Eine Kur für das System

Kommentar11. August 2015, 18:34
145 Postings

Der Hauptverbandschef stößt eine Diskussion an, die anders zu führen wäre

Peter McDonald ist ein Meister der wohlkalkulierten Provokation. Er leitet seine Statements gerne mit der Versicherung ein, dass er das Sozialsystem ja nicht infrage stellen wolle – was ihm als Chef des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger ohnehin niemand unterstellen würde. Dann sagt er in aller Liebenswürdigkeit, dass er ja auch an den Leistungen nicht rütteln will – um dann genau ebendas doch zu tun. Am Beispiel der Kuraufenthalte hat er das in den vergangenen Tagen vorexerziert: Die Kur wolle er natürlich nicht abschaffen, versicherte er. Nur halt jene Art von Kur, wie sie die Österreicherinnen und Österreicher seit Jahr und Tag konsumiert haben, die soll es künftig nicht mehr geben.

Binnen Stunden waren Argumente auf dem Tisch, warum man doch bitte am System nicht rütteln dürfe – sie reichen von regionalpolitischen Aspekten (ohne Kuranstalten wären einige gottverlassene Gegenden auch von Touristen und gut verdienenden Ärzten längst verlassen) bis hin zur Gesundheitspolitik. Die soll ja da angeblich auch eine Rolle spielen.

Wahr ist: Immer mehr Menschen leiden unter den modernen Produktionsbedingungen. Auch wenn es an vielen Arbeitsplätzen heute weniger Umweltbelastungen gibt, kann einen der Stress ins Grab bringen. Oder in die Frühpension. Wahr ist auch: Wer dem Stress von Großraumbüros und dem Arbeitsdruck am Bildschirm ausgesetzt ist, hat andere Gesundheitsrisiken zu gewärtigen als Stahlkocher oder Bauarbeiter, für die man seinerzeit etliche Kurprogramme geschaffen hat. Wahr ist schließlich: Die Programme sind zumindest in vielen Fällen auf die neuen Bedürfnisse abgestimmt worden.

Es stimmt aber mit hoher Wahrscheinlichkeit auch, dass vielfach die falschen Menschen auf Kur gehen – während jene, die tagein, tagaus in den modernen, sauberen und dennoch stressfördernden Tretmühlen schuften, unbeirrt dem Burnout entgegentaumeln.

Diese Menschen sollte man einmal auf Kur schicken. Sagen die Ärzte. Sagt auch der Hauptverbandschef.

Mit dem Hintergedanken, dass dann die Arbeitsfähigkeit länger erhalten bliebe – und dass die Menschen zu mehr Eigenverantwortung erzogen würden. So nach dem Motto: Racker dich ab – aber pass auf deinen Körper auf! Da sind dann rasch Ideen zur Hand, dass man das eigenverantwortliche Handeln doch fördern könnte, indem man mit den Patienten Zielvereinbarungen abschließt. Also: Racker dich nicht nur ab, sondern versage dir auch den Genuss von üppigem Essen, Alkohol und Nikotin. Dann gibt es – vielleicht – eine Prämie. Beim für die Unternehmer zuständigen Sozialversicherungsträger SVA werden solche Modelle schon ausprobiert.

Herr McDonald, er kommt von jener SVA, hat Sympathien für solche Bonussysteme – und er hat Talent dafür, solche Ideen zu vermarkten. Bonus klingt ja erst einmal gut: Wenn man Beiträge oder Selbstbehalte spart und dabei auch noch gesünder wird, dann ist man rasch geneigt, zuzustimmen.

Es lohnt aber, noch einmal nachzudenken: Ist im Bonussystem nicht auch ein Malus versteckt? Geht mit dem Lob der Selbstverantwortung nicht auch eine moralische Verurteilung der weniger Gesunden einher? Und: Legen wir überhaupt die richtigen Maßstäbe an, wenn die Medizin mehr der Ausbeutung der Arbeitskraft als dem Wohlbefinden der Bevölkerung dient? (Conrad Seidl, 12.8.2015)

Share if you care.