Es bleibt kompliziert: Lasst uns über den Schluss von "True Detective", Staffel 2 reden

Blog13. August 2015, 15:39
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Jetzt ist es vorbei. Aber klüger ist man am Ende auch nicht. Und die Gründe hierfür sind zahlreich

Vorweg: Da es ein Rückblick auf die zweite Staffel ist, liegt es in der Natur der Sache, dass gespoilert wird. Alle, die Staffel oder Ende noch nicht gesehen haben und allergisch auf Spoiler reagieren, sollten sich den Texten nur vorsichtig nähern!

Trotz unterschiedlicher Meinungen vereinte uns Diskutantinnen auch beim letzten Mal schon die Ratlosigkeit. Wenig hat sich seitdem geändert. Kompliziert ist der Plot geblieben, kompliziert auch die Beziehung der einzelnen Zuseherinnen zu Staffel II. Ein kurzer Blick ins Internet zeigt: Wir sind mit unserer Skepsis nicht allein. Hier nun nochmal vier Versuche, eine Beziehung vom Ende her zu betrachten:

foto: hbo
It's all over but the crying.

Daniela Rom hat Karrieretipps für Vince Vaughn und ist ansonsten ernüchtert

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Nach acht Folgen "True Detective" Staffel zwei ist meine nun genauso tot wie fast alle Hauptfiguren der Serie. Ich hatte ja wirklich noch Licht am Ende des Tunnels gesehen, als in der Staffelmitte mit der Riesenschießerei quasi die Serie auf Null gedreht wurde und es danach irgendwie besser voranging als in den ersten paar Folgen.

Die ganze Korruptionskiste so im Sand verlaufen zu lassen halte ich für eine Megaverschwendung. Gut, gut, am Schluss gibt's den Hinweis darauf, dass das eh alles noch irgendwie an die Oberfläche kommen wird. Aber dennoch: Der Mord an Caspere – erinnert ihr euch, das war der Anfang der Geschichte, die immer wurschter wurde, je länger es dauerte – war rein persönlich motiviert.

Dass der Mörder zum Schluss irgendwer war, an den ich mich gar nicht mehr erinnern konnte – wie auch, die Figur des Leonard kommt genau drei Sekunden irgendwann vor –, reiht sich in eine lange Wurst an seltsamen Entscheidungen ein. Wie man eine an sich gute Geschichte so versemmeln kann, versteh' ich ja eigentlich gar nicht.

Warum wir zum Beispiel Frank und seinem Leben überhaupt folgen mussten, erschließt sich mir nicht ganz. Für die Story war er völlig überflüssig, außer um zu erklären, warum Ray wen erschossen hat (den Doch-nicht-Vergewaltiger seiner Frau nämlich). Herrje, jede Erklärung zu irgendwas in dieser Staffel führt zu einer zehnzeiligen Abhandlung. Und wenn wir schon bei Frank sind: Vince Vaughn sollte weiter Weddings crashen oder mit Ben Stiller mehr oder weniger lustige Filme machen, mich konnte er jedenfalls in TD nicht überzeugen.

Zusammengefasst war diese Staffel eine Enttäuschung. Die Geschichte ist verworren (die Kollegen von "Slate" versuchen hier zu erklären, was der Plot ist – sehr langer Text, aber hilfreich), es gibt zu viele Haupt-, Neben-, Nebenneben- und Nebennebenneben-Charaktere; worum es wirklich geht, das hab' ich bis zum Schluss nicht verstanden. Woher kamen plötzlich diese Diamanten? Warum nur sterben alle? Warum schauen die immer so deppert? Warum gibt es den Charakter von Paul Woodrugh überhaupt? Warum tauchen plötzlich die bösen Mexikaner wieder auf und entführen Frank? Das fragt er sich ja auch und liefert so die beste Zusammenfassung für "True Detective" Season zwei: You? What the fuck is this?

foto: hbo
"Männer sind einsame Streiter / müssen durch jede Wand / müssen immer weiter." Im Fall von Frank: warum auch immer.

Michaela Kampl hat es wirklich versucht und setzt nun auf Pensionisten in Florida

Wirklich, ich hab' versucht, die zweite Staffel zu mögen. Habe bei jeder Folge gedacht, diesmal wird endlich klar werden, warum elendslang nichts passiert. Warum da Hinter- und Abgründe von Charakteren erzählt werden und was bitte eigentlich der Fall ist. Aber: nichts. Es blieb bis zum Ende eine bittere, verkrampfte, schlecht erzählte Quälerei.

Ja, es war ganz schön anzuschauen. Meistens zumindest. Aber dann konnte ich die ewigen Autobahnknoten aus der Luft nicht mehr sehen. Die Detektive und die Ganoven gingen mir auf die Nerven. Und zwar alles an ihnen: diese pathetischen Dialoge, diese bedeutungsschwangeren Anspielungen, diese Ach-wie-kaputt-wir-und-die-Welt-um-uns-doch-sind-Attitüde.

Nur so zwischendurch: Kann mir bitte außerdem wer erklären, warum Paul Woodrugh überhaupt in der Geschichte war? Der Kriegsveteran, der nicht zu seinem Schwulsein stehen kann, Vater wird, gerne auf den Autobahnen seinem Gefühlschaos davonfährt und am Ende erschossen wird. Alles sowas von wurscht für die Geschichte. Es war nur eine langweilige Nebengeschichte in einer langweiligen Hauptgeschichte.

Und dann dieser Fall, der dann zufällig geklärt wird. Es wirkte immer ein bisschen so, als sollte da was ganz Großes gelingen. Da wurden dann einfach sieben gute Ansätze in einen Topf geworfen und keiner hatte Zeit sich zu entwickeln. Alles war so halbgar und unüberlegt. Als Zuseherin bleibe ich ratlos zurück.

Aber nicht, weil dieser Sumpf aus Korruption und Verbrechen einfach nicht zu lösen ist, sondern weil die Staffel weder eine gute Kriminalgeschichte noch ein gutes Porträt einer Region ist. Es wollte, vermute ich, beides sein. Gelungen ist nichts davon. Vielleicht bin ich deswegen so enttäuscht, weil mir vorkommt, es gibt irgendwo Potenzial und das wurde mit jeder Folge ein klein wenig mehr vermasselt. Schade drum. Ich bin ähnlich wie ein Fangirl, dem das zweite schwierige Album nicht gefällt.

Schablonen- und klischeehaft waren auch diese Beziehungspaare: Frank und Jordan, das Gangsterpaar und dann Ray und Ani, das Polizistenpaar. Und natürlich immer die Unmöglichkeit einer Beziehung, denn für einen echten Mann ist ja eine Frau an seiner Seite eine Schwäche, weil er durch sie verwundbar wird. Das hat uns Spiderman schon erklärt und der war schließlich ein Superheld.

Ich tue mir schwer, eine klare Analyse zu schreiben, weil so viel auf so vielen Ebenen schiefging. Die Story, die Charaktere, die Dialoge – alles war so krampfhaft, so angestrengt, so ironiefrei. Schön waren die Hüte am Ende.

Trotzdem hoffe ich auf eine dritte Staffel. Die sollte irgendwo in Florida in einem Pensionistenheim spielen. Oder in Disneyland. Ich sehne mich nach lustigen Menschen in heller, freundlicher Umgebung. Und vielleicht fragen sie Spiderman, ob er eine Gastrolle übernimmt.

Fan-Fiction!

Doris Priesching fand zumindest die Auferstehung nicht schlecht

Die Geschichte ist verworren und hat mich nie gepackt. Die Figuren blieben farblos – es war einfach zu viel Drama! Der Versuch, die Vielfalt krimineller Kräfte in einem Schmelztiegel wie Kalifornien in der Tradition eines James Ellroy ins epische Fernsehen zu übertragen, ist meiner Meinung nach überhaupt nicht gelungen. Im besten Fall kann man die Vielzahl an Handlungssträngen als überambitioniert bezeichnen, im schlechtesten Fall einfach als nur nervig.

Einer der Autoren soll früher für "Miami Vice" geschrieben haben, ich hab' das nicht nachgeprüft, aber in der Kombination mit Colin Farrell wäre das natürlich eine Erklärung, warum alles sooo schön und so glatt gut und böse gezeichnet ist, sogar die Zwischentöne sind schwarz-weiß. Das muss man einmal hinkriegen. Die verschlungenen Autobahnen in Kalifornien als Metapher auf die Irrwege im Leben? Geh bitte.

Die weiblichen Hauptrollen sind desaströs besetzt, bewegen sich nur im Klischee, was ja ganz witzig sein könnte, wenn sich irgendwo ein Raum auftun würde, wo das rauskann. Den sehe ich aber nicht. Am schlimmsten war für mich die Beziehung zwischen Vince Vaughn und Kelly Reilly. Bubengehabe, anstrengend.

Es gab auch gute Momente: Ich mochte einzelne Sequenzen, die "Auferstehung" von Ray, nachdem er am Ende der zweiten Folge niedergeschossen worden ist, das hat mich in der Optik an "Twin Peaks" erinnert. Und der Soundtrack. Hat euch gar nichts gefallen?

Nic Pizzolatto ist nach außen hin übrigens nach wie vor zufrieden, HBO ebenso, was sehr für eine dritte Staffel spricht. Und was glaubt ihr, wird's die geben? Und wo wird sie spielen? Seattle, New Orleans, Poughkeepsie?

foto: hbo
Ach, keine Ahnung, irgendwo in Mexiko halt ...

Julia Meyer hat viel gelacht, möchte aber wirklich nicht mit Franks Frau abhängen

Dass ich mich nicht auskenne, finde ich nicht schlimm. Es könnte an meinen überschaubaren Englischkenntnissen liegen, es könnte an der Intention des Autors liegen, an der aktuellen Hitze oder daran, dass ich mir nicht die größte Mühe gegeben habe, dem Plot in seine Verästelungen zu folgen. Die anfänglichen Gerüchte, dass Pizzolatto "The Crying of Lot 49" beim Drehbuchschreiben im Kopf hatte, haben meinen Willen zum Verständnis nur noch mehr geschwächt. Pynchon liest man ja bitte auch nicht, um etwas zu verstehen. Aber Pynchon ist lustig. Ja wirklich, sehr. Er ist nicht ansatzweise harmlos, aber dabei lacht man. Und das ist kalkuliert und virtuos gleichzeitig.

"True Detective" war auch lustig, virtuos dann aber doch nicht, dafür harmlos und beim Kalkül bin ich mir unsicher: Wenn der Plan war, eine Satire auf den Film Noir, auf Westernfilme oder auch auf die erste Staffel zu schaffen, dann: Glückwunsch! Ich meine das echt nicht zynisch. I just don't know.

Im Gegensatz zu den Figuren hab' ich jedenfalls viel gelacht. Jedes Mal wenn Vince Vaughn die Stirn in Dylan-McKay-Gedächtnisfalten gelegt hat, wurde mir warm ums Herz. Also ständig, wenn Frank im Bild war. Jedes Mal, wenn der Möchte-nicht-gern-Gangster was gesagt hat, hatte ich Mitgefühl. Mitgefühl mit Vaughn, dessen Stimme so gar nicht zu dem passen wollte, was sie sagte.

Überhaupt waren die Stimmen beziehungsweise das Tempo der Dialoge mein Lieblingsaspekt. Sie waren so schön langsam, meditativ, ja beruhigend. Egal, was um die Figuren herum passierte, es wirkte, als würde im Hintergrund jemand die Sprechgeschwindigkeit mitklatschen, damit auch ja keiner ausbüxt.

"You're not a bad man", sagt Ani kurz vorm Ende zu Ray. Und sie hat insofern recht, als dass Farell wirklich tapfer durchgespielt hat. Jedem noch so blöden Cowboyhut, der ihm auf den Kopf gesetzt wurde, getrotzt hat. Auch Rachel McAdams hat Ausadauer bewiesen. Hat ertragen, dass sie, der weibliche Badass der Serie, am Schluss nicht mehr mitspielen darf und mit dem Kind der Liebe unterm Herzen auf ein rettendes Boot gesetzt wird. Und zu allem Überfluss jetzt nur noch mit Franks Frau abhängen muss. In Mexiko mit Sonnenhut in der Nacht. Rätselhaft. Farewell, every man has to die. (Michaela Kampl, Julia Meyer, Doris Priesching, Daniela Rom, 13.8.2015)

Ein Lachen war tatsächlich sehr verräterisch.
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