene Gruppe bilden. Manche Marken überlegen, überhaupt nur noch mit DAB+-Ausstattung zu verkaufen. Die wollen das auch marketingmäßig nutzen.

Landgraf: Wenn die Penetration der Geräte und die Nutzung stark genug ist, dann sind wir die Letzten, die sich dem verschließen. Das ist ja keine Frage der Ideologie. Nach allem, was ich aus internationalen Beispielen kenne, glaube ich leider nicht an DAB als so dominanten Verbreitungsweg, dass man auf UKW verzichten kann.

STANDARD: Warum leider?

Landgraf: Es wäre natürlich schön, wenn man mit einem Fingerschnippen überall neue Geräte hätte, mit denen man neue Geschäftsmodelle aufbauen könnte, und sie auch rückkanalfähig sind. Letztlich geht es um den Konsumenten und seine Bereitschaft, ein Gerät zu kaufen. Wir mussten den Menschen auch nicht die Nokia-Handys aus der Hand reißen – sie wollten einfach ein iPhone.

Fischer: Ich habe noch einen wesentlichen Punkt, der für DAB spricht. Verkehrsinformation in Echtzeit in möglichst viele Fahrzeuge kann Leben retten. Das gelingt über RDS nicht wirklich gut – wegen großer Verzögerung. Mit TPEG geht das sofort – und mit einer so großen Datenmenge, dass man künftig etwa auch freie Parkplätze in Parkhäusern so in die Routenplanung einbeziehen kann, Schlechtwetterfronten, die nächste freie Stromtankstelle.

Landgraf: Mit RDS Plus kann man auch eine höhere Datenrate erreichen. Über LTE Broadcast sind diese Services mittelfristig ebenso darstellbar. Da ist DAB+ nicht alternativlos.

Fischer: Bei wirklich kritischen Informationen ist es alternativlos – wenn wegen eines Staus die LTE-Zelle überfüllt ist.

Landgraf: Das Problem habe ich bei LTE Broadcast nicht.

Fischer: Wenn es das jemals geben sollte. DAB+ gibt es schon – über Großsendeanlagen. Und ebenso wichtig ist die Funktion: Information in Krisensituationen, ein Zivilschutzthema. Mehrsprachige Zivilschutzinformation in Text und Ton. Und das Radio schaltet sich automatisch ein.

Landgraf: Das hat die EU-Kommission auch für LTE Broadcast vorgesehen.

Fischer: Wenn es jemals kommt, ist es gut, dass es auch dort vorhanden ist. Entstanden ist die Funktion beim letzten großen Hochwasser in Deutschland – als die ganze Mobilfunkinfrastruktur versagt hat.

Landgraf: Es ist unbestritten, dass man im Krisenfall ein Broadcast-Backbone braucht. Aber dafür gibt es unterschiedliche Technologien.

STANDARD: Der Testbetrieb läuft bis Frühjahr 2016. Und dann?

Fischer: Wenn der Testbetrieb gut läuft, und davon bin ich überzeugt, wird spätestens 2017 ein Regelbetrieb ausgeschrieben.

STANDARD: Wann läuft der Testbetrieb gut? Geräteverkauf, Nutzung – da muss es doch Parameter geben.

Fischer: Der Testbetrieb ist dann gut gelaufen, wenn die technischen Tests, die wir vorhaben, positiv absolviert sind. Wie ich die Medienbehörde verstanden habe, sehen die die technischen Tests und nicht die Gerätepenetration im Vordergrund.

STANDARD: Also DAB+ soll kommen, egal, ob sich die Empfangsgeräte verkaufen und ob sie genutzt werden?

Fischer: Sie werden ja gekauft. Aber klar ist: Wir werden in dem Testbetrieb nicht schaffen, die UKW-Geräte einzuholen. Aber das ist ja bei jeder neuen Technologie so.

Landgraf: Es wäre schon sensationell, wenn man es schaffen würde, mehr UKW/DAB-Kombigeräte als reine UKW-Geräte zu verkaufen. Das haben die Briten und die Deutschen bis heute nicht geschafft.

Fischer: Das versuchen wir gerade. Die Leute sind auch bereit, etwas mehr Geld dafür in die Hand zu nehmen. Wobei man ab 30 Euro ein DAB-Gerät bekommt.

Landgraf: Wann werdet ihr belastbare Verkaufszahlen vorlegen?

Fischer: Wir versuchen, weitere Handelsgruppen in unseren Verein zu holen. Bisher haben wir nur einen Player, aber den größten, an Bord.

Landgraf: Und wieviele Geräte hat der seit dem Start des Testbetriebs Ende Mai verkauft? Ich weiß von einem – meinem.

Fischer: Derzeit läuft eine Erhebung der GfK, ich kann dem nicht vorgreifen.

STANDARD: Wann werden Daten vorgelegt?

Fischer: Spätestens mit dem Endbericht zum Testbetrieb, vielleicht schon in einem Zwischenbericht an die Behörde, voraussichtlich Ende dieses Jahres.

Landgraf: Wenn ein österreichweiter Rollout von DAB+ geplant ist, wovon man ausgehen kann – wer wird den eigentlich bezahlen?

Fischer: Das kommt auf den Rollout an: Wenn es ein Rollout von Privatradios ist, dann wird man sich auf die Ballungsräume konzentrieren und in einem zweiten Schritt die Hauptverkehrsadern. Wo also die meisten Menschen mit dem geringsten technischen Aufwand zu erreichen sind. Die Kosten kriegt man in den Griff.

Landgraf: Ich kenne nur den Kostenvoranschlag der ORS aus einer früheren Studie. Das waren 400.000 Euro für einen österreichweiten DAB+-Kanal. Was kostet mich österreichweite Verbreitung über DAB+ – wenn ich eine ähnliche Abdeckung wie Kronehit auf UKW haben will, also 87 Prozent Reichweite?

Fischer: Wir haben eine Kalkulation vorliegen, mit Gewinnaufschlägen des Betreibers. Für eine Abdeckung der Ballungsräume mit Hauptverkehrsadern, portable indoor, lagen wir bei rund 130.000 Euro pro Programm.

Landgraf: Die muss man auch einmal durch Werbung zurückverdienen.

STANDARD: Was kostet die UKW-Übertragung von Kronehit?

Landgraf: Ein Vielfaches davon.

Fischer: Vermutlich mehrere Millionen im Jahr.

STANDARD: Um die Differenz könnte man vermutlich einigen Menschen einen DAB+-Empfänger schenken.

Landgraf: Wir haben einen weitesten Hörerkreis von 2,7 Millionen Menschen. Wenn wir jedem ein Radio schenken – oder besser zwei für je 70 oder auch 50 Euro, dann sind wir weit im dreistelligen Millionenbereich. Das würde die finanziellen Möglichkeiten von Kronehit doch etwas übersteigen.

Fischer: Wenn alle Radioprogrammveranstalter an einem Strang ziehen würden, wären die Leute relativ rasch zu überzeugen, dass sie sich ein neues Gerät zulegen.

Landgraf: In England und in Deutschland haben sie an einem Strang gezogen – und in beiden Ländern hat sich die Technologie durch freien Verkauf auf dem freien Markt nicht in einer Geschwindigkeit durchgesetzt, die es ökonomisch rentabel erscheinen lässt. In beiden Ländern wird deshalb das Abschaltszenario diskutiert.

Fischer: In der Schweiz ist es praktisch fix. Dort wurde gerade das zweimillionste Gerät verkauft.

STANDARD: Bevor wir bis 2017 weiterdiskutieren, wenn mit Norwegen das erste europäische Land beginnt, in größeren Märkten von UKW auf DAB+ umzusteigen, unterbrechen wir diese Diskussion für eineinhalb Jahre.

Landgraf: Norwegen wird extrem spannend. (Harald Fidler, 14.8.2015)

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