Oberhauser sieht kaum schwarze Schafe auf Kur

11. August 2015, 17:59
172 Postings

ÖVP-Chef Mitterlehner forderte bereits in den 1990er-Jahren, Kurgästen den Urlaub zu kürzen. Die Gesundheitsministerin ist nach wie vor dagegen

Wien – Drei Wochen dauert eine durchschnittliche Kur – drei Wochen, in denen das Gehalt vom Arbeitgeber weiterhin bezahlt wird (als ob der Kurgast im Krankenstand wäre). Die Unternehmer haben sich dagegen schon lange gewehrt – mit wenig Erfolg: Bereits 1998 ergab eine Berechnung des ÖVP-Wirtschaftsbunds, dass jede Woche Kuraufenthalt die Unternehmen mit zwei Milliarden Schilling (ohne Inflationsanpassung 145 Millionen Euro) belaste; woraufhin der Wirtschaftsbund die Forderung erhoben hat, dass bei einer dreiwöchigen Kur die erste Woche vom Urlaubsanspruch abzuziehen wäre.

Erhoben wurde die Forderung vom damaligen Wirtschaftsbund-Generalsekretär Reinhold Mitterlehner. 17 Jahre später ist Mitterlehner Wirtschaftsminister und ÖVP-Chef. Auf Nachfrage des STANDARD in seinem Büro heißt es, dass Mitterlehner gerade urlaube, weshalb er zu seinem damaligen Vorschlag nicht befragt werden könne. Und dass im Übrigen die Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (SPÖ) zuständig sei.

"Überzogene Position"

Diese nennt im STANDARD-Gespräch die Wirtschaftsbund-Position "völlig überzogen – da könnte man ja gleich verlangen, dass Krankenstand und Urlaub gegeneinander aufgerechnet werden". Für sie weder als Gesundheitspolitikerin noch als Gewerkschafterin akzeptabel.

Überhaupt ärgert Oberhauser an der derzeitigen Debatte über die Kuraufenthalte, "dass da als Sommerthema eine Schwarze-Schafe-Diskussion aufgezogen wird".

ÖVP-Gesundheitssprecher Erwin Rasinger weicht der Diskussion um die Gegenrechnung von Urlaub und Kur aus: "Ich bin kein Sozialpolitiker, sondern Gesundheitspolitiker" – und als solcher halte er Kuren für sehr sinnvoll. Obwohl er einräumen muss, "dass viele, die hingehören, nicht hinfahren, und andere in meine Praxis kommen und verlangen: 'Herr Doktor, das steht mir zu.'"

All-in-Verträge und null Bock auf Bewegung

Jedenfalls sei es für manche Österreicher "ein Segen, wenn man die einmal drei Wochen aus dem System herausnimmt. Das sind die Leute, die im Beruf laufend Überstunden machen, Leute, die All-in-Verträge haben – das sind genau die, die nicht auf ihre Gesundheit schauen, das sind genau die, die null Bock auf Bewegung haben." Einig ist er mit Oberhauser, dass man Menschen, die auf Kur gehen, nicht als Urlaubsverlängerer verunglimpfen dürfe.

Auch müsse man die Kosten in Relation sehen: "In einem System, das 33 Milliarden im Jahr kostet, sind die Spitäler das Teuerste. Wir sind Weltmeister in der Reparaturmedizin, aber ganz schwach bei der Prävention." Wenn Kuren die Spitalsaufenthalte reduzierten, dann entlasteten sie das System.

Was aber, wenn Kuren nicht wirken – wenn Kurgäste gar den Erfolg der Kur hintertreiben, indem sie weiterhin fressen, saufen und rauchen? Martin Gleitsmann von der Wirtschaftskammer zeigte sich im ORF-"Morgenjournal" am Dienstag weitgehend einig mit dem Arbeiterkammerexperten Helmut Ivansits, die Genehmigung einer weiteren Kur von vereinbarten Fortschritten beim Abnehmen oder Blutdrucksenken abhängig zu machen.

Detektive hinter rauchenden Patienten

Rasinger und Oberhauser sehen solche Zielvereinbarungen in koalitionärer Einigkeit eher skeptisch. "Man darf nicht bös sein, wenn einer nicht gleich zu rauchen aufhört", sagt der ÖVP-Mediziner, und die SP-Ministerin hinterfragt (von der Sozialversicherung der Gewerblichen Wirtschaft propagierte) Zielvereinbarungen überhaupt: "Schickt der Arzt dem Patienten dann einen Detektiv hinterher?" (Conrad Seidl, 11.8.2015)

  • Weit überzogene Forderung, Kur und Urlaub gegenzurechnen: Sabine Oberhauser (SPÖ) lehnt Reinhold Mitterlehners alte Idee ab.
    foto: apa/punz

    Weit überzogene Forderung, Kur und Urlaub gegenzurechnen: Sabine Oberhauser (SPÖ) lehnt Reinhold Mitterlehners alte Idee ab.

Share if you care.