Britischer Kulturkampf ums Moorhuhn

13. August 2015, 07:00
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Auf der Insel hat die Jagdsaison für das Moorhuhn begonnen. Heuer wird das Traditionsschießen allerdings von Protesten begleitet

Nur in den für Nordengland und Schottland so typischen Heidemooren kann Lagopus lagopus scoticus, das schottische Moorschneehuhn, überleben. Das macht den "Glorious Twelfth", den "herrlichen zwölften August", zu einem noch besondereren Tag für die britische Aristokratie und Hochfinanz. Gäste aus der ganzen Welt haben sich für die an diesem Tag begonnene Jagdsaison für das Moorhuhn angemeldet.

Finanzstarke Hedgefondsmanager hoffen durch einen erfolgreichen "shoot" auf den gesellschaftlichen Aufstieg. Russische Oligarchen haben schottische Schlösser aufgekauft, um sich ein Revier zu sichern. Die Jagd auf das Moorhuhn, das durch rasanten Aufstieg und unberechenbaren Zickzackflug den Schützen zu entkommen sucht, gilt als das "feinste Schießen in der Welt". Außerdem schmeckt der Vogel, da er sich ausschließlich auf würziger Heide ernährt, auch ausgesprochen gut.

1070 Hühner an einem Tag geschossen

Seit 1831 ist das Datum für den Beginn der Jagdsaison gesetzlich festgelegt. Ein billiges Vergnügen ist die Moorhuhnjagd nicht. Für eine typische Jagdgesellschaft von acht Schützen kostet ein Tag leicht und locker 15.000 Pfund. Je mehr Federvieh vom Himmel geholt wird, desto teurer wird es. Exzesse früherer Zeiten vermeidet man heutzutage. Lord Walsingham, bis heute Rekordhalter, schoss im Jahre 1888 auf Blubberhouse Moor in der Grafschaft Yorkshire an einem einzigen Tag 1070 Hühner.

Für die rund 800 Jagdreviere im Königreich ist die Moorhuhnjagd eine nicht zu unterschätzende Einnahmequelle. Allein in Schottland generiert der Sport jährlich mehr als 40 Millionen Pfund für die Volkswirtschaft und sorgt für tausende Arbeitsplätze. Anders als bei Fasanen, die speziell für die Jagdsaison gezüchtet werden, ist das beim Moorhuhn, das in Gefangenschaft nicht überleben kann, nicht möglich. Man kann nur auf gutes Wetter hoffen und die natürlichen Feinde des Moorhuhns kurzhalten. Was Letztere angeht, war man wohl zu erfolgreich. Die Hegemeister auf den privaten Ländereien sind der Kornweihe, einem Raubvogel, der sich bevorzugt von Moorhühnern ernährt, derart auf den Leib gerückt, dass 2013 erstmals kein einziges Kornweihenpaar im Königreich erfolgreich gebrütet hat. Jetzt sind die Fronten verhärtet.

Demos gegen die Moorhuhnjagd

Der Vogelschutzverband RSPB rief dazu auf, das Moorhuhnschießen nur unter strengen Lizenzen zuzulassen. Die Supermarktkette Marks & Spencer erklärte, die Delikatesse nicht mehr anbieten zu wollen. In den Tagen vor Saisonbeginn kam es zu zahlreichen Demonstrationen gegen den "Blutsport".

Es droht sich ein ähnlicher Kulturkampf zu entfachen wie vor zehn Jahren, als die altehrwürdige Fuchsjagd zu Pferde verboten wurde. Damals wie auch heute steht hinter dem Streit der Konflikt zwischen zwei konträren Formen des Selbstverständnisses: hier die altmodische Oberschicht mit ihrem Traditionssport, dort das moderne England, das diesen Zopf am liebsten ein für alle Mal abschneiden will. Man darf sicher sein: Der Streit wird weitergehen. (Jochen Wittmann aus London, 13.8.2015)

  • Rund um die Moorhuhnjagd tobt derzeit ein Streit zwischen Stadt und Land, zwischen dem liberalen und dem konservativen England. Ein Ende dieses Konflikts ist nicht in Sicht.
    reuters

    Rund um die Moorhuhnjagd tobt derzeit ein Streit zwischen Stadt und Land, zwischen dem liberalen und dem konservativen England. Ein Ende dieses Konflikts ist nicht in Sicht.

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