Magertrends im Netz: Münzen auf Schlüsselbein stapeln

12. August 2015, 16:41
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Im Spätsommer häufen sich Akutfälle wegen Hungerwahns in Kinder- und Jugendkliniken. Über soziale Medien verbreitete Trends verstärken ihn laut Experten

Innsbruck – Sie erspare sich und uns die Erniedrigung, sagt die junge Frau im Video. Diesen peinlichen Moment, wenn sie das jetzt vor der Kamera versuche und dann dabei versage. Sie hat es nämlich schon probiert. Allein. "Ich kann es nicht", sagt das Mädchen, stockt, blickt traurig in die Kamera. Als wäre sie davon überzeugt, gerade Erwartungen zu enttäuschen. "Ich komme mit der Hand da einfach nicht hin."

Die junge Amerikanerin spricht über die "Belly Button Challenge", einen der Magertrends dieses Sommers. Dabei wird versucht, mit einem Arm den Rücken zu umschlingen und vorne mit den Fingern den eigenen Bauchnabel zu berühren. (Selbsttest-Fazit mehrerer Normalgewichtiger: ist schwierig!)

"Collarbone Challenge"

Das junge, schlanke Mädchen auf Youtube schöpft aber gleich wieder Hoffnung. Es gibt ja schon eine neue Herausforderung für tatsächliche und angehende Hungerhaken – und bei dieser Aufgabe spielt sie vorn mit. Die Idee: möglichst viele Münzen auf dem hervorstehenden Schlüsselbein stapeln. "Collarbone Challenge" nennt sich das.

Die Amerikanerin drapiert zuerst einige Pennys auf ihrem Knochen – die fallen aber runter. Dank neuer Strategie (Luftanhalten!) werden es schließlich zwei Dollar und 25 Cent, die ihr rechtes Schlüsselbein hält. Sie versucht, sich lässig zu geben, aber jeder Küchenpsychologe erkennt: Die junge Frau ist sichtlich stolz auf sich.

Viele Akutfälle im Sommer

Magerwahn hat gerade wieder Saison. Die Hungerphase beginnt zumeist im Frühling, im Spätsommer häufen sich dann die Akutfälle, sagt Kathrin Sevecke, Direktorin der Innsbrucker Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. "All diese fragwürdigen Trends haben gemeinsam, dass sie Essstörungen begünstigen, verstärken oder auslösen können."

Drei von hundert Österreichern leiden an einer Essstörung. Gerade Kinder und Jugendliche machen sich immer häufiger und früher Gedanken über ihr Gewicht. "Vierzig Prozent der elf- bis 17-jährigen normal- oder untergewichtigen Personen sind unzufrieden mit ihrem Körper. Die Hälfte der Jugendlichen in Mitteleuropa hat bereits zumindest eine Diät hinter sich", sagt Sevecke.

Internet leistet Beitrag

Es gebe zu diesem Thema zwar erst wenige Studien, aber sie erlebe: Das Internet leiste einen wesentlichen Beitrag zum Magerwahn. "Jugendliche mit Essstörungen können sich dort austauschen, vergleichen, sie geben sich gegenseitig Diättipps und spornen sich beim Abnehmen an. Hinzukommen die Magertrends, bei denen es immer darum geht, wer der oder zumeist die Dünnste ist", sagt Sevecke – und kollektiv hungert es sich leichter.

Betroffen seien immer häufiger auch Männer, und die Patienten würden jünger: "Wir haben inzwischen auch schon Zehnjährige bei uns in der Klinik." Meist würden Essstörungen aber im Alter von fünfzehn bis siebzehn Jahren auftreten, erklärt Sevecke. "Die Art der Auseinandersetzung mit dem Körper und die gesellschaftlichen Trends gehen aus medizinischer Sicht in eine ungute Richtung."

Kalorienzählen, vegan leben

Essstörungen entwickeln sich schleichend. Oft würden Jugendliche erst einmal beginnen, Kalorien zu zählen oder auf vegetarische oder vegane Ernährung umzusteigen, mehr Sport zu machen – vermeintlich gesünder zu leben. Bis Kinder und Jugendliche in der Klinik landen, seien sie zumeist schon in einem enorm schlechten körperlichen Zustand. Sevecke legt das Datenblatt einer aktuellen Patientin vor: 16 Jahre alt, 157,6 Zentimeter groß, bei der Aufnahme wog sie 39 Kilogramm.

Die Folgen einer Essstörung seien jedenfalls fatal: Herzschäden, Kreislaufprobleme, Haarausfall, verringerte Konzentrationsfähigkeit. Wichtig sei es deshalb, dass Jugendliche lernen, mit Medien umzugehen, sagt Sevecke. Schließlich sei die Perfektion, die viele anstreben und die krank macht, oft nicht mehr als das medial vermittelte Schönheitsideal. (Katharina Mittelstaedt, 12.8.2015)

  • Kinder und Jugendliche machen sich immer häufiger und früher Gedanken über ihr Gewicht. Und stoßen im Internet auf fragwürdige Trends.
    foto: dpa/armin weigel

    Kinder und Jugendliche machen sich immer häufiger und früher Gedanken über ihr Gewicht. Und stoßen im Internet auf fragwürdige Trends.

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