"Show Me A Hero": Sumpf der Kommune

13. August 2015, 09:30
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1988 sollten schwarze Bewohner einer US-Stadt in ein Viertel mit weißen Mittelständlern ziehen. Es folgte eine Hexenjagd, die David Simon verfilmte

Wien – Politik ist in Fernsehserien mehrheitlich ein schwieriges Geschäft: Sie kann tödlich sein wie in House of Cards, hysterisch wie in Veep, aufregend wie in The West Wing, trickreich wie in Borgen. Oder sie ist wie in David Simons Serien: eine ziemlich komplizierte Sache.

foto: hbo / sky
Oscar Isaac (li.) spielt den Jungpolitiker Nick.

Nach der Polizeiserie The Wire und dem Postkatastrophenepos Treme bearbeitet der 55-jährige Ex-Journalist in der Miniserie Show Me A Hero einmal mehr die Sümpfe US-amerikanischer Kommunalpolitik. HBO zeigt die erste von sechs Folgen kommenden Sonntag, tags darauf ist sie auf mobilen Diensten von Sky zu sehen und Anfang 2016 synchronisiert auf Sky Atlantic HD.

Offener Rassismus

Für Nick Wasicsko (Oscar Isaac) läuft es gerade ziemlich gut. Mit 28 Jahren ist er drauf und dran, jüngster Bürgermeister von Yonkers werden, einer Stadt mit rund 200.000 Einwohnern im US-Bundesstaat New York. Die Mehrheit der Bewohner ist weiß, es gibt afroamerikanische Gemeinden und Hispanics. Sie leben nicht miteinander, sondern nebeneinander. Wir schreiben das Jahr 1988.

melvin guerrero
HBO-Trailer von "Show Me A Hero"

Die Ruhe in diesem verdeckten Apartheidsystem wird durch ein gerichtlich verordnetes Wohnhausprojekt gestört: Ein Sozialbau soll mitten im weißen Mittelschichtsviertel alle Rassen und Herkünfte zusammenbringen.

Was folgt, ist eine Hexenjagd, die sich genau so zugetragen hat. Show Me A Hero basiert auf einer Reportage mit dem gleichlautenden Titel der New-York-Times-Journalistin Lisa Belkin. Untertitel: „Eine Geschichte von Mord, Selbstmord, Rassismus und Rache“. Oder, wie es der Rolling Stone formuliert: „Eine amerikanische Tragödie in sechs Akten.“

„Ich will Geschichten erzählen, die es wert sind, erzählt zu werden“, sagt Simon. Das macht er seit Beginn seiner beruflichen Laufbahn, erst als Reporter in Baltimore, später als Erfinder von Serien, die bis heute als die besten gelten.

hbo
Das Making Of von "Show Me A Hero".

Wie in Generation Kill, Homicide, The Wire und Treme entwickelt Simon in Show Me A Hero die Geschichte mit Bildern die journalistischen Reportagen gleichen, einem Cast mit mehr als 380 Sprechrollen, virtuos aneinander gereihte Handlungsstränge und einer Reihe prominenter Hauptdarstellern: James Belushi als Wasicskos schwergewichtiger Gegenspieler, Winona Ryder als kämpferische Stadträtin sowie Jon Bernthal (The Waking Dead) und Alfred Molina (Murder on the Orient Express).

Einfalt und Vielfalt

Die so typisch amerikanische Einfalt in der Viefalt sieht Simon besonders im US-Kommunenwesen offen dargelegt, wo im Kleinen zu sehen ist, was das Land stark macht – sein unerschütterlicher Optimismus. Und womit es im Geheimen kämpft: Rassismus, Gier, Korruption, Frauenverachtung.

Dass die Geschichte in den 1980ern spielt, ist nur an der Ausstattung zu erkennen und an der Tatsache, dass Rauchen in Lokalen noch möglich war. „Vor zehn Jahren wäre ein solches Projekt noch auf große Zustimmung gestoßen“, sagt ein schwarzer Stadtrat. Heute wisse man: „Sie wollen nicht mit uns leben. Warum sollten wir mit ihnen leben wollen?“

foto: hbo / sky
Nick sieht sich mit Gier, Rassismus und Korruption konfrontiert.

Gut platzierte Nummern von Bruce Springsteen runden den Eindruck ab, dass wieder mit großer Sorgfalt inszeniert wurde. Vielleicht etwas zu gewissenhaft, denn es geht manchmal recht zäh ab im Gemeinderat.

Doch in Wahrheit ist das Jammern auf hohem Niveau. Oder um es mit David Simon zu sagen: „Nicht alles ist The Wire.“ Und Vergleiche hinken sowieso.

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