Heinrich Heine und Gérard de Nerval: Die Straße der alten Laterne

20. August 2015, 12:05
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Die schwarze Sonne der Melancholie: fünfter literarischer Spaziergang durch Paris

Je suis en route, ich suche nach den Spuren einer Straße, die es nicht mehr gibt. Vor kurzem noch war ich in Saint- Germain-des-Prés, in der Kirche Saint-Sulpice. Dort hatte ich an einen Film denken müssen, hatte den Mittagsweiser gesehen und die große Hauptorgel auf der Westempore. Die Orgel geht zurück auf ein Instrument, das Heinrich Heine erblickt haben dürfte, als er in dieser Kirche am 31. August 1841 seine "Mathilde" heiratete. Ihr richtiger Vorname, Crescensia, habe ihm immer in der Kehle wehgetan, so Heine, sie rief ihn Henri, es wird ihr mit seinem Namen ähnlich ergangen sein.

Gut zehn Jahre vor der Hochzeit war Heine "ins Land des Champagners und der Marseillaise" aufgebrochen. Sein erster Eindruck: "Wahrhaft überrascht mich die Menge von geputzten Leuten." Er unterhält sich mit ihnen in leidlichem Französisch, unüberhörbar sein rheinischer Akzent. Doch er ist fest entschlossen zu bleiben. Einem Bekannten teilt er mit, er beabsichtige, "in der Bibliothek emsig zu studieren und nebenbei für die Verbreitung der deutschen Literatur, die jetzt in Frankreich Wurzeln schlägt, tätig zu sein". Er verdingt sich als Zeitungskorrespondent, besucht Theateraufführungen, trifft Kollegen: Hugo, Balzac, Gautier. Letzterer macht ihn wahrscheinlich mit seinem einstigen Klassenkameraden und Freund Gérard de Nerval bekannt, der einen Teil von Heines Lyrik übersetzt hat.

Nerval, elf Jahre jünger als Heine, zeigt bereits früh ausgeprägtes Interesse für die deutsche Literatur. Als 18-Jähriger übersetzt er Goethes Faust I, einige Jahre später macht er sich an den zweiten Teil der Tragödie. Er reist nach Deutschland, was in seinem Buch Lorely, Souvenirs d'Allemagne Niederschlag findet. Seine Ruhelosigkeit treibt ihn weiter – nach Österreich, Belgien, Ägypten, Syrien, in die Türkei und nach England.

Als er Heine kennenlernt, lebt Nerval in einer Sackgasse in der Nähe des Louvre. Er verkehrt mit Bettlern, Tagedieben und Dirnen, hält seine Eindrücke in Form von Zeitungsfeuilletons fest. Ein Vagabund und Nachtschwärmer ist er, auf dem Montmartre zu wohnen sein Jugendtraum, 1840 geht der Wunsch in Erfüllung. Er verliebt sich in eine Schauspielerin, ihrerseits nur ein Flirt, sie heiratet einen Musiker von der Opéra-Comique.

Das Scheitern seiner Liebe verarbeitet Nerval in der Erzählung Aurelia, Angstpsychosen und Wahnvorstellungen attackieren ihn, er begibt sich in Behandlung. Seine Freunde Heine und Gautier ermutigen ihn, er schreibt weiter, Erzählungen, Erinnerungen, Gedichte.

Von seinen Zeitgenossen wird Nerval kaum wahrgenommen, erst Rimbaud, Baudelaire und später die Surrealisten würdigen die Größe seines Schaffens. In diesem bilden Traum und Wirklichkeit eine Einheit. "Je suis le ténébreux", dichtet er, "ich bin der Dunkle", er bezeichnet sich als Aquitaniens Prinz, dessen Turm in Trümmern liegt; "ma seule étoile est morte", sein einziger Stern ist tot, und das Sternbild seiner Laute zeigt "le Soleil noir de la Mélancholie".

Voll Zorn beobachtet Nerval die Tätigkeiten des Architekten Baron Haussmann, der gerade damit beginnt, Paris ein Stadtbild zu geben, das bis heute erhalten ist. Und immer öfter versinkt er in seinem Wahn. Mit einem Hummer an der Leine streunt er durch die sich verändernde Stadt, das Tier sei artig und belle nicht, eröffnet er neugierigen Passanten.

Das Théâtre de la Ville ist eines der beiden Pariser Schauspielhäuser, die Georges-Eugène Haussmann entworfen hat. Man betritt es unweit der Place du Châtelet, an der Grenze zwischen erstem und viertem Arrondissement. Dort befand sich einst la Rue de la Vieille-Lanterne, in die sich Nerval in einer Jännernacht im Jahr 1855 begab, um seinem Leben ein Ende zu setzen: "suicide par strangulation".

Gérard de Nerval liegt auf dem Friedhof Père Lachaise begraben. Je suis en route. (Christoph W. Bauer, Album, 15.8.2015)

Gérard de Nerval, "Die Chimären und andere Gedichte". Hrsg. und übersetzt von Manfred Krüger. Zweisprachige Ausgabe. € 16,40 / 178 Seiten. Verlag freies Geistesleben, Stuttgart 2008

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