Wo ist ein Ende mit den Flüchtlingen?

Kolumne11. August 2015, 17:15
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Die Folge des breitflächigen Staatsversagens zeigt sich im südlichen und östlichen Mittelmeer

Europa ist konfrontiert mit einem massiven Zusammenbruch der Staatenwelt in Afrika und den arabischen Ländern. Als Folge kommt eine starke Flucht- und Wanderbewegung zu uns.

Der Westen und die USA haben eine gewisse Mitschuld, aber nicht am Kern des Problems. Die arabischen und schwarzafrikanischen Regime der harten Hand und der Korruption konnten jahrzehntelang gewaltsam die Folgen eines Überschusses an jungen, radikalisierten Männern ohne Lebensperspektive unten halten, jetzt eben nicht mehr. Der Irakkrieg von Bush und das halbherzige Eingreifen in Syrien und Libyen haben das noch beschleunigt, aber es ist nicht die Ursache.

Die Folge des breitflächigen Staatsversagens in Afghanistan, Pakistan, Syrien, Irak, Jemen, Libyen, zunehmend auch in Ägypten, Tunesien, in Somalia, Eritrea, Nigeria, Westafrika zeigt sich im südlichen und östlichen Mittelmeer. Tausende setzen ihr Leben aufs Spiel, und nichts kann sie abhalten. Sie versuchen es einfach immer und immer wieder.

Was tun? Die eine Ebene ist die sozusagen praktisch-technische. Man kann versuchen, bessere Rettungsflotten zu organisieren bzw. in Griechenland, das im Moment die Hauptlast trägt, die Infrastruktur der humanitären Rettung und Hilfe zu verbessern. Staaten wie Österreich könnten versuchen, sich darauf zu besinnen, dass man schon mehrmals solche Flüchtlingsströme bewältigt hat. Zuletzt vor über 20 Jahren, als 90.000 Bosnier kamen. Das Zaubermittel? Rasch entscheiden, mutig entscheiden, improvisieren, nicht jämmerlich herumreden. Handeln.

Momentan unbeantwortbar ist die Frage: Wie viele kommen noch? Wo ist ein Ende? Syrien hatte zu Bürgerkriegsbeginn 22 Millionen Einwohner, vier Millionen sind geflohen (hauptsächlich in die Türkei, den Libanon und Jordanien), aber Hunderttausende werden nach Europa kommen. Einen Teil (vor allem auch der Afghanen) müssen die USA nehmen. Ein großer Teil wird nach Ende des Bürgerkrieges wieder zurückkehren. Aber zwei-, dreihunderttausend Kriegsflüchtlinge muss Europa wohl auf Dauer aufnehmen und integrieren. Dann noch etwa dieselbe Zahl an Afrikanern. Das sollte machbar sein bei 500 Millionen EU-Einwohnern.

Allerdings nur für eine kurze Zeit (ein, zwei Jahre?). Dann wird der politische Backlash, ausgehend vom reichen Nährboden eines existierenden Unbehagens mit der (muslimischen) Immigrationsbevölkerung, die politischen Verhältnisse in Europa total umstürzen. Le Pen, Strache, Wilders und noch ein paar dieser Typen werden oben- auf sein.

Die Regierungen müssen vorher ihren Laden beisammenhaben, es müssen auch neue Personen her. Wenn sie zeigen, dass man mit zehntausenden Kriegsflüchtlingen kompetent umgehen kann, sinkt auch die diffuse Angst. Eine längerfristige Strategie? Ist jetzt kaum absehbar (oder eher: kaum umsetzbar, wenn man an aktive Verbesserungen in den Fluchtländern denkt). Im Moment gibt es nur pragmatische, möglichst praktikable Ad-hoc-Lösungen. Aber auch die muss man noch zusammenbringen. (HANS RAUSCHER, 11.8.2015)

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