Impulstanz: So bunt und schön tanzt das neue Schwarz

12. August 2015, 16:51
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In der Hölle der Leere beim Festival Impulstanz: Florentina Holzinger und Vincent Riebeek präsentieren erstmals ihren "Schönheitsabend", Sergiu Mathis in der [8:tension]-Reihe sein Trio "Explicit Content"

Wien – Der Titel dieses Stücks ist so lästerlich wie gut und wahr: Schönheitsabend. Florentina Holzinger und Vincent Riebeek präsentieren im Kasino am Schwarzenbergplatz ihre neue gemeinsame Arbeit – als einen der letzten Soll-Höhepunkte der diesjährigen Impulstanz-Ausgabe. Sind die Österreicherin und der Holländer wirklich zu einem solchen gekommen?

Zu Beginn tritt Holzinger als die Figur der Sobeide aus Michail Fokins Ballett Scheherazade auf, und Riebeek ist ihr Lieblingssklave. Der Einakter war 1910 in Paris von den berühmten Ballets Russes uraufgeführt worden. Darin zeigte vor allem Vaslav Nijinsky sein Können, und mit ihm Ida Rubinstein als kühle und elegante Sobeide. Eine Steilvorlage für das Tänzerduo beim Schönheitsabend. Doch das wird bewusst in Kauf genommen, denn hier geht es um die Entblößung des zur Jahrhundertwende hip gewesenen Orientalismus.

Im zweiten Teil des dreiaktigen Schönheitsabends geht es um die Nähe der künstlerischen Existenz zum Wahnsinn, und im dritten ereignet sich eine Apotheose der Liebe. Entschlossen wird dem Kitsch von einst der Kitsch von heute entgegengehalten, werden Nijinsky und Rubinstein mit Anklängen an die berühmte Nackttänzerin Anita Berber und ihren Partner Sebastian Droste tiefergelegt.

Bis ins Detail perfekt gestylt, wollen sich auch Florentina Holzinger und Vincent Riebeek als erschütterndes Tanzpaar beweisen. Also turnen sie nach ihrem etwas zähen orientalischen Tanz wesentlich geschickter am Reck und wenden anschließend einen Umschnalldildo an. Mit diesem dringt Sobeide Holzinger hinterrücks tief in den Stoff ein, aus dem Lieblingssklave Riebeek geschaffen ist. Letzterem wird dann von Impulstanz-Pressemann Joachim Kapuy der Hals aufgesäbelt, woraufhin Erstere mit ironischem Pathos sich von eigener Hand entleibt. Kapuy verkörpert tapfer den Harem- und Sklavenkiller-König Schirar aus Fokins Ballett: ein schönes Beispiel für Mitmach-Institutionskritik im zeitgenössischen Tanz.

Von ihrem poppig kritischen Ansatz haben sich Holzinger und Riebeek gleich nach ihrem ersten gemeinsamen Stück Kein Applaus für Scheiße verabschiedet und sind ins queere Fach der opulent-dekadenten Bilderperformance übergewechselt. Das passt perfekt zu dem Scheherazade-Werk und zu dem verkorkst-libertären Paar Berber/Droste. Und es führt dem Publikum vor Augen, wo es heute steht: Das Spiel der indirekten Erotik hat auf so gut wie allen Gesellschaftsebenen distanzloser Direktheit und damit blanker (eben auch im übertragenen Sinn) Pornografie Platz gemacht.

Dem entsprechend bedienen sich Holzinger und Riebeek einer überbordenden Buntheit, die hier zum neuen Schwarz wird, und einer barocken Fülle, die eine Übersteigerung von Leere darstellt. Die Herausforderung für das Publikum liegt in der Ambivalenz dieses Schönheitsabends. Florentina Holzinger erklärt auf der Bühne: Ja, sie wolle Riebeek, der schon etliche Male um sie angehalten habe, jetzt heiraten. Sie hätte aber auch sagen können: Ja, sie wolle, nach etlichen Malen Ablehnung, jetzt doch eine karierte Strumpfhose anziehen. Eine bittere Szene in allersüßesten Farben.

Das wahre Innenleben dieser Schönheitshölle scheint übrigens der junge, aus Rumänien stammende Choreograf Sergiu Mathis in seinem Trio Explicit Content bei [8:tension] im Schauspielhaus darzustellen. Hier bewegen sich zwei Männer und eine Frau eine Stunde lang wie mit Fleisch überzogene Maschinen: In ständiger Unruhe führen sie eine Umkehrung des technischen Cyborg und den Tod der Cyborgfigur von Donna Haraway vor. Keine Reflexion oder Geschichte, keine Gefühle und kein Kontakt zueinander. Was bleibt, ist angespanntes Entleertsein. (Helmut Ploebst, 12.8.2015)

"Schönheitsabend": Kasino am Schwarzenbergplatz, 12. + 13. 8.; "Explicit Content": Schauspielhaus, 12. 8.

  • Tiefergelegter "Scheherazadeh"-Nackttanz in Florentina Holzingers und Vincent Riebeeks (li.) neuem Stück "Schönheitsabend": Sobeide, die Lieblingsfrau des Sultans, widmet sich auf Augenhöhe ihrem Lieblingssklaven.
    foto: karolina miernik

    Tiefergelegter "Scheherazadeh"-Nackttanz in Florentina Holzingers und Vincent Riebeeks (li.) neuem Stück "Schönheitsabend": Sobeide, die Lieblingsfrau des Sultans, widmet sich auf Augenhöhe ihrem Lieblingssklaven.

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