Nestlé: Maggi-Krise weitet sich aus

12. August 2015, 12:26
135 Postings

In der Maggi-Affäre erhöht Indien den Druck auf Nestlé: Nach dem Verkaufsverbot für die beliebten Tütennudeln will die Regierung nun 90 Millionen Euro Schadenersatz

Mit dem Slogan "Taste Bhi Health Bhi", übersetzt etwa "Ebenso schmackhaft wie gesund", pries Nestlé in Indien jahrelang seine Maggi-Tütennudeln an. Der vollmundige Werbespruch könnte den Konzern nun teuer zu stehen kommen. Bereits Anfang Juni hatte Nestlé das beliebte Fertiggericht vom Markt nehmen müssen, weil Tester angeblich erhöhte Blei- und Glutamatwerte fanden. Nun verlangt Indiens Regierung auch noch Schadenersatz in Höhe von umgerechnet etwa 90 Millionen Euro – wegen Irreführung.

Der Schritt ist beispiellos und könnte zum Präzedenzfall werden: Laut Medien ist es das erste Mal, dass Indien einen internationalen Konzern im Namen der Verbraucher belangen will. Die Regierung habe ein Verfahren beim Nationalen Verbrauchergericht NCDRC, das Strafen verhängen kann, gegen den indischen Ableger des Schweizer Konzerns eingeleitet, berichteten Medien. Die Anhörung könnte am Freitag beginnen.

Rückschlag für den Konzern

Dies bedeutet einen weiteren Rückschlag für den Konzern, der bisher unangefochtener Marktführer in Indien bei den Instantnudeln war. In der Beschwerde wirft Indien Nestlé "unfaire Handelspraktiken" vor. Das Unternehmen habe die mutmaßlich mit Blei und dem Geschmacksverstärker Glutamat belasteten Nudeln als gesundes Gericht beworben. Damit habe Nestlé die Käufer "vorsätzlich" in die Irre geführt und ihre Gesundheit gefährdet.

Über 30 Jahren genossen die krausen "2-Minuten-Nudeln" in den bunt-gelben Plastiktüten fast Kultstatus in Indien. Sie befreiten vom langen Kochen, wie es die traditionelle Küche verlangt. Die "Maggi-Mom" wurde zur Symbolfigur der modernen Frau, die Haushalt und Job unter einen Hut bringt. Ganze Generationen von Kindern wurden mit Maggi groß, auch für die Armen waren die praktischen Tütennudeln erschwinglich.

Doch die Erfolgsstory endete abrupt in diesem Sommer, als staatliche Tester in Indien erhöhte Blei- und Glutamatwerte fanden. Anfang Juni untersagte die Lebensmittelaufsicht Nestlé daraufhin die Herstellung und den Verkauf des Kultgerichts auf dem Subkontinent. Inzwischen wurden Millionen Tüten Maggi-Nudeln vernichtet, obwohl Nestlé versichert, die Produkte seien sicher.

Kampf um den guten Ruf

Der Konzern kämpft nun in Mumbai vor Gericht um seinen Ruf und gegen das Verbot. Tatsächlich bleiben die Befunde widersprüchlich. Laut Medien haben eine Reihe von Laboren in Indien erhöhte Blei- und Glutamatwerte festgestellt. Nestlé selbst und auch Labore in Großbritanniens, den USA und Singapur wollen dagegen keine Mängel festgestellt haben: Die Bleiwerte seien innerhalb der erlaubten Grenzen geblieben.

Indiens Nahrungsmittelbehörde blieb jedoch bei ihrem Bann. Wird Nestlé zur Zahlung von Schadensersatz verdonnert, soll das Geld in einen Verbraucherschutzfonds fließen. Bereits jetzt schlägt das Nudel-Fiasko auf die Bilanzen durch. Nestlé India rutschte im zweiten Quartal 2015 in die roten Zahlen. Der Anteil am Konzernumsatz fällt zwar kaum ins Gewicht, aber der Imageschaden für Nestlé wiegt schwer. Es wird für Nestlé nicht leicht, mit der Marke Maggi in Indien das Vertrauen der Verbraucher zurückzuerobern. (Christine Möllhoff, 12.8.2015)

  • Mitarbeiter des Schweizer Lebensmittelriesen in einem indischen Forschungs- und Entwicklungslabor.
    foto: ap/topgyal

    Mitarbeiter des Schweizer Lebensmittelriesen in einem indischen Forschungs- und Entwicklungslabor.

Share if you care.