Judasohr und Eichhase sollen Glückspilze werden

13. August 2015, 07:00
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Jungunternehmer hegen in Tirol mehr als 400 Pilzkulturen aus aller Welt und träumen davon, Landwirte für den Anbau im großen Stil zu gewinnen

Wien – In den Wäldern sprießen die Eierschwammerl. Manch eifriger Sammler schleppt die Ernte kistenweise außer Landes, locken doch vor allem in Italien Spitzenpreise für frische Pilze. In Kärnten machen einmal mehr Bergwächter mit der eigens installierten Soko Schwammerl Jagd auf die Räuber. Zu solchen wird man bereits mit mehr als zwei Kilo im Körberl.

Mark Stüttler versteht den Hype um die Handvoll Pilzsorten nicht, um die in den Wäldern alle Jahre wieder ein Griss ist. Zumal gerade das Eierschwammerl kein kulinarischer Höhepunkt sei. Der Tiroler vergleicht sie mit der Kuh im Stall, über die hinaus sich kaum einer anderes Getier antue, obwohl die Vielfalt so groß sei. "Doch was der Bauer nicht kennt, isst er nicht."

Klingende Namen in den Brutstuben

Stüttler lebt von Pilzkulturen. 420 haben sein Bruder und er auf Reisen von Japan bis Russland gesammelt. Die beiden waren, wie er erzählt, die Ersten in Europa, die den Mandelpilz züchteten, der abseits der Küche in der Krebstherapie zum Einsatz komme. Mittlerweile misst ihr Labor in Innsbruck gut 800 Quadratmeter.

In seinen Brutstuben gedeihen Pilze mit klingenden Namen wie Judasohr, Schmetterlingstramete, Klapperschwamm, Raupenpilz und Eichhase. Stüttlers Traum ist es, Landwirte für den Anbau in großem Stil zu gewinnen. Angesichts sinkender Milchpreise wäre dies, wie er meint, eine ertragreichere Investition. Anders als in Holland sei der Pilz in Österreichs Landwirtschaftskammer aber ein Fremdkörper. "Wir leisten noch völlige Pionierarbeit." Stüttlers Hauptjob neben Forschung ist es, Produzenten und Konsumenten Pilzwissen zu vermitteln.

In Ungarn ziehen und trocknen Vertragsbauern für ihn Pilze, die in Reformhäusern hierzulande als Nahrungsergänzungsmittel zu haben sind. Ein Partner in Österreich hat sich auf die Zucht von Biochampignons spezialisiert.

Pilze statt Styropor

Das Geschäftspotenzial für Pilze geht freilich weit über den Lebensmittelhandel hinaus. Stüttler erzählt vom Einsatz als Dämmmaterial, Styroporersatz und im Recycling. Sie zersetzten Holz ebenso wie Giftstoffe und kämen in der Medizin genauso zum Tragen wie in der Psychotherapie. Im Pflanzenbau sorgten sie für höhere Erträge und gesündere Böden. Abgesehen davon seien sie ein Blickfang in Gärten: Leuchtpilze etwa, die im Dunklen bizarr schimmern.

Stüttler ist 32. Vor acht Jahren gründete er das Mushroom Research Center. Die Produktion lagerte er in einen weiteren Betrieb aus und schuf die Marke Tyroler Glückspilze. Ihm zur Seite stehen Privatinvestoren, einer davon besitzt ein Wiener Bestattungsunternehmen. Die Assoziation mit irregeleiteten giftigen Schwammerln lässt Stüttler schmunzeln. Nein, seine Pilze könnten der Branche nur damit dienen, die Knochen in Friedhöfen rascher zu zersetzen.

Losgelegt hat der Tiroler in ei- ner Studenten-WG. Fragen auf der Uni, wie sich Pilze vermehren lassen, blieben unbeantwortet. Also versuchten es sein Bruder und er mit Überdrucksystem und Reinraumfilter selbst mit der Zucht. "Mittlerweile können wir in Tirol alles pflanzen, was auf dem Weltmarkt gehandelt wird." Dass er der Uni erst den Rücken kehrte, bevor er nun wieder mit ihr zusammenarbeitet, hat er nie bereut. "Sonst würden wir heute noch vor Hefe- und Schimmelpilzen sitzen."

Rückschläge in der Forschungsarbeit drohen immer wieder. Finanziell braucht es einen langen Atem. Geld von den Banken gab es für die Jungunternehmer, die mittlerweile zu fünft sind, nie. 2014 erhielten sie Kapital über Crowd- funding. Im September startet ein weiterer Anlauf für Schwarmfinanzierung. Ziel ist es, mit Nahrungsergänzungsmitteln made in Austria ein Gegengewicht zu Importen aus Asien zu schaffen.

Asiaten schlagen Europäer

Illusionen, rasch einen großangelegten Handel mit frischen Pilzen aufzuziehen, gibt sich Stüttler nicht hin – auch wenn auf einem Hektar eine Ernte von 800 Tonnen im Jahr möglich wäre, das Vielfache von Erdäpfeln. Er dürfe nicht alles auf einmal angehen, "sonst zerreißt es uns". Auch die Ernährungsgewohnheiten ändern sich nur langsam. 2,5 Kilo Pilze verzehren die Österreicher im Jahr im Schnitt. Asiaten kommen auf bis zu 75 Kilo, Engländer auf 13 Kilo.

94 Prozent des österreichischen Bedarfs deckt Importware. Zu den raren Ausnahmen zählen Marchfelder Kräuterseitlinge und Austernpilze. Champignons gedeihen hierzulande im kleinen Rahmen. Und Stüttler hält auch die Zucht von Eierschwammerln durchaus für möglich. Allein es reizt ihn nicht: Aufgrund der Monokultur an Fichten gebe es deren in den Wäldern ohnehin genug. (Verena Kainrath, 13.8.2015)

  • Der Bio-Reishi, wie er vor allem in China und Japan leibt und lebt: Die Österreicher verzehren jährlich im Schnitt 2,5 Kilo Pilze, 96 Prozent davon sind Importware.
    foto: tyroler glückspilze

    Der Bio-Reishi, wie er vor allem in China und Japan leibt und lebt: Die Österreicher verzehren jährlich im Schnitt 2,5 Kilo Pilze, 96 Prozent davon sind Importware.

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