FC Ingolstadt: Vier Ringe müsst ihr sein

13. August 2015, 09:55
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Elf Jahre nach Vereinsgründung debütiert der FC Ingolstadt in der deutschen Bundesliga. So schnell nach oben gebracht hat ihn der Automobilhersteller Audi. Die Volkswagen-Tochter ist Anteilseigner und Großsponsor. Doch gegen das Label des Werksklubs wehren sich die Vereinsfunktionäre

Die Euphorie ist unübersehbar. Der Fanshop ist zum Bersten voll, die Schlangen vor den Ticketschaltern sind lang, und Ingolstadt-Trainer Ralph Hasenhüttl will mit dem Grinsen einfach nicht aufhören. 2.000 Zuschauer sind am 28. Juni zum Trainingsauftakt des Bundesliga-Aufsteigers gekommen, um die Mannschaft zu feiern. Zuvor werden Spieler und Trainerteam einzeln vorgestellt. "Hasenhüttl, Hasenhüttl, hey, hey!", schallt es durch das Stadion am Rande Ingolstadts.

Gemischte Gefühle

Doch die Vorfreude ist nicht überall angekommen. Mainz-05-Manager Christian Heidel warnte letzte Saison gar vor einem Aufstieg der bayrischen Mannschaft. "Ich weiß nicht, ob Ingolstadt gegen Hoffenheim das Land elektrisiert", sagte er im Interview mit dem Kicker. Heidel verwies damit nicht nur auf den kleinstädtischen Charakter des Vereins, sondern auch auf den finanzkräftigen Sponsor der Ingolstädter: Audi. Die Tochter des Volkswagen-Konzerns hält seit 2013 über die quattro GmbH 19,94 Prozent der Vereinsanteile, das Stadion gehört einer weiteren Audi-Tochter.

Entstanden war der FC Ingolstadt 2004 aus der Fusion zweier lokaler Vereine, dem ESV und dem MTV, unter Federführung des Unternehmers Peter Jackwerth. Innerhalb von elf Jahren schaffte der Klub den Aufstieg aus der damals viertklassigen Bayernliga in die Bundesliga. Die Erfolgsgeschichte des Vereins ist ohne den Automobilhersteller nicht zu denken, gegen das Werksklubimage wehren sich die Vereinsverantwortlichen jedoch beharrlich. "Man muss sich ja nur im Stadion umsehen, um zu merken wie präsent Audi ist", sagt Flo von der "Black Red Company", einem der drei großen Fanklubs des Vereins. "Aber das ist kein Vergleich zu dem, was bei anderen Vereinen passiert."

Vorsprung durch Pressing

Denn das Budget des FC Ingolstadt bewegt sich am unteren Ende der Bundesliga-Tabelle. Laut Berichten der Welt bestreiten die Ingolstädter die kommende Saison mit einem Spieleretat von 18 bis 20 Millionen Euro. Das ist zwar mehr als doppelt so viel wie in der letzten Spielzeit, hätte in der Vorsaison aber nur für Rang 16 in der Bundesliga gereicht. Auch auf dem Transfermarkt tritt der Verein nicht gerade aggressiv auf. Markus Suttner kommt von der Wiener Austria und zählt neben Elias Kachunga vom SC Paderborn zu den prominentesten Zugängen. Die kolportierten Ablösesummen liegen für Kachunga bei 1,5 Millionen, bei Suttner unter einer Million Euro. Die Verpflichtung des Österreichers signalisiert, wie stark der Verein auf Scouting setzt. "Markus Suttner passt als linker Außenverteidiger mit starkem rechten Fuß perfekt ins Anforderungsprofil", sagt Trainer Hasenhüttl beim Trainingsauftakt. Der junge Klub will sein modernes Image auch auf dem Platz transportieren. Der Meistertitel in der zweiten Bundesliga war der Lohn für Hasenhüttls aggressives Angriffspressing und das schnelle Umschaltspiel. "Ich bin neugierig, wie weit es mit unserer Art Fußball zu spielen gehen kann", sagt der gebürtige Grazer. Wie der Stil auch in der Bundesliga aussehen soll, wird beim Trainingsauftakt schnell ersichtlich. Eine gute halbe Stunde spielt die Mannschaft in zwei Teams gegeneinander. Die Spieler halten sich kaum zurück, es fallen viele und schöne Tore.

Modern wie das Spiel ist auch der Audi-Sportpark, die Heimat des FC Ingolstadt. Als der Verein 2008 erstmals in die zweite Bundesliga aufstieg, erhielt er für die damalige Spielstätte, das ESV-Stadion, nur eine zweijährige Sonderspielgenehmigung. Die Reaktion war der Bau des neuen Stadions, das im Juni 2010 eröffnet wurde. Auf dem Gelände wurden zudem zwei Trainingsplätze und Büroräumlichkeiten errichtet. Die Gebäude, die sich architektonisch so gar nicht in das umliegende Brachland einfügen wollen, sind simple funktionale Betonbauten. Zudem verfügt der Verein über ein Nachwuchsleistungszentrum, das vom DFB mit drei von drei möglichen Sternen bewertet wird.

Der dritte Weg

Trotz aller Bemühung, sich dynamisch und innovativ zu geben, hat der Verein noch immer mit geringem Zuschauerinteresse zu kämpfen. Mit durchschnittlich 9.932 Besuchern lag Ingolstadt in der abgelaufenen Saison im Ligavergleich nur auf Rang 14. In seiner Geschichte war der 15.445 Plätze fassende Audi-Sportpark erst dreimal ausverkauft. "Am Anfang haben wir sehr viel Platz in der Kurve gehabt", sagt Flo. "Erst, als das mit dem Aufstieg konkret wurde, sind mehr Leute ins Stadion gekommen. Auch auf den Auswärtsfahrten war dann etwas mehr los." Der Verein hofft, diese Euphorie in die neue Liga mitzunehmen – schon in der Winterpause verkaufte er mehr Dauerkarten als zum letztjährigen Saisonbeginn. Mit zwei Klubs in München, dem FC Nürnberg und dem FC Augsburg gibt es im Umkreis von nicht einmal 100 Kilometern jedoch gleich vier Konkurrenten, die mehr Zuschauer anziehen. Dennoch will sich der Verein nun als regionale Marke etablieren. Die "Schanzer" – die Bezeichnung für die Einwohner Ingolstadts – sind als Spitzname im Stadion und auf dem Vereinsmerchandise omnipräsent. Der im Sommer akquirierte Trikotsponsor ist ebenfalls regional: Die Media-Saturn-Gruppe hat ihren Sitz ebenso wie Audi in Ingolstadt.

Der Automobilhersteller begleitet den Verein fast seit seiner Gründung. 2006 wurde er Hauptsponsor. 2013 verkaufte Gründer Peter Jackwerth seine Vereinsanteile an Audi, auch an wichtigen Stellen innerhalb der Klubstrukturen wird der Einfluss des Autoherstellers schnell sichtbar. Der Aufsichtsratsvorsitzende Frank Dreves war von 1982 bis zu seiner Pensionierung 2014 bei Audi und in anderen Bereichen des VW-Konzerns tätig. Überhaupt ist die Mehrheit des Vereinsgremiums eng mit dem Autohersteller verbunden. Der regionale Bezug des Sponsors beschwichtigt jedoch viele Fans. "Die Stadt Ingolstadt ist von Audi abhängig, da brauchen wir nicht drumherumreden", sagt Flo. "Dass sich ein lokales Unternehmen finanziell engagiert, finde ich nicht verwerflich." Ohnehin sei die Abhängigkeit vom Verein überschaubar, wie auch Trainer Hasenhüttl festhält: "Wir verstehen uns weder als Werksklub noch als Traditionsklub. Wir sind ein junger Verein mit einer Vision."

Abgefedertes Risiko

Die Realisierung dieser Vision liegt auch im Interesse des Autoherstellers, denn von einer größeren Präsenz profitiert der Sponsor. "Bei einem Aufstieg wäre ja der Werbewert höher, die TV-Präsenz höher – also die Gegenleistung, die wir einkaufen", sagte Martin Wagener, der für Audi im Ingolstadt-Aufsichtsrat sitzt, dem Onlineportal JP4. "Aber wir holen als Audi nicht den Geldsack raus, wenn der FC Ingolstadt neue Spieler benötigt. Das sind Märchen." Dennoch kann der Verein auch in der Bundesliga ein gewisses Risiko eingehen. "Wir können im Winter noch nachrüsten", so Jackwerth, der heute Vereinsvorstand ist. "Im Fußballgeschäft gibt es immer den Moment, an dem man sich auf Gefahren einlassen muss."

Noch formuliert der Aufsteiger seine Ziele allerdings bescheiden. "Wir wissen, dass wir der Underdog in der kommenden Saison sind", sagt Hasenhüttl am Rande des Trainingsauftakts. "Aber wir freuen uns hier alle auf diese Rolle. Wir wollen eine Bereicherung für die Liga sein." Im ersten Jahr lautet die Mission Klassenerhalt, die Vorbilder sind klar. "Wir wollen uns jetzt in der Bundesliga etablieren, ähnlich wie Mainz das geschafft hat", sagt Jackwerth. Den kleineren Klubs, die in den letzten drei Jahren den Aufstieg in die Bundesliga geschafft haben, ist das allerdings nicht gelungen. Eintracht Braunschweig, der SC Paderborn und Greuther Fürth sind nach jeweils einer Saison wieder abgestiegen. Fürth kämpfte nach dem Abstieg vor zwei Jahren heuer bis zum letzten Spieltag gegen den Absturz in die dritte Liga. Ein solches Risiko gibt es in Ingolstadt wohl nicht, dafür ist der Verein zu gut abgesichert – von Audi, ganz regional. (Moritz Ablinger & Martin Hanebeck, 13.8.2015)

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