Wenn Kulturgut illegal auf Reisen geht

16. August 2015, 09:00
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Die Verschleppung von nationalem Kulturgut ins Ausland beschäftigt Ministerien seit dem 19. Jahrhundert. Beispielhaft dafür steht eine von Bernini geschaffene Büste, die in der Slowakei jetzt einen Skandal auslöste

Die Angst vor dem Verlust wertvollen Kulturguts, das zur lukrativen Veräußerung ins Ausland verschleppt wird, beschäftigt Nationen in unterschiedlichen Ausprägungen seit dem 19. Jahrhundert. Sie ist kein Novum, auch wenn der Eindruck derzeit entstehen könnte: In Deutschland wird heftig über einen Entwurf zur geplanten Novellierung des Gesetzes debattiert. Die damit verbundene Verschärfung der Ausfuhrbestimmungen treibt sowohl Vertreter des Kunsthandels als auch Sammler auf die Barrikaden. Denn zu nationalem Kulturgut Erklärtes unterliegt einem Exportverbot und wird automatisch entwertet.

In Marmor gemeißelt

Zeitgleich beschäftigen zwei charakteristische Fälle dieser Tage die Fachwelt: Im ersten geht es um ein Bild von Pablo Picasso (Buste de Jeune Femme, 1906), für das spanische Behörden explizit ein Ausfuhrverbot verhängt hatten. Der Eigentümer, der Milliardär Jaime Botín, hatte es nun via Korsika in die Schweiz zu schmuggeln versucht.

Vermutlich sollte das auf etwa 26 Millionen Euro geschätzte Werk verhökert werden, stattdessen wurde es vergangene Woche vom Zoll beschlagnahmt.

Im anderen Fall geht es um eine Skulptur von Gian Lorenzo Bernini, die jetzt in der Slowakei für einen Skandal sorgt. Denn sie war, von lokalen Experten unerkannt, im Herbst 2014 für 24.000 Euro versteigert und vom neuen Besitzer über einen von Sotheby's vermittelten Private Sale jüngst für 30 Millionen Euro an das Getty Museum (Los Angeles) verkauft worden. Der STANDARD berichtete darüber am 25. Juli.

Der Verdacht: Die Ausfuhrgenehmigung wurde erschlichen. Ob und, falls ja, welche Fehler im Zuge des Verfahrens passierten, ist derzeit Gegenstand von Ermittlungen. Die Geschichte dieser Büste, die Papst Paul V. zeigt, ist STANDARD-Recherchen zufolge eng mit dem Thema Kulturgutschutz verknüpft.

Den Auftrag für das in Marmor gemeißelte Porträt hatte Bernini (1598-1680) noch zu Lebzeiten Pauls V. (1552-1621) erhalten, die Fertigstellung dürfte nach dem Tod des Kirchenfürsten erfolgt sein. Ursprünglich war Camillo Borghese Jurist der päpstlichen Kurie, und seinem Pontifikat verdankte die römische Fürstenfamilie einen Reichtum, von dem Generationen profitieren sollten.

Noch in den 1880er-Jahren wurde deren Vermögen, exklusive diverser Liegenschaften und der weltberühmten Kunstsammlung, mit 120 Millionen Lire beziffert. Der Kurs der italienischen Währung entsprach damals jenem des französischen Franc.

Eine Dekade später war alles weg, Paolo Borghese (1845-1920) hatte das Vermögen bei Immobilienspekulationen verprasst. Schulden in der Höhe von 31 Millionen standen Aktiva im Wert von 24 Millionen gegenüber, war auch hierzulande zu lesen. Im Wiener Satireblatt Der Floh stellte man die höhnische Frage, ob der Name Borghese tatsächlich von "Borgen" herzuleiten sei.

In den Verhandlungen mit den Gläubigern war die legendäre Kunstsammlung der Borghese jedenfalls von Gewicht. Der Haken: Seit 1871 waren Verkäufe aus Galerien, Bibliotheken, Kunst- und Antiquitätensammlungen, die zu einem Fideikommiss gehörten, im Königreich Italien strengstens untersagt.

Dazu kam das sogenannte Edikt Pacca (1820-1929), die Urform aller Denkmalschutzgesetze, wonach der Kardinalkämmerer über eine etwaige Ausfuhr entschied. Der Export war wiederum mit einer Steuer in der Höhe von 20 Prozent des Wertes belastet.

Geschmuggelter Raffael

Angesichts der prekären finanziellen Situation der Borgheses erwog man, diese Bestimmungen zu suspendieren. Dann wurde bekannt, dass der Fürst widerrechtlich längst die ersten Kunstwerke über Mittelsmänner ins Ausland verkauft hatte. So war etwa Raffaels Bildnis des Cesare Borgia für 600.000 Francs in die Sammlung Rothschild nach Paris übersiedelt.

Darüber, wie das Gemälde die Grenzen Italiens passieren konnte, kursierten in den Medien unterschiedliche Theorien. Von einem Transport in einem Koffer mit doppeltem Boden wurde ebenso berichtet wie von einer gefinkelten "Behandlung" des Werkes. Demnach war das Bild mit einer feinen Wachsschicht bedeckt worden, auf die das Konterfei des damals amtierenden Pontifex Leo XIII. gemalt war. Der verantwortliche Unterrichtsminister ordnete eine sofortige Untersuchung an und avisierte aus diesem Anlass eine drastische Verschärfung der bisherigen Gesetze, die künftig eine Verbringung wertvoller Kulturgüter aus Italien verhindern sollte.

Auch mit dem Fürstenhaus Borghese wurde man letztlich handelseins: Teile der Gemäldesammlung und die Liegenschaften gingen in den Besitz der Stadt Rom über, der kostbare künstlerische "Hausrat", den Borgheses Vorfahren in drei Jahrhunderten in den 200 Zimmern und Sälen des Palastes angesammelt hatten, durfte an die Meistbietenden verschleudert werden.

Lukrative Trouvaille

Die Auktion im April 1892 verlief laut einer Meldung des Deutschen Volksblattes eher enttäuschend. Die Versteigerung habe 1,3 Millionen Lire gebracht, "eine lächerlich geringe Summe im Vergleich zu dem Kunst- und Sachwert" der Objekte. Abgesehen von jenem "Vermeil-Service aus massivem Silber", das Napoleon I. einst seiner Schwester Paolina Borghese zur Mitgift schenkte und das insgesamt 380 Kilogramm wog (Wiener Zeitung, 12. 4. 1892), sucht man Berichte mit Details zu Kunstwerken vergeblich.

Damals ebenfalls verkauft wurde eingangs erwähntes Papstporträt. Es war jedoch nicht Bernini, sondern seinem Zeitgenossen Alessandro Algardi zugeordnet. Laut einem italienischen Kunsthistoriker, der die Skulptur Jahre später im Original begutachtete und in einem 1916 publizierten Beitrag auf eine Autorenschaft Berninis revidierte, war die Büste einst in eine ausländische Privatkollektion gewechselt. In eine Wiener Sammlung, konkretisierte ein Kollege 1953.

Welche das gewesen sein könnte, darüber rätseln Kunsthistoriker seit langem, da die Skulptur zuletzt als verschollen galt. Auch vom Büro der Kommission für Provenienzforschung unterstützte STANDARD-Recherchen verliefen vorerst ergebnislos.

Tatsächlich hatte die Büste zwei Weltkriege unbeschadet überstanden und war zuletzt im Besitz eines slowakischen Kunstmalers namens Ernest Zmeták (1919-2004). Seine Erben ließen Teile des Nachlasses im Auktionshaus Soga (Bratislava) versteigern, darunter auch die als Bernini-Nachfolge deklarierte Skulptur. Von der Fachwelt vorerst unbemerkt, blieb sie im Dezember 2013 (Schätzwert 47.000 Euro) unverkauft.

Im September 2014 wurde sie neuerlich offeriert und rief einen in Bratislava angesiedelten Geschäftsmann französischer Herkunft auf den Plan, den lokale Medien als Clément Guenebeaud identifizierten. Laut italienischen Agenturmeldungen hatte er vor dem Ankauf einen namhaften italienischen Kunsthistoriker um eine Einschätzung ersucht, der aufgrund der künstlerischen Qualität eine Bernini-Zuordnung in Aussicht stellte.

Guenebeaud investierte 24.000 Euro und machte, eine Ausfuhrgenehmigung ("zugeschrieben Bernini, Wert 7 Mio. Dollar") später, das Geschäft seines Lebens. Inklusive Sotheby's-Provision soll das Getty Museum umgerechnet 33 Millionen Dollar berappt haben – obwohl im Provenienzverlauf eine Lücke von mehreren Jahrzehnten klafft, die durchaus Probleme bereiten könnte. Denn: Wann und vor allem auf welche Weise verließ das Kunstwerk Wiener Terrain, und wie war Zmeták laut seiner Tochter 1946 in den Besitz der Skulptur gelangt? Diese Fragen blieben bislang unbeantwortet.

Laufende Ermittlungen

Derweilen laufen die Ermittlungen in der Slowakei, wo sich die Involvierten gegenseitig beschuldigen. Das Auktionshaus Soga weist jedwede Verantwortung einer mangelhaften Expertise von sich und avisierte, auch namens der Zmeták-Familie, den Verkauf juristisch anzufechten. Eine Pariser Anwaltskanzlei sei damit beauftragt worden.

Wie die Bedeutung des Kunstwerkes im Zuge des Ausfuhrverfahrens übersehen werden konnte, fragt sich vor allem der erzürnte Kulturminister. In einem ersten Schritt entließ er sowohl den zuständigen Abteilungsleiter im Ministerium als auch sämtliche Mitglieder der beratenden Kommission. Ob ein im 17. Jahrhundert in Rom geschaffenes Papstporträt überhaupt zum Kulturerbe der Slowakei gehören kann? Das ist eine Kernfrage, die im gegenwärtigen Disput noch keine Rolle spielte. (Olga Kronsteiner, 16.8.2015)

  • Für 24.000 Euro wurde dieses nun von Kunsthistorikern als Werk Berninis identifizierte Porträt Papst Pauls V. 2014 in Bratislava versteigert. Für 30 Millionen Euro wechselte es vor kurzem in den Bestand des Getty Museum in Los Angeles.
    foto: getty museum / sotheby's

    Für 24.000 Euro wurde dieses nun von Kunsthistorikern als Werk Berninis identifizierte Porträt Papst Pauls V. 2014 in Bratislava versteigert. Für 30 Millionen Euro wechselte es vor kurzem in den Bestand des Getty Museum in Los Angeles.

  • Druckgrafik nach Raffaels Bildnis von Cesare Borgia, das Paolo Borghese heimlich für 600.000 Francs an Alphonse Rotschild (Paris) verkauft hatte, um einer Verbindlichkeit der Banca Romana nachzukommen.
    foto: archiv

    Druckgrafik nach Raffaels Bildnis von Cesare Borgia, das Paolo Borghese heimlich für 600.000 Francs an Alphonse Rotschild (Paris) verkauft hatte, um einer Verbindlichkeit der Banca Romana nachzukommen.

  • Monatelang hatte man gerätselt, wie das Raffael-Gemälde aus der Sammlung der Fürsten Borghese von Zöllnern unerkannt über die Grenzen Italiens gelangt war. Im "Deutschen Volksblatt" (Wien) erschien dazu am 29. März 1892 ein Artikel, der die Vorgehensweise entlarvte.

    Monatelang hatte man gerätselt, wie das Raffael-Gemälde aus der Sammlung der Fürsten Borghese von Zöllnern unerkannt über die Grenzen Italiens gelangt war. Im "Deutschen Volksblatt" (Wien) erschien dazu am 29. März 1892 ein Artikel, der die Vorgehensweise entlarvte.

  • Im April 1892 erschien – im Vorfeld der anberaumten Versteigerung – in der "Wiener Zeitung" ein Bericht zur finanziellen Situation des Fürstenhauses Borghese.
    foto: archiv/anno onb

    Im April 1892 erschien – im Vorfeld der anberaumten Versteigerung – in der "Wiener Zeitung" ein Bericht zur finanziellen Situation des Fürstenhauses Borghese.

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