Explosionen erschüttern Hafenmetropole in China

13. August 2015, 12:15
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Eine Feuersäule erleuchtete den Himmel. Unter den bisher 44 Toten sind ein Dutzend Feuerwehrleute – mehr als 500 Verletzte

Die grausame Nachricht bestätigte sich erst Stunden nach den gewaltigen Explosionen im Hafen-Containerlager in Pekings Nachbarstadt Tianjin: Auch zwölf Feuerwehrleute seien unter den 44 Toten, gaben Polizei und Krankenhäuser nach Angaben der Nachrichtenagentur Xinhua von Donnerstagmittag bekannt. Eine Reihe von Feuerwehrleuten gehörte auch zu den in den Krankenhäusern behandelten 520 Verletzten, von denen 66 um ihr Leben kämpften. Chinesische Reporter vor Ort aber hatten gehört, dass es noch mehr Opfer unter den Helfern geben würde. Allein 36 Feuerwehrleute seien seit den Explosionen vermisst, meldete die seriöse chinesische Nachrichtenwebseite "thepaper.cn."

foto: reuters / jason lee

Mancher im Internet fühlte sich an die Tragödie und an die Heldentaten der US-Feuerwehren nach dem Terroranschlag auf das New Yorker World Trade Center erinnert, die zur Hilfe anrückten, als die Zwillingstürme zusammenbrachen. Offenbar waren auch Tianjins Feuerwehrleute gerade zur Brandbekämpfung angefahren – mitten hinein in die enorme Druckwelle der Detonationen.

Mit Chemikalien beladene Container explodierten, ließen die Lagerhallen des Frachthafens für Gefahrengüter zusammenstürzen, zerstörten mehrere Löschfahrzeuge der Feuerwehr. Die zweite Explosion soll laut der Volkszeitung eine Sprengkraft von 21 Tonnen TNT gehabt haben. Die Druckwelle und Feuersbrunst war so gewaltig, dass auf einem Renault-Lagerplatz rund 1.000 geparkte Neuwagen völlig zerstört wurden und ausbrannten, meldete die "Beijing News".

foto: apa / epa / wu hong

Die Behörden konnten zur Ursache des Großbrandes und was für Gefahrengüter und Chemikalien in den Containern gelagert waren, noch keine Antworten geben. Das Frachtcontainer-Gelände, auf dem am Donnerstag noch vier Kleinbrände schwelten, war weiträumig abgesperrt. Die Polizei befürchtete neue Explosionen, falls sich weitere Container entzünden. Tianjin erhöhte die Zahl der den Brand bekämpfenden Feuerwehren auf 1.000 Einsatzkräfte und 143 Löschzüge. Vermutlich hochgiftige Schwaden ließen die Helfer aber auf Distanz bleiben.

Mit Trümmern übersäte Straßen

Internetvideos und Mikroblogs hatten als erste kurz vor Mitternacht auf Donnerstag eine riesige Feuersäule gezeigt, die den Himmel über den Industrievorort "Binhai New Area" der nordchinesischen Metropole erleuchtete, auf die dann die beiden Detonationen folgten. Im Morgenlicht zeigten die ersten verbreiteten Fotos gespenstische, mit Trümmern übersähte Straßen und Plätze mit ausgebrannten Autos. Es waren Szenen wie aus einem Bürgerkrieg. Das Lager für gefährliche Güter und Chemikalien habe über eine Fläche von 20.000 Quadratmetern gebrannt, schrieb die Volkszeitung.

Auch auf Videos in sozialen Netzwerken war der gewaltige, pilzförmige Feuerball zu sehen – und immer wieder von Glassplittern und Steine getroffene, blutende und unter Schock stehende Menschen.

foto: reuters / jason lee

Alle Krankenhäuser, besonders das nahe dem Explosionsort gelegene Taida-Krankenhaus, wohin allein 150 Verletzte gebracht wurden, organisierten Notdienste und forderten die Bevölkerung zum Blutspenden auf. Der Leiter des Taida-Hospitals sagte Xinhua, dass die meisten seiner Patienten von zerborstenem Glas und umherfliegenden Steinen verletzt worden seien.

Chinas Staatspräsident Xi Jinping und Premier Li Keqiang wandten sich am Donnerstagmorgen in Aufrufen an die Helfer, alles zur Rettung der Verwundeten und Bergung von noch Verschütteten zu tun.

Militärparade durch Peking

Xi forderte von den Behörden, "eine Lehre aus dem Unfall zu ziehen, die Sicherheitsüberprüfungen und den Umgang mit gefährlichen Chemikalien zu verschärfen". Das Explosionsunglück in der Peking benachbarten inzwischen fast 15 Millionen Bewohner zählenden Metropole hat Chinas Führung besonders alarmiert. Am 3. September will sie eine gigantische Militärparade durch Pekings Innenstadt ziehen lassen, um den 70. Jahrestag des Sieges über Japan und des Endes des Zweiten Weltkriegs in Asien zu feiern.

Peking hat enorme Sicherheitsvorkehrungen für die Hauptstadt und die umgebenden Nordprovinzen angeordnet, einschließlich der Nachbarstadt Tianjin. Kein Zwischenfall soll die Feierlichkeiten trüben oder gar gefährden. Der Pekinger Staatsrat setzte eine vom Polizeiminister geleitete Untersuchungsgruppe ein, um die Ursachen für Brand und Explosionen in Tianjin zu finden. Premier Li versprach, die Öffentlichkeit transparent zu informieren.

foto: reuters / jason lee

Der spezielle Containerfrachthafen im Tianjiner Vorort "Binhai New Area" war 2014 vom Pekinger Staatsrat unter die landesweit 60 gefährlichsten Orte für Produktion oder Lagerung von Chemikalien eingeordnet worden. Für diese Plätze gelten besondere Sicherheitsvorschriften. Als es am Mittwochabend dort brannte, wurden gleich neun Feuerwehrzüge geschickt.

Zu den beiden Explosionen kam es dann gegen 23.20 Uhr Ortszeit, also 18.20 Uhr MESZ. Ihre Wucht sei so stark gewesen, dass sie vom nationalen Erdbebenzentrum registriert wurden. Augenzeugen im Umkreis berichteten, wie die Druckwelle alle Fenster zerstörte und Türen aus den Angeln riss. Das Dach einer nahegelegenen Station der Stadtbahn, die das Binhai-Areal mit der Innenstadt verbindet, brach teilweise ein.

Firmenverantwortliche vernommen

Das Gefahrengutlager gehört zum internationalen Logistikumschlaghafen. "China Daily" berichtet, das für die Lagerung von Gefahrengütern zuständige Unternehmen habe eine Genehmigung dafür besessen und sei zuletzt im August 2014 überprüft worden. Die Firmenverantwortlichen wurden am Morgen von der Polizei vernommen. Xinhua veröffentlichte eine Kurzbeschreibung des 2011 gegründeten Unternehmens "Tianjin Dongjiang Port Rui Hai International Logistics Co". Es ist auf Containerlagerung und Auslieferung von Gefahrengütern am Hafen Tianjin spezialisiert. Es schlage pro Jahr eine Million Tonnen davon um.

foto: reuters / stringer

Aus China werden immer wieder Explosionen in Industrieanlagen gemeldet, die auf krasse Mängel der Arbeitssicherheit und laxe Kontrollen oftmals korrupter Behörden zurückgehen: Im Juli kamen 15 Menschen ums Leben, während mehr als ein Dutzend weitere verletzt wurden, als in der nördlichen Provinz Hebei ein illegales Lagerhaus für Feuerwerkskörper in die Luft flog. Vor einem Jahr starben 71 Menschen bei einer Staub-Explosion in einer taiwanesischen Unternehmern gehörenden Autoteilefabrik in Kunshan bei Shanghai. Die Untersucher stießen auf haarsträubende Sicherheitslücken. (Johnny Erling aus Peking, 13.8.2015)

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