Mehr als Verpackung: 100 Jahre Coca-Cola-Flasche

18. August 2015, 10:58
44 Postings

Dass eine Flasche viel mehr als nur Verpackung ist, weiß man spätestens seit der Erfindung der bauchigen Coca-Cola-Bouteille

Dann lag dieser Brief in der Post. Die Firma Coca-Cola schrieb im April 1915, es gehe darum, eine Flasche zu kreieren, die "im Dunkeln ertastet werden könnte und auch dann noch erkennbar bleibt, wenn sie irgendwo in Scherben auf dem Boden liegt".

Was für ein ausgefallener Auftrag, dachte der Chef der Root Glass Company, die in der kleinen Stadt Terre Haute im US-Bundesstaat Indiana ihren Firmensitz hatte. Chapman J. Root schickte zwei seiner besten Mitarbeiter in die örtliche Bücherei. Dort sollten sie sich Inspiration holen für die eigentlich irrsinnige Idee, diese einmalige Flasche zu erschaffen.

Inspiration Kakaofrucht

Zufällig stießen die beiden auf das Bild einer Kakaofrucht im dicken Band der Encyclopædia Britannica. Ihre bauchige Form inspirierte sie, die Idee war geboren. Sie entwarfen eine Flasche mit breitem Hüftschwung, gaben ihr ein paar Rippen und etwas später einen dezenten Grünton als Referenz an den Coca-Cola-Firmensitz Georgia Green. Auch eine gläserne Tiffany-Vase soll bei der Formgebung eine Rolle gespielt haben. Jedenfalls siegte die Root Glass Company im Wettbewerb, am 16. November 1915 war das Patent für die Konturflasche, die auch "Humpelrock" genannt wurde, da. Die Herren von Coca-Cola waren begeistert. Sie waren sicher, jeder, der diese markante Flasche im Geschäft aus einem Eisschrank zieht, weiß sofort, was ihr Inhalt ist. Knapp 50 Millionen Stück verkaufte Coca-Cola im ersten Jahr von dieser Flasche, vom Getränk natürlich auch.

Die internationale Werbebranche schwärmt bis heute von diesem Branding. Auch 100 Jahre danach erweisen sich der Auftrag und die Ausführung als Design-Bestseller. Wahrscheinlich könnte in einer Quizshow jeder mit geschlossenen Augen die Flasche mit dem Hüftschwung, den geschwungenen Rillen und dem eingeblasenen Schriftzug erkennen. In den USA erklären bei Umfragen 99 Prozent, eine Coke alleine an der Form zu erkennen.

Warhols Kunstserie

Selbst Künstler, sonst nicht im Verdacht, Markenbotschafter zu sein, fanden die Flasche faszinierend und malten sie. Salvador Dalí, Roy Lichtenstein oder Keith Haring, auf all ihren Bildern findet sich die Coke wieder. Andy Warhol widmete der dunklen Limo sogar eine ganze Serie. Seine 1962 entstandene Reihe "Coca-Cola Bottles" ging im November 2013 bei einer Auktion in London für 37,5 Millionen Euro über die Auktionshaus-Budel.

foto: apa/epa/ erik s. lesser
Coca-Cola (3) von Andy Warhol.

Schon früher hätte der König der Pop-Art mit seinen Worten den Coca-Verantwortlichen aufwändige Werbekampagnen erspart. "Du sitzt vor dem Fernseher und siehst Coca-Cola, und du weißt, dass der Präsident Coke trinkt", fabulierte Warhol. "Eine Coke ist eine Coke, und mit keinem Geld der Welt kannst du dir eine bessere Coke kaufen als die, die der Penner an der Ecke gerade trinkt."Auch zum 100. Geburtstag der Flasche ist den Managern moderne Kunst wichtig. Mit einem 3-D-Drucker erstellt, hängen zum Beispiel 500 Coca-Cola-Flaschen an der Decke im High Museum of Art in Atlanta.

foto: apa/epa/s. lesser
Coca-Cola-Flaschen aus dem 3-D-Drucker.

Das Geburtstagskind ist wohl der berühmteste Klassiker in der Welt der gläsernen Verpackung, aber natürlich nicht der einzige. Man denke an Bluna, Afri-Cola, die Perlenflasche von Günter Kupetz, auch die Form der Almdudler-Flasche und die alten Römerquelle-Bouteillen haben ein Stück weit unsere Alltagsästhetik geprägt. Doch bei allen Erfolgsgeschichten hat es auch in diesem Bereich die Tradition mit dem Trend nicht immer leicht – und umgekehrt.

Imageträger

Käufer sind äußerst sensibel und reagieren prompt, wie es zum Beispiel die deutsche Brauerei Veltins in den 1990er-Jahren erlebte. Als die Firma aus dem Sauerland die scheinbar altbackene "Steinie"-Flasche, die bauchig ist und leicht gedrungen wirkt, durch die sehr viel schlankere Euro-Flasche ersetzen wollte, protestierte das Bier-Publikum so lange, bis das Bier in der geliebten Steinie-Form wieder in den Regalen stand.

Im unübersehbaren Angebot der Getränkefirmen, egal ob Limonade, Bier oder Stärkeres, ist eine außergewöhnliche Flaschenform nicht nur Hingucker, sondern das beste Kaufargument. Auch deshalb engagiert man in Sachen Glasdesign Leute wie Ross Lovegrove, Philippe Starck oder Marcel Wanders. Es geht nicht in erster Linie darum, eine Verpackung zu schaffen, sondern einen Imageträger, wie dies zum Beispiel dem walisischen Quellwasser Ty Nant mit seiner kobaltblauen Flasche gelang. Auch die charakteristische Flasche von Absolut Vodka, 1979 im Zuge der Erneuerung des Markenimages von Gunnar Broman entworfen, ist dank ihrer Form das eigentliche Markenzeichen des Schnapses.

foto: reuters/edgar su
Ausgestellt: die Absolut-Vodka-Flasche.

Dass das gläserne Kleid eines Getränks nicht zu unterschätzen ist, weiß man auch in der Südsteiermark. Das Familienunternehmen Cristallo Glas aus Gamlitz ist bekannt durch seine "Steiermark-Weinflaschen", es entwickelt für Weingüter individuelle Flaschen. "Die ideale Verpackung sollte die Seele des Produktes nach außen tragen." Der Satz von Geschäftsführerin Kerstin Wratschko klingt zwar pathetisch, doch es ist klar, dass gerade auch in vielen Bereichen der Getränkeindustrie die Verpackung der wahre Verkäufer ist. (Oliver Zelt, Rondo, 17.8.2015)

  • Die Flasche mit dem Hüftschwung, den geschwungenen Rillen und dem eingeblasenen Schriftzug feiert ihren 100. Geburtstag.
    foto: coca-cola

    Die Flasche mit dem Hüftschwung, den geschwungenen Rillen und dem eingeblasenen Schriftzug feiert ihren 100. Geburtstag.

Share if you care.